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23.01.2014

16:28 Uhr

Designer Jan Kath

Der Herr der Knoten

VonCarina Kontio

Jan Kath haucht dem muffigen Orientteppich neues Leben ein. Zu seinen Kunden gehören Bill Clinton, Bruce Willis und Rupert Murdoch – doch in seine eigene Wohnung in Bochum lässt er keines seiner Werke.

Jan Kath, der Teppich-Designer Kath aus Bochum gehört international zu den Besten im Luxussegment. dpa

Jan Kath, der Teppich-Designer Kath aus Bochum gehört international zu den Besten im Luxussegment.

Herr Kath, Sie entwerfen Teppiche, die so gar nichts mehr mit dem angestaubten Image des Orientteppichs zu tun haben. Teppiche, die nach dem Versengen mit dem Gasbrenner wie von Motten zerfressen aussehen. Oder wie übergroße Toastbrote, auch mal wie feucht geworden oder völlig verpixelt. Wie kommt ein Mann aus dem Pott dazu, das Ansehen des Orientteppichs zu retten?

Ich wurde in eine Familie reingeboren, die nur mit Orientteppichen zu tun hatte und bin in diesem etwas „angestaubtem“ Ambiente groß geworden. Meine Eltern waren aber gar nicht konservativ. Bei uns war es fast schon normal, dass Menschen mit Turban und langen Gewändern aus Ägypten mit am Abendbrot-Tisch saßen. Als Kind bin ich über riesige Teppichstapel gesprungen, das war meine Spielwelt.

Sind Teppiche denn nicht spießig?

Jetzt nicht mehr und dazu haben auch wir ein bisschen beigetragen. Das ist aber auch eine Frage des Zeitgeists.

Deutschlands geheime Weltmeister – eine Auswahl

Beispiele für Hidden Champions

Anschaulicher als abstrakte Statistiken sind Fallbeschreibungen ausgewählter Hidden Champions. Obwohl uns ihre Erzeugnisse ständig umgeben, haben wir von den weitaus meisten dieser Firmen nie gehört. Die folgende Auswahl vermittelt einen Eindruck von der schillernden Vielfalt, den Marktpositionen, den Besonderheiten dieser Firmen.

Flexi

Ein Unternehmen wie Flexi kann es in Deutschland eigentlich nicht geben. Flexi hat bei Rollleinen für Hunde einen Weltmarktanteil von rund 70 %, fertigt ausschließlich in einer Manufaktur in Deutschland und exportiert mehr als 90 % seiner Produkte in über 50 Länder. Alle Versuche chinesischer Konkurrenten, Flexi den Markt wegzunehmen, verliefen bisher im Sande. Im Gegenteil, Flexi greift in Asien mit voller Kraft an, der Vormarsch nach Globalia geht weiter. Bis 2020 soll der Umsatz von heute rund 50 Millionen auf 100 Millionen Euro verdoppelt werden.

Utsch

Haben Sie jemals darüber nachgedacht, woher das Kennzeichen Ihres Autos stammt? Der Weltmarktführer auf diesem Gebiet ist die Firma Utsch aus Siegen. Auf der Utsch-Homepage heißt es: „Lange bevor 'Globalisierung' zum Begriff wurde, war sie für Utsch Tagesgeschäft.“ Das ist keinesfalls übertrieben. In mehr als 120 Ländern gibt es Kfz-Kennzeichen von Utsch. Mit seinen 500 Mitarbeitern und 250 Millionen Euro Umsatz ist Utsch längst in Globalia zu Hause.

Invers

Da wir gerade in Siegen sind, dem Zentrum des unscheinbaren Siegerlandes: Dort sitzt auch der Weltmarktführer für Carsharing-Systeme, die Firma Invers. Carsharing ist ein neu entstehender Markt, der durch die geänderten Mobilitätsbedürfnisse großes Zukunftspotenzial verspricht. Uwe Latsch beschäftigte sich seit Anfang der 90er Jahre mit Carsharing-Technologie. Die Firma Invers führt er heute zusammen mit Alexander Kirn. Die Systeme sind nicht nur bei führenden Carsharing-Anbietern in Europa, sondern auch in den USA und Asien, wo Invers eigene Niederlassungen unterhält, im Einsatz.

IP Labs

Vielleicht haben Sie schon einmal ein digitales Fotobuch bestellt. Die Chance ist groß, dass die bei der Zusammenstellung, Bestellung und Produktion eingesetzte Software von IP Labs stammt. Das junge Bonner Unternehmen ist Weltmarktführer auf diesem Gebiet. Von Frank Thelen und Georg Sommershof im Jahr 2003 gegründet, gehört dieser Hidden Champion heute zum japanischen Fuji-Film-Konzern, der seinerseits eine globale Führungsposition im Fotomarkt besitzt. Laut Mitgründer und Geschäftsführer Georg Sommershof gibt es in Europa praktisch keine Konkurrenz für IP Labs.

