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14.06.2012

14:20 Uhr

Existenzgründung

Lieber langsam wachsen als schnell untergehen

VonCarina Kontio

„Wissen Sie, was erfolgreiche von erfolglosen Gründern unterscheidet? Nur eine einzige Sache: Die einen tun's, die anderen nicht“, sagt die Karriere- und Gründungsberaterin Svenja Hofert. Die Hamburgerin stellt gängige Gründungsregeln auf den Kopf und erklärt, welche Fallstricke auf dem Weg zur Selbstständigkeit lauern.

„Ein Grashalm wächst nicht schneller, wenn man daran zieht“, sagt Karriereberaterin Svenja Hofert.

„Ein Grashalm wächst nicht schneller, wenn man daran zieht“, sagt Karriereberaterin Svenja Hofert.

Handelsblatt Online: Frau Hofert, noch nie seit der deutschen Einheit war das Interesse an der Selbstständigkeit geringer als heute. Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag rechnet damit, dass es im Jahr 2012 weniger als 400.000 Existenzgründungen geben wird – und damit so wenige wie in keinem Jahr zuvor seit der Wiedervereinigung. Woran könnte das liegen?

Svenja Hofert: „Sehr viele Menschen, die sich für eine Gründung interessieren, werden, das stelle ich in meiner täglichen Arbeit als Beraterin fest, extrem abgeschreckt von den Banken und den Industrie- und Handelskammern. Dort herrscht teilweise ein richtig böser Umgangston, denn es geht um Wirtschaftsförderung und um Standorte. Insbesondere dann, wenn man entgegen der Tradition nicht mit großem Businessplan und möglichst viel Geld seine Existenz startet und von zu Hause aus arbeitet, ist man für diese Organe uninteressant. Da gibt es einen Gegenwind, der mich teilweise erschüttert.“

Gibt es noch andere Gründe?

„Sicherlich spielt auch die Budgetkürzung für den Gründungszuschuss, der Arbeitslosen beim Start in die Selbstständigkeit helfen soll, eine Rolle. Seit dem Jahreswechsel ist dieser nur noch eine „Ermessensleistung“ und es besteht kein Rechtsanspruch mehr darauf.

Was beim Businessplan wichtig ist

Häufigster Fehler

Einer der häufigsten Fehler ist, dass der Gründer zu sehr von sich ausgeht und im Eifer Kunden und Geldgeber aus den Augen verliert. Daher immer wieder die Perspektive wechseln und den Businessplan aus der Sicht der Kunden bzw. Investoren machen.

Was steht drin?

Ein Businessplan sollte nicht nur formalen Ansprüchen genügen, sondern auch eine Reihe von inhaltlichen  Punkten abdecken. Dazu gehören ein ordentlich ausgefülltes Deckblatt, die Darstellung der eigenen Person, das Konzept, der Kapitalbedarfsplan, der Finanzierungsplan, eine Ertragsvorschau, der Liquiditätsplan und die Anlagen.

Die eigene Motivation

Sehr wichtig ist es, in einem Businessplan die eigene Motivation glaubwürdig zu formulieren. Ehrlichkeit siegt zwar, aber geizen Sie nicht mit Eigenlob. Machen Sie klar, dass Sie und Ihr Unternehmen eine Perspektive haben!

Das optimale Konzept

Handeln Sie die folgenden Punkte exakt durch: Geschäftsidee (Vergleich mit etablierten Unternehmen, Hintergrundinformationen beifügen), Darstellung Markt und Branche inklusive Zukunftsbetrachtung (Recherche lohnt sich!) und Vertriebs- sowie Marketingstrategie (nicht nur Werbung, sondern Image-Bildung).

Der Kapitalbedarfsplan

Ihr Konzept steht – nun geht es darum, wie viel Kapital Sie für die Umsetzung brauchen. Listen Sie alle Posten auf, die bei der Gründung Geld kosten werden. Vergessen Sie nicht, dass Sie und Ihre Familie auch von etwas leben müssen. Simone Janson bietet in ihrem Buch eine hilfreiche Übersicht.

Der Liquiditätsplan

Die Finanzierung des Unternehmens ist das eine, doch die dauerhafte Liquidität das andere. Sie müssen gewährleisten, dass Ihre Firma stets flüssig ist. Das Schreiben einer Rechnung bedeutet noch nicht, dass sie auch bezahlt wird. Für das erste Jahr sollten sie den Liquiditätsplan am besten monatlich erstellen.

