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09.06.2011

00:00 Uhr

Finanzprobleme

Firmen müssen Frühboten erkennen

VonPeter Reuter

Die Reform des Insolvenzrechts soll Unternehmen vor der Zahlungsunfähigkeit bewahren. Diese müssen dafür aber Finanzprobleme früh erkennen. Manchmal reicht bereits ein Blick in den Jahresabschluss.

Wecker: Wenn Firmen erkennen, dass sie in Zahlungsschwierigkeiten stecken, ist es oft zu spät. Quelle: dpa

Wecker: Wenn Firmen erkennen, dass sie in Zahlungsschwierigkeiten stecken, ist es oft zu spät.

Köln„Unbewusste Grenzüberschreitung“ nennt der Kölner Rechtsanwalt Dietmar Rendels von der Sozietät Kübler das, was kleinen und mittleren Unternehmen in der Krise häufig passiert. Die Geschichten wiederholen sich: Die Firmen glauben, die ersten Alarmzeichen einer Schieflage erkannt zu haben - und stellen Insolvenzantrag mit der Begründung, es liege nur drohende Zahlungsunfähigkeit vor. Doch in den meisten Fällen täuschen sie sich - faktisch geht es ihnen schon viel schlechter.

Fast immer hätten die Unternehmen zu diesem Zeitpunkt schon die Grenze zur eingetretenen Zahlungsunfähigkeit seit Wochen oder gar Monaten überschritten, sagt der Kölner Insolvenzexperte. Das hat Folgen: Je später das Insolvenzverfahren beginnen kann, desto geringer sind die Sanierungsaussichten. Wer hingegen früh einsieht, dass er ein Problem hat, hat im Gegenzug bessere Chancen, das Überleben seines Betriebs zu sichern.

Die Bundesregierung will nun Unternehmen belohnen, die früh ins Insolvenzverfahren starten - und hat dafür das Gesetz zur weiteren Erleichterung der Sanierung von Unternehmen auf den Weg gebracht. Wer künftig Insolvenzantrag stellt, wenn wirklich nur drohende Zahlungsunfähigkeit vorliegt, kommt in den Genuss eines neuen und besonders schuldnerfreundlichen Sanierungsverfahrens.

Das Problem: Die Firma muss die Frühboten der drohenden Zahlungsunfähigkeit auch erkennen können - dies allerdings gelingt häufig in der Praxis nicht. Denn die Abgrenzung ist vielen Managern nicht klar: Ein Betrieb droht laut Insolvenzordnung zahlungsunfähig zu werden, wenn er voraussichtlich nicht in der Lage sein wird, die bestehenden Zahlungsverpflichtungen zum Zeitpunkt der Fälligkeit zu erfüllen. Die nächste Stufe, die eingetretene Zahlungsunfähigkeit, liegt vor, wenn der Schuldner die fälligen Zahlungsverpflichtungen nicht mehr leisten kann. In der Regel hat er dann seine Zahlungen bereits eingestellt.

Viele antragstellende Unternehmen unterlägen hier einem Irrtum, bestätigt der Neu-Ulmer Insolvenzverwalter und Wirtschaftsprüfer Arndt Geiwitz von der Kanzlei Schneider Geiwitz & Partner. "Die drohende Zahlungsunfähigkeit ist selten der wahre Antragsgrund." Häufig sei die Abgrenzung selbst den Beratern der Unternehmen nicht klar, sagt Rechtsanwalt Rendels, geschweige denn dem Management selbst.

Zudem besteht für einen Geschäftsführer weder Druck noch Anreiz, sich frühzeitig an das Insolvenzgericht zu wenden. Zum einen würden ihn die Vorschriften der Organhaftung nicht zu diesem Schritt drängen, sagt Wirtschaftsprüfer Geiwitz. Zum anderen gelte das Insolvenzverfahren als unkalkulierbar. Ein unbekannter Insolvenzverwalter übernimmt das Kommando und stellt die Unternehmensleitung kalt - angesichts solcher Aussichten schrecken Firmenchefs vor einem frühen Insolvenzantrag häufig zurück.

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