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17.06.2014

12:47 Uhr

Familienunternehmen Messer

„Ohne Goldman hätten wir uns nicht gerettet“

VonTobias Döring

ExklusivStefan Messer wurde lange von der Konzernmutter Hoechst kleingehalten. Dann schlug seine große Stunde: Der Gründerenkel kaufte den Industriegase-Hersteller von Finanzinvestoren zurück. Jetzt macht Messer auch in Mode.

Stefan Messer vor der Firmenzentrale in Bad Soden: „Ich habe gelernt, für das Unternehmen, das mein Vater mir anvertraut hat, zu kämpfen.“ Bernd Roselieb für Handelsblatt

Stefan Messer vor der Firmenzentrale in Bad Soden: „Ich habe gelernt, für das Unternehmen, das mein Vater mir anvertraut hat, zu kämpfen.“

Bad Soden„JS“ steht in großen Lettern auf dem Verkaufstresen. Stefan Messer streift stolz durch die Auslage seiner kleinen Boutique. Das „S“ im Namen gehört ihm – die Mode ist seine neue Leidenschaft. Zusammen mit seiner thailändischen Partnerin hat Messer das Lädchen vor einem halben Jahr eröffnet und schwingt sich zum Designer auf. Wieder etwas, was man ihm nicht zugetraut hätte.

Messer ist Chef und Mitinhaber des gleichnamigen Familienunternehmens. Sein Geschäft: Industriegase. Nur wenige Meter entfernt von der Boutique steht die Zentrale der Messer Group im Herzen von Bad Soden im Taunus. Aus der beschaulichen Ortschaft bei Frankfurt führt der 59-Jährige die international erfolgreiche Firma, die weltweit in mehr als 30 Ländern vertreten ist. Gut eine Milliarde Euro Umsatz hat das Unternehmen im vergangenen Jahr gemacht.

Dass Stefan Messer es eines Tages mal mit den Branchenriesen Linde und Air Liquide aufnehmen würde, damit hätte bei Hoechst in den 1990er-Jahren keiner gerechnet. Die Manager hielten ihn klein, als das Unternehmen unter dem Namen Messer Griesheim noch zu zwei Dritteln dem ehemaligen Chemieriesen gehörte. Obwohl der Enkel des Firmengründers als Minderheitseigentümer mit am Tisch saß, hatte er kaum etwas zu sagen, nachdem sein Vater Hans sich aus der Unternehmensleitung zurückgezogen hatte.

„Es wurde versucht, die Familie rauszudrängen“, blickt Messer im Interview mit Handelsblatt Online (hier als Download im Kaufhaus der Weltwirtschaft) zurück. Hoechst wollte das Unternehmen mit Zukäufen für einen teuren Verkauf päppeln. Eine Expansion „auf Teufel komm raus“, nennt er das, was der damalige Messer-Griesheim-Chef Herbert Rudolf betrieb. „Es gab Jahre, da wurde das Finanzbudget um 100 oder 200 Millionen Mark überschritten“, sagt Messer. Die Verschuldung stieg bis auf die Höhe eines Jahresumsatzes. „Das hab ich alles mitbekommen, hatte aber nicht genug Einfluss, um das zu verhindern.“

Fakten über Messer

Gründungsjahr

Noch als Maschinenbaustudent gründet Adolf Messer im Jahr 1898 in Höchst am Main (heute ein Stadtteil von Frankfurt) eine Werkstatt. Dort arbeitet er an Lampen mit dem Gas Acetylen. Durch das Aufkommen der elektrischen Beleuchtung richtet Messer seine Produktion schon bald auf die Schweiß- und Schneidetechnik aus. Für das sogenannte Autogenschweißen wird ein Gemisch aus Acetylen und Sauerstoff benötigt. Zu deren Gewinnung baut der Firmengründer Luftzerlegungsanlagen.

Geschichte

Messer liefert schnell auch ins Ausland. In der Weltwirtschaftskrise ab 1929 gehen die Umsätze stark zurück. In der NS-Zeit wächst Messer mit der Aufrüstung der Nazis und baut unter anderem Brennschneideanlagen für das Schweißen von Panzern. Nach dem 2. Weltkrieg wird 1947 die Produktion wieder aufgenommen. Nach dem Tod Adolf Messers übernimmt 1954 sein Sohn Hans die Geschäfte, der 1965 das Unternehmen mit Knapsack-Griesheim zu Messer Griesheim fusioniert. Am neuen Unternehmen hält Messer ein Drittel, der Großkonzern Hoechst zwei Drittel.

Eigner und Führung

Über eine Grundsatzvereinbarung hatte sich die Familie größeren Einfluss gesichert. Bis 1993 bleibt Hans Messer daher erster Vorsitzender der Geschäftsführung. Dann gibt er die Leitung an den familienfremden Manager Herbert Rudolf ab – der massiv expandiert. Die Rolle der Familie wird in Frage gestellt, Stefan Messer wird erst 1998 Mitglied der Geschäftsführung. Dann steigt Hoechst aus und die Finanzinvestoren ein. 2004 schließlich kauft Messer in einer spektakulären Transaktion ihnen ihre Anteile ab – Messer ist wieder in Familienhand. Stefan Messer ist seitdem alleiniger Chef und mit weiteren Familienmitgliedern Anteilseigner.

Produkte

Messer vertreibt hauptsächlich Industriegase, die mit speziellen Luftzerlegungsanlagen gewonnen werden. Messer betreibt solche Anlagen zum Beispiel auf dem Gelände von Stahlwerken. Daneben werden auch Kohlendioxid, Wasserstoff, Schweißgase und spezielle Gasgemische verkauft – auch in Gasflaschen. Kohlendioxid kommt zum Beispiel in Softdrinks zum Einsatz. Im Bereich Messer Cutting Systems vertreibt das Unternehmen Schweiß- und Schneidtechnik.

Geschäftsentwicklung

Die Geschäfte entwickeln sich seit dem Rückkauf in Familienhand positiv. Im Jahr 2011 sprang der Umsatz von Messer über die Marke von einer Milliarde Euro, im vergangenen Jahr erzielte das Unternehmen Erlöse von 1,03 Milliarden Euro. Der Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen lag bei 231 Millionen Euro.

Beschäftigte und Standorte

Die Mitarbeiterzahl steigt seit Jahren leicht an. 2013 waren bei Messer 5400 Menschen beschäftigt. Die Zentrale des Unternehmens ist in Bad Soden am Taunus. Daneben hat Messer einen Standort in Krefeld. Weltweit ist der Industriegasehersteller in mehr als 30 Ländern tätig.

Doch nach und nach kam Messer zu mehr Macht. „Ich habe gelernt, für das Unternehmen, das mein Vater mir anvertraut hat, zu kämpfen.“ Kurz vor dem Konkurs entließ der Hoechst-Aufsichtsrat schließlich Rudolf. 2001 kauften Goldman Sachs und Allianz Capital Partners dem Chemiekonzern die Anteile ab. Zusammen mit Messer begannen die neuen Mehrheitseigentümer mit den Aufräumarbeiten: Unternehmensteile wurden verkauft, 600 Millionen Euro Schulden abgebaut.

Kommentare (1)

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Account gelöscht!

20.06.2014, 09:17 Uhr

Ja da staunt man aber:
Die Heuschrecke hatte wohl ein gutes Herz.
War wohl ein Versehen.
Ich erinnere mich an die Untersuchungs-Ausschüsse in USA, wo man den Goldmännern die Frage stellte, wieso sie Finanzprodukte, die sie intern als "shit" bezeichneten, ihren Kunden mit höchsten Lobpreisungen angedreht haben.

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