Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

22.01.2010

21:51 Uhr

Insolvenz

Kreist der Pleitegeier, sind Beiräte oft überfordert

VonKatrin Terpitz

Immer mehr Familienunternehmen geraten in Zahlungsnot. Sind die persönlichen Beziehungen sehr eng - wie in Familienunternehmen üblich - zögern Beiräte und Aufsichtsräte bei Zahlungsunfähigkeit meist viel zu lange, warnen Experten. Die Kontrolleure kennen ihre Pflichten zu wenig - und tappen in die Haftungsfalle.

Wenn der Pleitegeier kreist, müssen Beiräte aufpassen. dpa

Wenn der Pleitegeier kreist, müssen Beiräte aufpassen.

DÜSSELDORF. Der Gründer der Biotech-Firma wollte es nicht wahrhaben. Jahrelang boomten die Geschäfte, in der Krise brachen die Aufträge plötzlich ein. Nur eine kurze Durststrecke, war er überzeugt. Mit allen Mitteln versuchte er, sein Lebenswerk zu retten. Bald schon konnte der Familienunternehmer Forderungen nicht mehr begleichen. Trotzdem hörte er nicht auf Mahnungen seiner Aufsichtsräte, Insolvenz anzumelden. Wie konnten seine Kumpel, die ihm ja das Pöstchen als Aufseher verdankten, seinen Betrieb einfach in den Wind schreiben?

Ähnliche Szenen spielen sich in vielen Familienunternehmen ab. Immer mehr, auch im Kern gesunde Betriebe sind in diesem Jahr von Insolvenz bedroht. Sind die persönlichen Beziehungen sehr eng - wie in Familienunternehmen üblich - zögern Beiräte und Aufsichtsräte bei Zahlungsunfähigkeit meist viel zu lange, warnt Anwältin Regine Hagen-Eck von der Kanzlei CMS Hasche Sigle. Sie müssen jedoch insistieren, dass die Geschäftsleitung rechtzeitig Insolvenz beantragt. Hagen-Eck: "Sonst können Aufsichtsräte oder Beiräte persönlich wegen Insolvenzverschleppung in Haftung genommen werden."

Fakt ist: Um Geld einzutreiben, schauen Insolvenzverwalter oder Anteilseigner stets, ob Versäumnisse des Aufsichtsrats vorliegen, bestätigt Haftungsexperte Michael Hendricks. "Schadenersatz durch die Managerhaftpflicht-Versicherung ist oft der letzte Vermögenswert eines insolventen Betriebs", sagt der Jurist. Doch nur ein Viertel der Aufsichtsräte in nicht-börsennotierten AGs verfügt über solche "Directors and Officers-Versicherungen", schätzt Hendricks.

"Immer mehr Aufsichtsräte weigern sich inzwischen, ihr Mandat ohne eine solche D & O-Police anzutreten. Das Risiko ist ihnen sonst zu hoch", beobachtet Hendricks. Wichtig für eine Police ist die Nachhaftung im Insolvenzfall. Die Deckung sollte drei bis fünf Jahre nachwirken.

Zwei wegweisende Urteile zur Haftung im Insolvenzfall haben inmitten in der Krise Aufsichtsräte und Beiräte zusätzlich aufgeschreckt. So betonte der Bundesgerichtshof (Az II ZR 280/07), dass die Aufsichtsräte den Vorstand in schwierigen Zeiten besonders sorgfältig überwachen und spätestens bei Zahlungsunfähigkeit sofort eingreifen müssen. Sie sind verpflichtet, rechtzeitig auf einen Insolvenzantrag hinzuwirken. Zudem müssen sie dafür sorgen, dass keine Gelder mehr die Firma verlassen. "Diese Hinwirkungspflichten haben auch alle Beiräte mit beratender und überwachender Funktion", so Anwalt Ralph Drouven von CMS.

Kommentare (1)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Stefan Uhlig

23.01.2010, 12:40 Uhr

Typischer Panik-Artikel von Anwälten in Sachen Krisenmanagement. Liebe Anwälte, nun mal langsam. Noch gibt es weder bGH-Urteile noch sonstige relevante Rechtsprechung in ihrem Sinn, wonach jetzt Aufsichts- und beiräte vor den Kadi gezogen werden. Noch gilt eindeutig die ganz klar vorgeschriebene Trennung: hier Verantwortung für das operative Geschäft, da Überwachungspflichten. Dass letztere in der Krise intensiver sein sollten, ist eine pure Selbstverständlichkeit und wird von jedem seriösen Rat auch so gemacht. Die viel zitierte "harte" bGH-Rechtsprechung betraf einen Aufsichtsrat, der sich selbst von seiner insolventen AG Geld auszahlen liess. Dass hier der bGH zugeschlagen hat, versteht sich von selbst. Wenn die Räte (man beachte den begriff!)wirklich so gefährdet wären wie in ihrem Artikel beschrieben, würde keiner mehr den Job machen.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf "Zum Home-Bildschirm"

Auf tippen, dann "Zum Startbildschirm hinzu".

×