Ertragsvorschau

Schließlich sollten Sie eine Übersicht darüber gewinnen, ob ihr Unternehmen dauerhaft tragbar ist. Das gefällt auch potenziellen Geldgebern. Eine Rentabilitätsvorschau, auch Ertragsvorschau genannt, ist Zentral für den Erfolg Ihrer Existenzgründung.

Nicht stur sein

Ein Businessplan hilft Ihnen als Orientierung. Aber eine Planung bedeutet nicht, ein für allemal darauf festgelegt zu sein. Es ist völlig normal, anfängliche Ideen zu verändern.

Das alles sind Hürden, die einem in den Weg gestellt werden. Das Feedback, dass Gründer dann auf eine Idee erhalten, fußt auf Standards, die vielleicht in den 80er Jahren Sinn gemacht haben, aber nicht mehr heute. Die Regeln, die in den IHKs hochgehalten werden, gelten häufig nicht mehr, denn es geht um hochkomplexe Ideen, wozu sie keine Studien und keine Muster-Businesspläne vorliegen haben. Aber kleine Selbstständige, die dann zur IHK gehen, bekommen dort zu hören: „Das ist ja eine schwachsinnige Idee“ oder „Vergessen Sie das mal lieber“. Diese Leute gehen dann enttäuscht nach Hause und sind deprimiert. All das hält Menschen davon ab, zu gründen.“

Wie Sie an Geld kommen

Staatliche Förderprogramme

Seitens des Bundes, der Länder und der EU werden Existenzgründern zahlreiche Fördermöglichkeiten geboten. Dabei gehören die Kreditprogramme der KfW Mittelstandsbanken zu den wichtigsten. Dazu zählen das KfW-Startgeld, das Unternehmerkapital sowie der Unternehmerkredit.

Banken

In der Regel sind Banken der erste Ansprechpartner, wenn es um das Startkapital geht. Im Gegensatz zu staatlichen Förderprogrammen handelt es sich aber um Fremdkapital, dass Sie mit Zinsen zurückzahlen müssen. Üblicherweise müssen Sie ein Geschäftsfoto eröffnen müssen, das teurer ist. Gesetzlich ist aber nichts vorgeschrieben. Bitten Sie also Ihre Bank, ob ein gewöhnliches Girokonto reicht.

Leasing

Wenn Sie investieren wollen, aber kein Eigenkapital besitzen und kein Fremdkapital aufnehmen wollen, können sie das Investitionsgut leasen. Das geht entweder beim Hersteller des Gutes selbst oder über ein Finanzinstitut. Leasingverträge haben große Ähnlichkeit mit Mietverträgen. Ihr größter Vorteil ist, dass Sie die Summe nicht auf einmal berappen müssen. Das Risiko besteht in der Insolvenz Ihres Unternehmens, dann nämlich können Sie das Gut nicht einfach verkaufen.

Venture-Capital-Gesellschaften

Venture-Capital-Gesellschaften vergeben Kapital, ohne Sicherheiten zu verlangen. Im Gegenzug erwerben sie aber Beteiligungen an Ihrem Unternehmen und erwarten erhebliche Wertsteigerungen. Dafür vermitteln Venture-Capital-Gesellschaften aber auch wichtige Kontakte.

Private Investoren

Wer lieber auf private Investoren setzt, sollte sie in seinem nahen Umfeld suchen. Günstiger als ein Bankkredit ist das allemal, allerdings handelt es sich hierbei eher um kleinere Summen. Achtung bei Geldgebern aus der Familie: Hier schaut das Finanzamt in der Regel ganz genau hin.

Mit ihrem Buch „Das Slow-Grow-Prinzip“ wollen Sie Gründern durch den Fokus auf ein Wachstum im eigenen Tempo die Angst vor dem Scheitern nehmen. Warum sollten Selbstständige lieber langsam wachsen und wie geht das?

„Mit langsam meine ich den Prozess des langsamen Wachstums im Gegensatz zur gängigen Gründungstheorie, die gelehrt wird. Dort fangen Sie bei der Vision an, über die lange und viel nachgedacht und erst am Ende unten begonnen wird. Dabei ist das, was in einem Businessplan steht, oft vollkommen abstrakt. Ich habe beobachtet, dass unter den Selbstständigen häufig diejenigen erfolgreicher sind, die anfangs keinen Plan hatten.

