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12.09.2014

15:05 Uhr

Hidden Champion Koehler Paper

Das Welthauptdorf des Bierdeckels

VonCaroline Lindekamp

Die Koehler Paper Group ist Marktführer mit Kassenbons, Schießscheiben-Papier oder Spielkarten im Casino – und das seit Generationen. Das emotionalste Produkt des Familienunternehmens ist aber ohne Frage der Bierdeckel.

Weltrekord mit Weltmarktführer-Produkt: Student Sven Goebel stellte in rund drei Monaten den Weltrekord im Bierdeckel-Bau auf. Wie der Weltmarktführer der Bierdeckel-Produktion kommt er aus Deutschland.

Weltrekord mit Weltmarktführer-Produkt: Student Sven Goebel stellte in rund drei Monaten den Weltrekord im Bierdeckel-Bau auf. Wie der Weltmarktführer der Bierdeckel-Produktion kommt er aus Deutschland.

OberkirchKai Furler lässt seine Arbeit auch nach Feierabend nicht los. Abends beim Bier in der Kneipe macht er stets den Test: Lässt sich die obere Schicht des Bierdeckels in einem Ratsch abziehen? Oder lässt sie sich nur schnipselweise abreißen? Trifft Letzteres zu, kann Furler sicher sein, dass unter seinem Bierglas ein Produkt aus der eigenen Firma liegt. „Es gibt natürlich diese rundausgeschnittenen Papiererzeugnisse, die man unter ein Glas legen kann, die die Funktionalität eines Bierdeckels aber nicht erfüllen“, so der Vorstandsvorsitzende der Papierfabrik August Koehler Paper mit Hauptsitz im baden-württembergischen Oberkirch kurz vor Straßburg.

Der Firmenchef schätzt, dass in Europa, Nord- und Südamerika über 70 Prozent der Bierdeckel aus seinem Haus kommen. In der Unternehmensgruppe, die mehr als 1.700 Mitarbeiter beschäftigt, fällt diese Weltmarktführerschaft allerdings kaum ins Gewicht. Bierdeckel und andere Produkte aus der sogenannten Holzschliffpappe wie Kinderbücher und Duftbäume machen nur 6 Prozent vom Gesamtumsatz aus, der 725 Millionen Euro beträgt. Furler: „Ohne den Bierdeckel kleinreden zu wollen, das ist nur ein Segment, in dem wir Marktführer sind.“ Koehler Paper steht für Spezialpapiere in verschiedenen Bereichen und behauptet, in fünf Segmenten Marktführer zu sein: Thermopapiere, technische Spezialpapiere, Dekorpapiere, Selbstdurchschreibepapiere oder farbige Papiere.

Sieben Lehren der Hidden Champions

1. Führung und Ziele

Hidden Champions wissen nicht nur, was sie wollen, sondern haben auch die Willensstärke und Energie, manchmal die Besessenheit, ihre Ziele in Taten umzusetzen. Führung bedeutet, dass sie dieses Feuer in vielen Menschen unterschiedlicher Nationalitäten und Kulturen entzünden.

(Quelle: Hermann Simon; "Hidden Champions des 21. Jahrhunderts")

2. Hochleistungsmitarbeiter

Hidden Champions schaffen - und profitieren von - Bedingungen, die eine extrem geringe Fluktuation erzeugen. Hochleistung erreicht man nur mit einer Mannschaft, die eine starke Motivation und Identifikation mit dem Unternehmen aufweist. Grundlage hierfür ist die Selektion der richtigen Mitarbeiter.

3. Dezentralisierung

Manche Hidden Champions stoßen mit engen Märkten und hohen Marktanteilen an Wachstumsgrenzen. Sie gehen den Schritt in die Diversifikation. Um ihre traditionellen Stärken nicht zu gefährden, wählen sie die konsequente Dezentralisierung - in der Regel bis hin zu rechtlich eigenständigen Firmen.

4. Fokus

Fokussierung bietet normalerweise die einzige Chance, Weltklasse zu werden. Hidden Champions fokussieren ihre beschränkten Ressourcen besser als andere und bleiben bei dieser Richtung, bis sie die Spitzenposition erreicht haben. Dabei ist die Definition des Spielfelds selbst Bestandteil der Fokussierung.

5. Globalisierung

Nichts verändert die Welt in den nächsten Jahrzehnten stärker als die Globalisierung. Für Unternehmen, die diesen Wandel nutzen, eröffnen sich ungeheure Wachstumschancen. Der Aufbau weltweiter Produktions- und Vertriebssysteme dauert jedoch oft genug mehrere Generationen. Zunächst internationalisieren sich die Umsätze, dann folgt das Personal und als Letztes das Management.

Die meisten Hidden Champions stecken mit ihren Strategien und dem Umsetzen in der Praxis mitten in diesem Prozess. Simon: "Um die Chance zu nutzen, muss man seine nationalen Beschränkungen ablegen und große Ausdauer mitbringen."

6. Innovation

Die meisten Hidden Champions planen massive Innovationsaktivitäten. Sie integrieren dabei Markt und Technik als gleichwertige Antriebskräfte. Diese Ausgewogenheit gelingt nur wenigen Großunternehmen. Innovation ist in erster Linie eine Frage von Kreativität und Qualität - keineswegs nur eine Sache des Geldes.

7. Kundennähe

Kundenorientierung ist für den Erfolg der Hidden Champions wichtiger als Wettbewerbsorientierung. Die langjährige Kundenbeziehung ist ihre größte Stärke. Denn es gilt: Hochleistung für Kunden führt automatisch zu Wettbewerbsvorteilen. Simon: "Topkunden ähnlich wie Topkonkurrenten als Leistungstreiber einsetzen."

Einen Teil der rund 240.000 Tonnen thermosensitiven Papiers, die Koehler Paper jährlich produziert, dürften die meisten schon mal in der Hand gehalten haben – darauf gedruckt der Strafzettel, der Boarding Pass, das Klebeetikett von der Supermarktwaage und an der Kasse dann die Quittung auf Koehler-Papier. „Das ist unser größtes Segment, da haben wir die deutlichste Marktführerschaft“, erzählt Furler stolz. Ähnlich die Dominanz bei einigen Nischenprodukten: Der größte Anteil vom weltweiten Schießscheiben-Papier kommt aus dem Werk in Süddeutschland; mit den Spielkarten zocken Casino-Besucher von Las Vegas bis Macao.

Selbst ist das Unternehmen von risikoreichen Glücksspielen weit entfernt. „Wir haben unsere Hausaufgaben schon vor der Krise gemacht und konnten daher flexibel auf das schwierige Marktumfeld reagieren“, erklärt Furler und verweist auf die über 55 Prozent Eigenkapitalanteil im Unternehmen. Man sei noch gestärkt aus der Finanzkrise hervorgegangen; so habe diese etwa die Übernahme der Katz GmbH & Co. KG möglich gemacht – des Unternehmensteils, der die so beliebten Bierdeckel herstellt. „Sie waren schon Weltmarktführer, Kostenführer wurden sie erst innerhalb der Koehler-Gruppe“, sagt Furler, der mit der Entwicklung seit der Insolvenz zufrieden ist.

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