Delo

Ob im Airbag-Sensor, dem Chip auf EC-Karten oder Reisepässen – Delo- Klebstoffe haben sich, vom Verbraucher unbemerkt, in vielen Bereichen unentbehrlich gemacht. Besonders in neuen Technologien wie Smartcards nimmt Delo eine weltweit führende Stellung ein. In drei von vier Chipkarten weltweit stecken Klebstoffe von Delo.

Belfor

Belfor ist der globale Marktführer für die Sanierung von Brand-, Wasserund Sturmschäden. Mit einer knappen Milliarde Euro Umsatz und gut 5 000 Mitarbeitern übertrifft Belfor seinen stärksten Konkurrenten um mehr als das Doppelte und ist die einzige Firma, die diese Spezialdienstleistung weltweit anbietet.

Trodat

Die Produkte dieses österreichischen Hidden Champions finden sich auf Schreibtischen in 160 Ländern. Trodat ist seit den 1960er Jahren unangefochtener Weltmarktführer bei Stempeln. Auch die Erfindung des ersten farbigen Stempels geht auf das Konto von Trodat. Die Exportquote liegt bei 98 %.

Jungbunzlauer

Wenn Sie eine Coca-Cola trinken, denken Sie vermutlich nicht an Jungbunzlauer. Dabei steckt in jeder Coca-Cola die Zitronensäure dieses Weltmarktführers österreichisch-schweizerischer Provenienz.

Temenos

Nein, Temenos ist kein griechischer Philosoph. Die Temenos Group AG wurde 1993 in der Schweiz gegründet und ist heute der weltmarktführende Anbieter von Software für Retail, Corporate, Correspondent, Universal, Private, Islamic und Community Banking sowie Microfinance. Am Firmenstammsitz in Genf und in 56 weltweiten Niederlassungen arbeiten 3 500 Beschäftigte für über 1 000 Finanzinstitute in mehr als 125 Ländern der Welt.

Isovoltaic

Die europäische Photovoltaik-Industrie hat seit 2010 ihre führende Position im Weltmarkt verloren. Doch für die österreichische Firma Isovoltaic gilt das nicht. Dieser Hidden Champion ist klarer Weltmarkt- und Technologieführer bei Rückseitenfolien für Photovoltaik-Module. Diese Folien schützen die Solarzellen vor Umwelteinflüssen und werden von allen Modulherstellern gebraucht. Mit einer eigenen Produktion in China ist Isovoltaic nahe an seinen Kunden im mittlerweile größten Markt für Solarmodule.

Gottschalk

Bedenken wir jemals, dass kleine Alltagsgegenstände wie Heftzwecken oder Büroklammern von irgendjemandem hergestellt werden müssen? Im Falle der Heftzwecken (je nach Region auch Reißzwecken, Reißnägel oder Reißbrettstifte genannt) erledigt das Rolf Gottschalk aus Arnsberg im Sauerland. Seine Firma ist der einzige Hersteller von Heftzwecken in Europa. Und es gibt nur einen weiteren Hersteller in der ganzen Welt, eine chinesische Firma. Gottschalk und seine Mannschaft produzieren täglich 12 Millionen dieser Kleinartikel, die unter 300 verschiedenen Markennamen weltweit verkauft werden.

Ludo Fact

Ludo Fact ist ein reiner Produzent und stellt als solcher Spiele her, die von Verlagen konzipiert und vermarktet werden. In diesem Geschäft ist Ludo Fact die Nr. 1 in Europa. Die Firma ist von 34 Mitarbeitern in 1995 auf mehr als 600 heute gewachsen. Pro Tag verlassen 50 000 Gesellschaftsspiele die Produktionshallen, pro Jahr sind es 12 Millionen – mit stark wachsender Tendenz, im Laufe von 2012 wird die Tageskapazität auf 75 000 Spiele erhöht.

Gartner

Es werden immer mehr Hochhäuser gebaut. Wer realisiert die Fassaden für solche gigantischen Wolkenkratzer? Im Zweifelsfalle die Firma Josef Gartner aus Gundelfingen im Schwäbischen, denn Gartner ist für solche Jobs die unbestrittene Nr. 1 in der Welt. Gartner testet die Fassadenelemente mit einem Düsentriebwerk auf Sturmfestigkeit. Da dürfte es nicht überraschen, dass auch das höchste Gebäude der Welt, das »Burj Chalifa« in Dubai, genauso wie der vorherige Rekordhalter, das »Taipei 101« in Taiwan (101 steht für die Zahl der Stockwerke), mit Fassaden von Gartner ausgerüstet sind.

