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30.08.2012

07:39 Uhr

Deutsche Mittelständler

Für den Auftrag muss die Musik stimmen

VonReinhold Müller

Reinhold Müller baut Elektroanlagen. Auch in China. Bei seinen Geschäften musste der Mittelständler aus dem Sauerland einigen Fettnäpfchen aus dem Weg gehen. Hineingetreten ist er nicht. Ein Erfahrungsbericht.

Reinhold Müller mit seiner Dolmetscherin Yuzhu Zhang. Elektro Müller

Reinhold Müller mit seiner Dolmetscherin Yuzhu Zhang.

DüsseldorfMeine langjährige Dolmetscherin Yuzhu Zhang hatte einen besonderen Tipp für mich parat, als sie hörte, dass ich im Handelsblatt über meine Erfahrungen im Geschäft mit China berichten werde. „Die sollen uns nicht nur ihre patentierten Produkte bauen lassen, sondern uns die Patente verkaufen. Dann gibt es auch nicht mehr so viele chinesische Plagiate“, sagte sie mir.

Yuzhu lebt mittlerweile schon lange Zeit in Deutschland. Sie hat in Münster promoviert, doch ihre Sicht auf die Welt ist chinesisch. Ihre Empfehlung zeigt, welche Herausforderungen Kanzlerin Merkel auf ihrer Fernost-Reise erwarten – und wie unterschiedlich die industriellen Interessen unserer Länder manchmal noch sind.

Seit 2003 führe ich als Mittelständler Geschäfte mit chinesischen Unternehmen. Anfangs haben wir direkt mit China Wheels, einem Autofelgenhersteller, zusammengearbeitet. Heute bauen wir noch Anlagen im Auftrag für Großkunden wie AEG. Meine Projekte im Elektroanlagenbau liefen immer reibungslos. Aber nur, so glaube ich, weil ich vorbereitet war.

Niemand kann einfach nach China gehen und sich dort selbstständig machen. Das funktioniert meiner Erfahrung nach nicht. Als deutscher Unternehmer brauche ich immer eine Vertrauensperson in China, sonst bekomme ich keinen Zugang zu Geschäftspartnern. Sind diese Kontakte hergestellt, läuft es automatisch, weil Empfehlungen das A und O auf dem chinesischen Markt sind. Werde ich von meinen chinesischen Kontaktpartnern nicht weiterempfohlen, mache ich auch keine Geschäfte mehr.

Diese deutschen Firmen gehören jetzt Chinesen

Putzmeister

Der Betonpumpen-Weltmarktführer Sany Heavy Industry übernimmt im Januar 2012 das schwäbische Unternehmen für gut 320 Millionen Euro.

Kiekert

Der Pekinger Automobilzulieferer Lingyun übernimmt 2012 den Weltmarktführer für Pkw-Schließsysteme aus Heiligenhaus (NRW).

Schwing

Die Xuzhou Construction Machinery Group (XCMG) wird im April 2012 Mehrheitseigener des westfälischen Betonpumpenherstellers. Der Verkaufspreis des Herner Unternehmens soll bei rund 300 Millionen Euro liegen.

Kion

2012 steigt der chinesische Nutzfahrzeugproduzent Weichai Power beim Gabelstaplerhersteller Kion ein. Die Chinesen kaufen zunächst für 467 Millionen Euro 25 Prozent an Kion und steigern 2015 ihren Anteil auf 38,25 Prozent. Außerdem erhält der Investor für 271 Millionen Euro eine Mehrheitsbeteiligung von 70 Prozent an der Hydrauliksparte Kions.

Solibro

Das insolvente Solarunternehmen Q-Cells vereinbart im Juni 2012 den Verkauf seiner Tochterfirma mit Sitz in Bitterfeld-Wolfen an die Pekinger Hanergy Holding Group.

Sunways

Der Konstanzer Photovoltaik-Konzern ging 2012 zum Schnäppchenpreis an den chinesischen Solarriesen LDK Solar. Doch 2013 und 2014 reichte Sunways jeweils einen Insolvenzantrag ein. Teile des Unternehmens wurden in der Folge an den chinesischen Solarkonzerns Shunfeng verkauft.

Tailored Blanks

Der Industriegüterkonzern Thyssen-Krupp schließt 2013 den Verkauf seiner Tochter an den chinesischen Stahlkonzern Wuhan Iron and Steel (Wisco) ab. Zum Preis machen beide Seiten keine Angaben.

Koki Technik Transmission Systems

Das chinesische Unternehmen Avic Electromechanical Systems (Avicem) – eine Tochter der staatlichen Unternehmensgruppe Aviation Industry Corporation of China (Avic) – übernimmt 2014 den sächsischen Autozulieferer. Ein Kaufpreis wird nicht genannt.

