Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

08.12.2016

09:40 Uhr

Frisches Geld für Movinga

Umzugs-Start-up bekommt eine zweite Chance

VonMiriam Schröder

Vor wenigen Monaten stand Movinga kurz vor dem Aus: Das Kapital war aufgebraucht, das Vertrauen der Investoren verspielt. Jetzt erhält die Umzugsplattform wieder eine Millionenfinanzierung – auch von Rocket Internet.

Jochen Cassel, Finn Hänsel und Christoph Müller-Guntrum (von links) erhalten eine millionenschwere Finanzspritze. Movinga

Zweite Chance für Movinga

Jochen Cassel, Finn Hänsel und Christoph Müller-Guntrum (von links) erhalten eine millionenschwere Finanzspritze.

BerlinDas Start-up Movinga erhält von seinen Investoren 17 Millionen Euro. Diesmal wird die Finanzierungsrunde bewusst bescheiden gefeiert, im Rahmen der Weihnachtsfeier in den Räumen der Firma. Höhepunkt ist eine Gans. Vor einem Jahr hat das Unternehmen das letzte Mal Geld bekommen, etwas mehr als 20 Millionen. Damals feierte man noch in einem Berliner Club, 15 Stockwerke über der Stadt.

Doch fünf Monate später war das Geld fast weg. Ende Mai sah es so aus, als würde Movinga das Jahr 2016 nicht überleben. Das Start-up, das die Umzugsbranche digitalisieren wollte, hatte es sich durch sein aggressives Auftreten sowohl mit den Spediteuren als auch mit den Kunden verscherzt. Es gab hohe Außenstände und jede Menge unzufriedener Mitarbeiter. Den Investoren gegenüber sollen die jungen Firmengründer die Zustände des Start-ups schöngeredet haben. Im Juni verließen sie die Firma. Auch ein Drittel der Belegschaft musste gehen.

Generation Gründer: Painpoints überall

Generation Gründer

Painpoints überall

Ob Friseur, Taxi oder Schuhladen – in einer Kundenbeziehung ist es wie mit einer Ehe: Oft sind es die kleinen Dinge, die nerven. Wer nicht aufpasst, verliert seine Kunden an Start-ups – oder arbeitet mit ihnen zusammen.

Ihre Nachfolger, alle drei Manager mit jahrelanger Erfahrung, haben jetzt eine zweite Chance für das Unternehmen herausgehandelt. Investoren wie Rocket Internet, Earlybird und STS Ventures erhöhen ihren Einsatz noch einmal. Auch neue Investoren sind mit eingestiegen, unter anderem Jan Kemper, der Finanzchef von Zalando, der demnächst zu Pro Sieben Sat 1 wechselt.

„Das Team um Finn Hänsel, Christoph Müller-Guntrum und Jochen Cassel, hat konsequent die richtigen Lehren aus der Anfangszeit gezogen und Movinga erfolgreich in das nächste Level befördert. Mit dieser Neuaufstellung ist Movinga hervorragend im Wettbewerb positioniert“, sagt Hendrik Brandis von Earlybird. Andere Investoren wollten kein Geld mehr geben.

Gründer: Diese Fallstricke sollten Sie meiden!

Herdentrieb als Bremse

Möchte kein Teammitglied von der gemeinsamen Meinung abweichen, weil die persönliche Bindung zueinander besonders hoch ist, kommt es laut Thorsten Reiter zum gefährlichen Herdentrieb; dieser führt zu äußerst schlechten Entscheidungsfindungen, da Ideen nicht mehr hinterfragt und keine Vorschläge gemacht werden, die den Status quo gefährden. Als Lösung rät der Experte, dessen Buch „Start up – Jetzt! Endlich loslegen und es richtig machen“ gerade im Campus-Verlag erschienen ist, eine Person zu bestimmen. Deren Aufgabe ist es dann, die Vorschläge der anderen auseinander zu nehmen. Reiter: „Wenn diese Person oder Gruppe regelmäßig ausgetauscht wird, kann sich das Team so langsam aus dem Herdensumpf herausbewegen.“

Die richtigen Leute zur falschen Zeit

Thorsten Reiter empfiehlt, besonders erfahrene Personen nicht unbedingt schon in der Gründungsphase ins Boot zu holen. Sie sind nicht nur teurer, aufgrund ihres großen Erfahrungsschatzes, sondern bedeuten auch eine Verschwendung von Potential. Warum? „Oft sind sie es gewohnt, bereits existierende Strukturen zu verbessern, Prozesse zu optimieren oder in neue Märkte zu expandieren, so Reiter. „Demotivation und Produktivitäsverlust können die Folge sein.“

