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09.08.2013

15:48 Uhr

Insolvenzrecht

Schöner Scheitern

VonDana Heide

Suhrkamp, Centrotherm, Loewe – statt in die Insolvenz geht es für viele Firmen in ein Schutzschirmverfahren. Die neue Möglichkeit soll dafür sorgen, dass die Firmen ihr Gesicht wahren können. In der Praxis hakt es aber.

Mit dem noch recht neuen Schutzschirmverfahren können Unternehmen im Sanierungsverfahren selbst mehr Einfluss nehmen. dpa

Mit dem noch recht neuen Schutzschirmverfahren können Unternehmen im Sanierungsverfahren selbst mehr Einfluss nehmen.

DüsseldorfAm Mittwoch meldete der Traditionsverlag Suhrkamp Insolvenz an – aber Moment! Hatte es nicht schon im Mai geheißen, dass das Unternehmen überschuldet ist und deshalb vor dem Zugriff der Gläubiger geschützt wird? Richtig, doch das war kein Insolvenzverfahren, sondern zunächst ein sogenanntes Schutzschirmverfahren.

Der Traditionsverlag Suhrkamp ist eines der prominentesten Beispiele, zuletzt ist der Fernsehgerätehersteller Loewe und davor das Solarunternehmen Centrotherm unter den noch recht neuen Schutzschirm geschlüpft. Auch der Motorradzubehör-Händler Hein Gericke und das Photovoltaikunternehmen Solarwatt gehören zu den Nutzern des Verfahrens. Doch trotz der zahlreichen Beispiele: Laut einer Studie der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft BDO vom April dieses Jahres wurde das Schutzschirmverfahren im ersten Jahr nur von einem niedrigen einstelligen Prozentsatz der dafür in Frage kommenden Unternehmen in Anspruch genommen.

Diese Unternehmen haben das Schutzschirmverfahren genutzt

Ablauf

Das Unternehmen hat im Schutzschirmverfahren maximal drei Monate Zeit einen Insolvenzplan aufzustellen. Der muss dann vom Gericht und vom Sachwalter abgenickt werden.

Voraussetzungen

Voraussetzung für das Schutzschirmverfahren ist, dass eine Zahlungsunfähigkeit droht oder das Unternehmen überschuldet ist. Das Unternehmen darf aber nicht bereits zahlungsunfähig sein und die angestrebte Sanierung muss aussichtsreich sein. Ein Wirtschaftsprüfer, Rechtsanwalt oder Steuerberater muss bescheinigen, dass diese Voraussetzungen erfüllt sind.

Suhrkamp

Einer der prominentesten Unternehmen, die das Schutzschirmverfahren genutzt haben, ist der Traditionsverlag Suhrkamp. Im Mai schlüpfte er unter den Schirm, Anfang August folgte dann der Eintritt in die Insolvenz. Laut Sanierungsplan soll die Kommanditgesellschaft in eine Aktiengesellschaft umgewandelt werden, um den Einfluss der Gesellschafter zu reduzieren. Die Streitereien unter den Unternehmenseignern gelten als Grund für die Schieflage des Unternehmens.

Loewe

Der Fernsehgerätehersteller Loewe hat Mitte Juli Gläubigerschutz beantragt und schlüpfte unter der Schutzschirm. Nun hofft er auf die Hilfe asiatischer Investoren, um binnen der drei Monate 50 Millionen Euro aufzutreiben. Findet Loewe unter dem Schutzschirmverfahren keinen neuen Geldgeber, steht das Ende bevor.

Centrotherm

Im Juli 2012 hatte der Maschinenbauer als eines der ersten Unternehmen ein sogenanntes Schutzschirmverfahren beantragt. Es folgte ein Insolvenzverfahren. Anfang Juni 2013 hob das Amtsgericht Ulm das Verfahren auf, die Sanierung des Unternehmens geht weiter.

Hein Gericke

Im August 2012 beantragte Hein Gericke die Aufnahme in ein Schutzschirmverfahren. Mithilfe eines Sanierungskonzeptes wollte der Händler von Motorrad-Zubehör alle 288 Arbeitsplätze im In- und Ausland sichern.

Solarwatt

Solarwatt musste im Juni 2012 das Schutzschirmverfahren beantragen. Das Unternehmen war überschuldet. Zunächst vollzog das Unternehmen einen Schuldenschnitt und setzte das Grundkapital auf null herab. Der bereits vorher beteiligte BMW-Erbe Stefan Quandt bot schließlich ein Gesellschafterdarlehen von fünf Millionen Euro an und hält heute 90 Prozent der Anteile.

IVG Immobilien

Die Immobilienfirma hat am 20. August 2013 ein Schutzschirmverfahren begonnen. Grund: Eine Einigung über einen Forderungsverzicht mit einer Vielzahl an Gläubigern war nicht zustande gekommen.

Dabei bietet die neue Möglichkeit eine Reihe von Vorteilen für in Not geraten Unternehmen. Seit März 2012 ist es möglich, dass überschuldete Unternehmen das Schutzschirmverfahren anwenden. Es ähnelt in seiner Art dem Chapter-11-Verfahren in den USA.

Auch wenn der Name aber Anderes suggeriert: Das Schutzschirmverfahren endet meistens in der Eröffnung des Insolvenzverfahrens. Aber es hat trotzdem im Vergleich zum konventionellen Insolvenzverfahren Vorteile. Die Unternehmensleitung darf unter dem Schutzschirm weiter die operativen Geschäfte führen und kann den Sanierungsplan innerhalb des drei Monate währenden Verfahrens selbstständig aufstellen. Gleichzeitig ist die Firma vor dem Zugriff der Gläubiger geschützt.

Die Voraussetzung:  Das Unternehmen darf durch Überschuldung zwar in einer Notlage sein, aber es muss seine laufenden Verpflichtungen wie etwa Lieferantenrechnungen oder Personalkosten, noch selbst bezahlen können. Außerdem muss es von einem in Insolvenzsachen erfahrenen Berater bescheinigt bekommen, dass es grundsätzlich sanierungsfähig ist.

Anders als beim konventionellen Insolvenzverfahren wird dem Unternehmen nach Ablauf der drei Monate und nach dem Eintritt in das Insolvenzverfahren dank des neuen Gesetztes auch nicht einfach automatisch ein externer Insolvenzberater vorgesetzt – ein Eingriff, der laut Experten vor einer frühzeitigen Sanierung abschreckt. Genehmigt das Gericht eine Insolvenz in Eigenverwaltung darf es weiter selbst die Geschäfte führen - so wie im Fall von Centrotherm und Suhrkamp.

„Unternehmen stellen viel zu spät einen Insolvenzantrag weil sie den Einflussverlust fürchten“, hat Insolvenzexperte Martin Hörmann von Anchor Rechtsanwälte beobachtet. Hörmann war sogenannter Sachwalter beim Schutzschirmverfahren des Solarunternehmens Centrotherm.

Kommentare (1)

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Brunowsky

12.08.2013, 09:55 Uhr

Auch die Düsseldorfer WGF AG hat dieses Schutzschirmverfahren aufgrund der positiven Fortführungsprognose mit Erfolg absolviert. Statt etwa 25% sind jetzt 60% Quote langfristig möglich, wenn der Businessplan erfolgreich umgesetzt wird. In diesem Fall haben vor allem die Vertreter großer Anlegerschutzvereinigungen dazu beigetragen, die jetzt sogar in Vorstand und Aufsichtsrat vertreten sind - erstmals bei einem Schutzschirmverfahren
Ralf-Dieter Brunowsky

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