Baader

In Island heißt ein qualifizierter Mechaniker »Baader-Man«. Dies liegt daran, dass er im Zweifelsfalle an Baader-Systemen ausgebildet wurde. Auch in Wladiwostok hat man keine Probleme, Produkte und Services von Baader zu bekommen. Baader ist der mit Abstand führende Anbieter von Fischverarbeitungsanlagen und hat einen Weltmarktanteil von 80 %.

Arnold & Richter, Sachtler

Ein Bekannter, der mit dem Hidden-Champions-Konzept vertraut war, begleitete mich durch Tokio. Wir trafen auf ein professionelles Filmteam. Spontan sagte ich zu meinem Begleiter: »Ich zeige Ihnen jetzt einmal zwei deutsche Hidden-Champions-Produkte in Aktion – mitten in Tokio.« Ohne zu zögern ging ich auf den Kameramann zu, natürlich hatte er eine ARRI-Kamera und ein Sachtler-Stativ, er war eben ein Profi. Beide Firmen sind Weltmarktführer und für ihre Produkte mit zahlreichen Oscars ausgezeichnet worden.

Sie sind in der 3. Generation im Teppichgeschäft, Ihr Unternehmen hat sich zu einem millionenschweren Unternehmen entwickelt. Woher kommt dieser Teppich-Boom?

Dafür gibt es mehrere Gründe. Mal ist es in, dann ist es wieder out, dann wieder in. Das läuft in Wellen ab. Wenn Sie vor zehn Jahren ein Designmagazin durchgeblättert hätten, dann hätten Sie keinen Teppich gesehen sondern nur glatt polierte, strenge und kühle Betonböden. Seit einigen Jahren wird aber alles wieder ein bisschen weicher und wärmer und kuscheliger. Meine These: Umso heftiger, radikaler und aggressiver es draußen in der Welt ist, desto mehr ziehen sich die Leute in ihre eigenen vier Wände zurück zurück.

Am Anfang wollten Sie mit Teppichen allerdings so gar nix am Hut haben, oder?

Auf keinen Fall. Nach meinem Zivildienst habe ich den Rucksack gepackt und bin fast zwei Jahre lang in Indien und Nepal unterwegs gewesen. Dort habe ich alles gemacht, nur nichts mit Teppichen. Ich war so lange in der Techno-Szene unterwegs, bis mir das Geld ausgegangen ist. Und dann, nennen Sie es Zufall oder Schicksal, lief mir in der Millionenstadt Kathmandu ein Mann über den Weg, der früher Teppichlieferant meiner Eltern war. Um die Sache abzukürzen: Ich war ziemlich abgerockt und er hatte keine Lust mehr auf seine Arbeit. Zwei Wochen später hatte ich seinen Job.

Damit war aber noch nicht Ihre Leidenschaft für Teppiche geweckt, oder?

Nein, nein, die standen noch nicht im Vordergrund. Der Job war einfach nur Mittel zum Zweck, denn eigentlich wollte ich ja nur in der Hippie-Stadt bleiben. Aber dann wird man ja auch älter, versteht mehr vom Geschäft und entwickelt andere Interessen. Eines Tages, als der alte Bekannte dann komplett in den Ruhestand gegangen ist, habe ich seine Fabrik gekauft. Natürlich ging das nur mit der Hilfe meiner Eltern, die mir vorzeitig mein Erbe ausbezahlt haben.

Da waren Sie gerade mal 23 Jahre alt...

Ja, das lief alles so ein bisschen unter dem Motto: Denn sie wissen nicht, was sie tun. Ich musste plötzlich die Verantwortung für 500 Leute tragen. Und dann hatte ich bei der ganzen Aktion noch vergessen, dass ich ja auch noch einen Designer brauche, um die Teppichkollektionen zu entwickeln.

Dafür war wahrscheinlich dann auch kein Geld mehr da, oder?

So war das. Zum Glück bin ich Waldorf-Schüler gewesen und hatte einen sehr guten Kunstlehrer, der mir viel gezeigt hat. Also habe ich einfach in mich reingehorcht und die ersten Kollektionen ganz naiv aus dem Bauch heraus entwickelt. Leider hat das nicht so richtig funktioniert, weil ich mich noch zu sehr an dem orientiert habe, was die anderen machen.

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