Soziale Hierarchien

Werden Ideen und Ansätze nicht nach objektiven Kriterien beurteilt, sondern basierend auf der sozialen Stellung des Vorschlagenden im Team, kann das unterm Strich genauso schädlich sein wie der Herdentrieb. Der Experte rät, die in „Aussätzigen“ und in Ungnade gefallenen Personen im Team gezielt zu reintegrieren. Reiter: „Am besten ist dies möglich, indem du dir die Unterstützung des Hierachieobersten im sozialen Gefüge sicherst und diesen die soziale Rehabilitation des Aussätzigen übernehmen lässt.“

Unausgeglichene Kompetenzen

Konzentrieren sich Gründer beim Besetzen ihrer Teamrollen zu sehr auf die eigenen Kompetenzen und den eigenen fachlichen Hintergrund, kommt es laut Reiter zu „Gründerteams voller Techie-Geeks oder Banden von Sales-Haien, deren Unternehmen und Produkte es niemals auf den Markt schaffen werden, geschweige denn im Markt bestehen können.“ Helfen könnten hier vor allem Mentoren, die tote Winkel in der Wahrnehmung von Kompetenzlücken aufdecken und eventuell sogar bei der Einschätzung vielversprechender Kandidaten helfen.

Schnäppchen auf dem Arbeitsmarkt

Eine weniger gut ausgebildete Arbeitskraft wird doch die simple Aufgabe ausreichend erledigen können? Falsch gedacht, sagt Thorsten Reiter. „Egal ob es sich um ein Unternehmen der Serviceindustrie, Gastronomie oder um die Herstellung eines Produkts handelt: Gerade die ersten Mitarbeiter können zwischen Wachstum und damit Erfolg auf der einen sowie Insolvenz und damit Misserfolg auf der anderen Seite entscheiden.“ Machen Sie also zu Beginn keine Schnäppchen beim Humankapital – es zahlt sich einfach nicht aus.

Fazit

Sie wollen nicht eines Tages einer Meuterei zum Opfer fallen? Dann setzen Sie sich frühzeitig mit diesen Komponenten im eigenen Team, aber auch bei Kunden und Partnern auseinander. Reiter: „Immer wenn es um die menschliche Komponente des Business geht, lernen auch erfahrenste Geschäftsleute nie aus.“

Die Movinga-Manager müssen nicht nur das Vertrauen der Geldgeber zurückgewinnen. Auch die Spediteure, mit denen die Umzugsplattform zusammenarbeiten will, sind skeptisch gegenüber dem Start-up. Movinga war mit Dumping-Preisen in den Markt eingetreten und hatte seine Aufträge zum Teil von ziemlich unseriösen Wettbewerbern erledigen lassen. Die Kunden waren unzufrieden, es gab viele Beschwerden, viele Stornierungen und lauter schlechte Bewertungen im Internet.

„Wir haben Fehler gemacht, es tut uns leid“, sagten Finn Hänsel und Christoph Müller-Guntrum kürzlich öffentlich auf einer Veranstaltung des Verbands der Möbelspediteure. Sie sprechen jetzt viel von Partnerschaft und Qualität, von Mindestlöhnen und Fairness. „Wir haben unsere Preise angepasst. Nur so können wir Qualität garantieren“, sagt Christoph Müller-Guntrum. In Deutschland würden sie jetzt nur noch mit rund hundert Unternehmen zusammen, statt wie zuvor mit 300.

Kommentare (2)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Tschortscho Eibl

08.12.2016, 09:54 Uhr

Ich habe einen Samurai-Truck, der zieht einen Anhänger von 3,5 Tonnen.
Wenn ich umziehe, brauchts keine App. oder Computer, dafür brauchts paar Mukis.

Ich hab so ein Hungerleider-Umzugs-Unternehmen hier ums Eck, der kennt paar Polen und selbst im Suff schafft der das. Mit einem Comp. steht der eher auf Kriegsfuß.Beitrag von der Redaktion editiert. Bitte achten Sie auf unsere Netiquette: „Nicht persönlich werden“ http://www.handelsblatt.com/netiquette 

Tschortscho Eibl

08.12.2016, 10:59 Uhr

Sorry :-)

Ich wollte sagen, dass sich manche Geschäftsmodelle als nicht sinnvoll darstellen.
Aber des ist ja nur meine persönliche Meinung, muss sich keiner anschließen.

Wäre ja auch als Abschreibungsmodell denkbar !

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×