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19.11.2013

06:41 Uhr

Familienunternehmen Sanders

„Mein Bauch sagte: Ich darf nicht kaufen“

VonMartin Dowideit

Eine teure Ladung Baumwolle stürzte den Bettdecken-Hersteller Sanders in die Krise. Doch nach einem Stellenabbau fasst Firmenchef Hans-Christian Sanders Mut. Ein Grund: Der Auftrag eines „skandinavischen Möbelhauses“.

Familienunternehmer Hans-Christian Sanders mit Baumwollbahnen im Stammwerk Bramsche. Dirk Hoppe für Handelsblatt

Familienunternehmer Hans-Christian Sanders mit Baumwollbahnen im Stammwerk Bramsche.

BramscheHans-Christian Sanders hat ein Problem. Nein, nicht so sehr den Verlust in Höhe von 1,4 Millionen Euro, den sein Unternehmen im vergangenen Jahr und auch im ersten Halbjahr 2013 gemacht hat. Auch nicht die Tatsache, dass er mit einer Anleihe frische Millionen für Investitionen aufgetrieben hat, dafür aber satte 8,75 Prozent Zinsen zahlen muss. Das Problem liegt vor allem im Sexappeal seines wichtigsten Produkts.

Selbst in intimsten Momenten, sind Sanders‘ Bettdecken extrem nah bei den Kunden. Doch womit sich die Leute zudecken, ist vielen Menschen trotzdem ziemlich egal. Natürlich wählt der eine lieber Micky-Maus-Bettwäsche aus Baumwolle, der nächste bevorzugt Biber-Wäsche und ein dritter Satin. Doch der niedersächsische Familienunternehmer produziert die Decken, die von den bunten Bettbezügen umschlossen sind. Und da entscheidet doch oft der Preis. Selbst den richtigen Begriff für das Produkt zu finden, ist ja nicht ganz einfach. Plumeau sagen die einen, Bettdecke oder Zudecke die anderen. „Inlets“ oder „gefüllte Teile“ hat Sanders als Begriffe auch noch im Repertoire.

Seit 128 Jahren ist die Firma Gebr. Sanders im Markt. Der 58-Jährige Hobby-Golfer Sanders (Handicap 9,1) führt das Unternehmen in der vierten Generation. Mit innovativen Produkten versucht er das Nicht-Image der Bettdecke aufzupolieren. Eine Bettdecke mit Löchern soll den Wärmeaustausch der Decke fördern (Siehe: Worauf ich stolz bin). Demnächst will er einen Prominenten als Fürsprecher gewinnen, den Namen des Auserwählten behält er noch für sich. „Für die Idee erklärt man mich intern für verrückt. Aber als Unternehmer muss man ja was unternehmen. Sonst ist man nicht Unternehmer, sondern Unterlasser“, sagt er.

Fakten zu Sanders

Beschäftigte und Standorte

Die Firma hatte zum Stichtag 31. August 624 Mitarbeiter, ein Jahr zuvor waren es noch 657. Die meisten Beschäftigten arbeiten in zwei Werken in der Ukraine, nahe dem Dreiländereck mit Ungarn und Rumänien.

Außerdem hat Sanders noch Produktionsstätten am Stammsitz in Bramsche bei Osnabrück (Niedersachsen), in Bad Bentheim (Niedersachsen) und in Güstrow (Mecklenburg-Vorpommern).

Eigner und Führung

Geschäftsführer Hans-Christian Sanders hält 83,4 Prozent der Anteile an der Firma Gebr. Sanders, den Rest Ute Darius.

Geschäftsentwicklung

Sanders ist in den vergangenen Jahren geschrumpft. 2011 betrug der Umsatz 44,6 Millionen Euro, im vergangenen Jahr waren es 41,6 Millionen Euro. Im ersten Halbjahr 2013 ist bei einem Umsatz in Höhe von 18,4 Millionen Euro ein Verlust von 1,5 Millionen Euro angefallen.

Sanders setzt jedoch auf das traditionell stärkerer zweite Halbjahr – in den kalten Monaten kaufen Menschen Decken – und erwartet eine Umsatzverdoppelung bis 2018.

Geschichte

Nach dem Zweiten Weltkrieg konzentrierte sich Sanders auf die Produkte, die heute noch ein Grundstein für das Unternehmen sind – Daunen und faserdichte Gewebe. Denn die Hülle einer Bettdecken muss verhindern, dass Federkiele hindurchpieksen.

Ab 1992 produzierte Sanders in der Ukraine, 2002 integrierte Sanders den Bettdeckenhersteller Künsemüller, der Verwandten gehörte. 2006 folgte die Übernahme der Mecklenburger Bettwaren Manufaktur. Jedes Jahr verarbeitet Sanders 700.000 Kilogramm Daunen.

Gründungsjahr

Gustav Wilhelm und Otto Sanders gründeten 1885 das Unternehmen. Hans-Christian Sanders führt es in vierter Generation.

Produkte

Zum einen produziert Sanders fertige Bettdecken und Kissen. Außerdem produziert das Unternehmen für Großkunden sogeanntes faser- und daunendichtes Gewebe zur Weiterverarbeitung und dem späteren Befüllen mit Federn oder Daunen. Auch komplett vorgefertigte Inlethüllen zum Befüllen gehören zur Angebotspalette. Im Auftrag fertigt Sanders auch Gardinen und Betttextilien.

Gleich mehrere Krisen hat Sanders bereits in seiner Geschichte durchschifft. Eine der jüngeren Episoden nahme Ende 2010 ihren Lauf und endete mit der Schließung zweier Produktionsabteilungen in Deutschland. Die Baumwollpreise verdreifachten sich damals von 70 Cent pro Pfund auf 2,10 Dollar pro Pfund. „Im März 2011 mussten wir einkaufen, damit die Baumwolle im Juni verschifft, im Juli und August verarbeitet und dann ab September zu unserer Hochsaison als Decken angeboten werden kann“, so Sanders. „Ich erinnere mich, wie ich im März im Büro saß und mein Bauch sagte: Ich darf nicht kaufen.“

Sanders kauft den Rohstoff in Asien und bereitet ihn in Deutschland für die Produktion von Bettdeckenhüllen in der Ukraine vor. Deswegen gibt es lange Vorlaufszyklen und im März 2011 entschied sich Sanders fürs Bestellen: „Der Verstand sagte: Ich muss kaufen, sonst haben wir keine Ware und können nicht liefern.“ Die Folgen waren dramatisch. Kurz danach griff die chinesische Regierung in den Markt ein, der Baumwollpreis halbierte sich binnen zwei Wochen und die teure Baumwolle für Sanders war bereits auf dem Seeweg nach Deutschland. „Wir haben die Bugwelle vor uns hertragen müssen und böse Schrammen abbekommen.“

Kommentare (2)

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Account gelöscht!

19.11.2013, 07:49 Uhr

Plymo? Meinten Sie evtl. Plumeau?
:D

Account gelöscht!

19.11.2013, 08:02 Uhr

Da ist das Rheinische in uns mit uns durchgegangen. Schreibweise ist geändert. Danke!

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