Von der Idee zum großen Geld: Existenzgründer müssen an vieles denken. Quelle: Yuri Arcurshb. com

Von der Idee zum großen Geld: Existenzgründer müssen an vieles denken.

Die meisten Selbstständigen brauchen Zeit, um sich und ihre Idee zu entwickeln. Dazu kommt: Nicht jeder hat das gleiche Energielevel und Tempo. Nicht jeder kann gleich mit Siebenmeilenstiefeln Richtung Erfolg rennen. Die allermeisten Menschen brauchen Schuhe, die passen, und gehen erst einmal überschaubare Schritte.“

Was bedeutet das konkret?

„Damit meine ich, dass man sich vielleicht zunächst ein kleines Projekt überlegt mit dem man Schritt für Schritt erste Erfahrungen macht – in Form eines Gründens vor der Gründung. Überlegen Sie sich: Was kann ich, funktioniert das, was ich vorhabe, kommt es an und – not least – kauft das überhaupt jemand? Die Erfahrungen, die Sie so machen, helfen Ihnen in einem entscheidenden Maße dabei, Ihre Stärken und Schwächen zu sehen – und damit die für Sie geeignete unternehmerische Form sowie Potentiale für persönliches Wachstum zu entdecken.“

Kommentare (5)

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Peter

14.06.2012, 14:55 Uhr

Ich habe mich vor 5 Jahren Selbständig gemacht. Gründerfreundlich ist Deutschland insbesondere hinsichtlich der Abschreibung der Initialen Wirtschaftsgüter nicht. Wir hatten im ersten Jahr Unterstützung von indem Unternehmensberater, der von Beginn an unser internes Rechnungswesen (Kostenstellen- und Kostentägerrechnung) vorangetrieben hat. Mein Ratschlag mit dem Controlling (internes Rechnungswesen) ab dem ersten Tag beginnen und hier externe Fachleute einbeziehen. Des weiteren haben wir auch ab dem ersten Tag unsere Prozesse modelliert (BPMN Konform, mit ActiveModeler) auch hier hat uns der externe Bertater den Weg gezeigt. Frühzeitig einen guten Berater hinzufügen, der einen langfristig begleitet (1 oder 2 Tage im Monat) ist ein wichtiger Baustein für den Erfolg (neben Vertrieb und dem Produkt)
Gruß aus Karlsruhe

exit

14.06.2012, 18:02 Uhr

EUROLAND bleibt oben, der EURO geht ohnehin unter und mit ihm wir alle in der Überschuldung! Grundstückler werden enteignet, Eurobonds sozialisieren südländische Faulheit zu Lasten deutschen Fleißes bzw. nordeuropäischen Strebens... in den nächsten drei Monaten kracht es richtig. Dann...fünf Jahre später: Existenzgründung.

GuidoWirtz

14.06.2012, 18:22 Uhr

Guido Wirtz

Zwei Beispiele für den grassierenden Irrwitz i.b. von Banken gegenüber Unternehmensgründern.

Beispiel 1:
Ich habe mit einem Businessplan und einer soliden Plan-Ertragsrechnung für ein Jahr bei einer Bank vorgesprochen. Die Planrechnung wies bereits im ersten Jahr schwarze Zahlen aus. Dieses Unternehmen musste also nicht krampfhaft wachsen. Doch was wollte die Bank? Mindestens drei Jahre Vorschau und - natürlich - ein saftiges Planwachstum
Die Qualität der Prognose? Egal! Hauptsache ein imposantes Szenario.

Beispiel 2:
Eine IT-Neugründung konnte gleich zwei Szenarien aufzeichnen: Profitabel auf kleiner Flamme war ebenso möglich wie die ganz große Nummer.
Interesse der Banken? Null.
Die Alternative? Eine private Family- & Friends-Finanzierung.

Was geschah? Nach ein paar Jahren als solides, kleines Unternehmen konnte die große Nummer entwickelt werden und das ehemals zarte Pflänzchen ging mit inzwischen über 200 Mitarbeitern an einen großen internationalen Wettbewerber.

Danke an alle kurzsichtigen Banken, die über 300% Rendite p.a. uns privaten Investoren überlassen haben.

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