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30.07.2014

12:33 Uhr

Hidden Champion Utsch

Der Schilderkönig von Siegen

VonAnja Müller

Manfred Utsch formte aus der elterlichen Firma den Weltmarktführer für Kfz-Kennzeichen und Prägemaschinen. Sein Credo: „Du musst zäh, aber freundlich sein.“ Auch dann, wenn plötzlich ein Revolver auf dem Tisch liegt.

Schildersammler Manfred Utsch: 4.000 Exemplare hat der Chef in der Firmenzentrale gesammelt. Sein Credo: „Du musst zäh, aber freundlich sein.“ ddp images/Michael Gottschalk

Schildersammler Manfred Utsch: 4.000 Exemplare hat der Chef in der Firmenzentrale gesammelt. Sein Credo: „Du musst zäh, aber freundlich sein.“

SiegenEs ist laut, hell und geschäftig in der Produktionshalle der Utsch AG in Siegen. Vom Band des Spezialisten für Kfz-Schilder laufen gerade Nummernschilder für Deutschland, nebenan werden Schilder mit DK für Dänemark verpackt. Noch ein Stück weiter strahlen frische Schilder in Orange. Sie sind für Kamerun bestimmt.

Alles läuft, die Mitarbeiter grüßen den Firmeneigentümer Manfred Utsch aufmerksam, sie sind bereit, auf Fragen zu antworten. Doch der Blick von Manfred Utsch schweift umher, und er findet auch etwas, das hier nicht stimmt: Auf einer Aluminiumrolle, aus der die Nummernschilder geschnitten werden, steht als Empfänger gar nicht Utsch, sondern ein Konkurrent.

Den wachsamen Augen von Manfred Utsch scheint nichts zu entgehen. Weltmarktführer oder „Schilderkönig“, wie ihn die Medien nennen, wird man, wenn man aufpasst. Wenn man Chancen erkennt - und wenn man die Kontrolle behält. Dass das Unternehmen Utsch heute Weltmarktführer für Kfz-Kennzeichen, die dazugehörige Herstellungstechnologie und Registrierungssysteme ist, verdankt es dem unbändigen Gestaltungswillen von Manfred Utsch.

Sieben Lehren der Hidden Champions

1. Führung und Ziele

Hidden Champions wissen nicht nur, was sie wollen, sondern haben auch die Willensstärke und Energie, manchmal die Besessenheit, ihre Ziele in Taten umzusetzen. Führung bedeutet, dass sie dieses Feuer in vielen Menschen unterschiedlicher Nationalitäten und Kulturen entzünden.

(Quelle: Hermann Simon; "Hidden Champions des 21. Jahrhunderts")

2. Hochleistungsmitarbeiter

Hidden Champions schaffen - und profitieren von - Bedingungen, die eine extrem geringe Fluktuation erzeugen. Hochleistung erreicht man nur mit einer Mannschaft, die eine starke Motivation und Identifikation mit dem Unternehmen aufweist. Grundlage hierfür ist die Selektion der richtigen Mitarbeiter.

3. Dezentralisierung

Manche Hidden Champions stoßen mit engen Märkten und hohen Marktanteilen an Wachstumsgrenzen. Sie gehen den Schritt in die Diversifikation. Um ihre traditionellen Stärken nicht zu gefährden, wählen sie die konsequente Dezentralisierung - in der Regel bis hin zu rechtlich eigenständigen Firmen.

4. Fokus

Fokussierung bietet normalerweise die einzige Chance, Weltklasse zu werden. Hidden Champions fokussieren ihre beschränkten Ressourcen besser als andere und bleiben bei dieser Richtung, bis sie die Spitzenposition erreicht haben. Dabei ist die Definition des Spielfelds selbst Bestandteil der Fokussierung.

5. Globalisierung

Nichts verändert die Welt in den nächsten Jahrzehnten stärker als die Globalisierung. Für Unternehmen, die diesen Wandel nutzen, eröffnen sich ungeheure Wachstumschancen. Der Aufbau weltweiter Produktions- und Vertriebssysteme dauert jedoch oft genug mehrere Generationen. Zunächst internationalisieren sich die Umsätze, dann folgt das Personal und als Letztes das Management.

Die meisten Hidden Champions stecken mit ihren Strategien und dem Umsetzen in der Praxis mitten in diesem Prozess. Simon: "Um die Chance zu nutzen, muss man seine nationalen Beschränkungen ablegen und große Ausdauer mitbringen."

6. Innovation

Die meisten Hidden Champions planen massive Innovationsaktivitäten. Sie integrieren dabei Markt und Technik als gleichwertige Antriebskräfte. Diese Ausgewogenheit gelingt nur wenigen Großunternehmen. Innovation ist in erster Linie eine Frage von Kreativität und Qualität - keineswegs nur eine Sache des Geldes.

7. Kundennähe

Kundenorientierung ist für den Erfolg der Hidden Champions wichtiger als Wettbewerbsorientierung. Die langjährige Kundenbeziehung ist ihre größte Stärke. Denn es gilt: Hochleistung für Kunden führt automatisch zu Wettbewerbsvorteilen. Simon: "Topkunden ähnlich wie Topkonkurrenten als Leistungstreiber einsetzen."

Der 78-Jährige könnte mit Zahlen glänzen: 550 Mitarbeiter, davon 220 in Siegen, 300 Millionen Euro Umsatz. Doch für den früheren Chef und heutigen Hauptaktionär sind es die Geschichten, die er auf seinen unzähligen Reisen erlebt hat. Er hat sich weder von einschlafenden Taxifahrern, die er mit Volksliedern auf einer 1.000 Kilometer langen Tour wachhielt, noch von Revolvern auf dem Verhandlungstisch einschüchtern lassen.

Das Ergebnis: Heute werden 80 Prozent des Umsatzes im Ausland erwirtschaftet. Seit der Umwandlung in eine AG führte Helmut Jungbluth zwölf Jahre die Geschäfte für Hauptaktionär Manfred Utsch, der im Aufsichtsrat sitzt. Sohn Marc-Albert, der als designierter Nachfolger galt, verließ im Februar dieses Jahres das Unternehmen.

Seit Monatsbeginn ist der neue dreiköpfige Vorstand mit Tilman Schwinn für den Vertrieb, Marc Nedecky für die Finanzen und Wolfgang Bilger für die Technik komplett. „Gestaltungsspielräume, wie sie Manfred Utsch einst hatte, wird der neue Vorstand sich erst noch erarbeiten müssen“, erklärt ein langjähriger Unternehmenskenner.

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Kommentare (1)

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Herr Ingo Meyer

30.07.2014, 16:18 Uhr

Ist das auch der Lobbyist, der verhindern will, dass man die Kennzeichen - Schilder bei der Ummeldung nach Umzug oder Halterwechsel behalten kann?

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