Hilite

Avic übernimmt 2014 für 473 Millionen Euro den deutschen Autozulieferer.

Krauss-Maffei

Im Januar 2016 verkauft Onex den Münchener Spezialmaschinenbauer Krauss-Maffei an ein Konsortium um die staatliche National Chemical Corporation (Chemchina). Der größte Chemiekonzern des Landes zahlt 925 Millionen Euro für den traditionsreichen Hersteller von Spritzgießmaschinen für die Kunststoff- und Gummi-Verarbeitung.

EEW

Die chinesische Holding Beijing Enterprises kauft im Februar 2016 den Abfallkonzern EEW Energy from Waste aus Helmstedt für 1,438 Milliarden Euro. Verkäufer ist der schwedische Investor EQT. EEW hat nach eigenen Angaben 1050 Mitarbeiter. Die 18 Anlagen der Gruppe können jährlich rund 4,7 Millionen Tonnen Abfall zu Energie machen und umweltschonend beseitigen. Die Fabriken erzeugen Prozessdampf für Industriebetriebe, Fernwärme für Wohngebiete und Strom für umgerechnet rund 700.000 Haushalte.

Manz

Die Shanghai Electric Group steigt im Frühjahr mit Anteilen von etwa 20 Prozent bei dem angeschlagenen Maschinenbauer ein.

Kuka

Das Augsburger Unternehmen Kuka baut nicht nur Roboter, sondern ist auch Systemanbieter rund um die digital vernetzte Industrie. Der chinesische Midea-Konzern hat Kuka ein Übernahmeangebot im Umfang von 4,5 Milliarden Euro gemacht und mit dessen Hilfe knapp 95 Prozent der Kuka-Anteile übernommen.

Das haben wir am eigenen Leibe erfahren: Nachdem China Wheels - damals unser Hauptkontakt in China - Pleite ging, haben wir auch viele wichtige Geschäftskontakte verloren. Für uns war das damals ein großes Problem. Jetzt schließt AEG seine eigenen Geschäfte vor Ort ab, wir müssen nur noch liefern.

Aus persönlicher Erfahrung weiß ich, dass man beim Geschäft in China viele Besonderheiten beachten muss. Das größte Fettnäpfchen für uns Langnasen ist, als Unternehmer arrogant aufzutreten. Deutsche Schulmeisterei braucht dort keiner. Ich versuche also immer, meinem chinesischen Geschäftspartner auf Augenhöhe zu begegnen. Nur so hat es bei mir funktioniert.

Merkel in Peking: Airbus-Auftrag weit geringer als erhofft

Merkel in Peking

Airbus-Auftrag weit geringer als erhofft

Im Vorfeld von Merkels China-Reise war von einer Bestellung von 100 Maschinen die Rede.

Für Geschäftsbeziehungen muss ich in China zwingend den menschlichen Kontakt suchen. Für den Job so viel zu feiern, das ist für uns Deutsche wohl das Ungewöhnlichste. An die sehr familiäre Atmosphäre kann man sich aber schnell gewöhnen. Die Arbeit ist deutlich angenehmer als in Deutschland.

Kommentare (5)

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Pro-D

30.08.2012, 09:40 Uhr

Der schalue Fuchs hat also, ähnlich wie Volkswagen, schon vor vielen Jahren seine chinesischen Erfahrungen gemacht. Man sieht in ihm mal wieder ein positives Beispiel deutscher Unternehmer.

Andere sind am Jammern und Schimpfen, wahrscheinlich um Mitbewerber abzuschrecken, doch der deutscher Unternehmergeister weiß seine chancen zu nutzen und errichtet seine Projekte der Zusammenarbeit.

Und was mich betrifft, ich arbeite gerne mit meinen chinesischen Kollegen zusammen.

keinvertrauen

30.08.2012, 10:01 Uhr

Lasst euch nicht von den Chinesen einlullen.
Während ihr im Restaurant schön feiert, durchsucht und fotografiert gerade jemand im Hotel eure Geschäftsunterlagen. Selbst der Taxifahrer ist auf euch angesetzt und meldet weiter, wo ihr gerade seid. Das ist Realität, kein Schauermärchen!
Wach bleiben!

Peer-Bilderberger

30.08.2012, 10:20 Uhr

oje, Sie Träumer

oje, sie Träumer

das ist überall so.
Oder meinen Sie, dass wir von BIG BROTHER nicht zu 100% überwacht werden?

wenn Firmen bereits schon heute bekannt geben, dass sie Autos mit Gedanken steuern können, dann kann man zu Recht davon ausgehen, dass Schäuble & CO. 100% unserer Gedanken lesen können.

Aber Danke für ihre informative Binsenweisheit.

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