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27.12.2011

10:42 Uhr

Interview mit Martin Herrenknecht

„Griechenland ist ein Fass ohne Boden“

VonMartin-W. Buchenau

ExklusivSeine Maschinen graben Tunnel in aller Welt, seine Erfahrungen mit Griechenland nennt er "chaotisch". Martin Herrenknecht spricht im Interview über den Euro und die Chancen der Geothermie.

Unternehmer Martin Herrenknecht. ap

Unternehmer Martin Herrenknecht.

Handelsblatt: Herr Herrenknecht, haben Sie schon einmal einen Tunnel in Griechenland gebaut?

Martin Herrenknecht: Ja, beispielsweise für die Metro vor den Olympischen Spielen 2004.

Und was sind Ihre Erfahrungen?

Es war chaotisch. Wir mussten neun Monate die Arbeit unterbrechen, weil die Behörden eine alte Vase gefunden hatten.

Das kann Ihnen auch hierzulande passieren.

Aber nicht so. Da werden solche Dinge vorher untersucht und nicht während des Baus. Eine stehende Tunnelbaumaschine kostet 10 000 Euro am Tag. Aber das spielte in Athen keine Rolle.

Bauen Sie derzeit in Griechenland?

Wir sind froh, dass wir derzeit dort kein neues Projekt haben. Es gibt in Griechenland kein auch nur annähernd solides Finanzsystem. Das sind balkanähnliche Verhältnisse. Eine ganz kleine Oberschicht profitiert und schafft ihr Vermögen ins Ausland.

Welche Euro-Regierungen ums Überleben kämpfen

Italien

Mario Montis Regierung aus 17 parteilosen Fachleuten soll nach dem Rücktritt Berlusconis im November 2011 verhindern, dass Italien noch tiefer in die Schuldenkrise abrutscht. Das Land trägt eine Schuldenlast von rund 1,9 Billionen Euro.
Italien hat mit einer Gesamtverschuldung von rund 120 Prozent der Wirtschaftsleistung nach Griechenland den höchsten Schuldenberg in der Eurozone. Monti versicherte, dass er die beschlossenen Spar- und Reformmaßnahmen umsetzen wolle. Doch der Druck seitens der EU ist groß.
Rom hat erst vergangene Woche seine Wachstumsprognose gesenkt. Demnach wird die drittgrößte Volkswirtschaft der Euro-Zone in diesem Jahr mit 1,2 Prozent dreimal so stark schrumpfen wie bislang angenommen.

Griechenland

Griechenland wird seit zwei Jahren mit milliardenschweren Hilfspakten gerettet. Im Gegenzug für die Unterstützung durch Europa und den Internationalen Währungsfonds (IWF) muss Athen einen massiven Sparkurs fahren.
Die Regierung unter Leitung von Lucas Papademos sollte nach dem Rücktritt von Giorgos Papandreou im November 2011 das Vertrauen der Märkte zurückerobern. Sie sollte die maßgeblichen politischen Kräfte in Griechenland bündeln und die Vorgaben der Kreditgeber umsetzen. Funktioniert hat das nur in Maßen. Jetzt hat Papademos für den 6. Mai 2012 Neuwahlen angekündigt. Das Land müsse neue Stabilisierungs- und Reformmaßnahmen ergreifen, so der Präsident.
Griechenlands Finanzlage hat sich im vergangenen Jahr zwar etwas gebessert, zeigt aber weiter tiefrote Zahlen. Der Fehlbetrag im Staatshaushalt belief sich 2011 auf 9,1 Prozent vom Bruttoinlandsprodukt (BIP) - das war etwas weniger als die 10,3 Prozent in 2010.

Spanien

Der neue konservative Ministerpräsident Mariano Rajoy hat sein Volk nach den vorgezogenen Neuwahlen im November 2011 auf harte Zeiten eingestimmt. Das krisengeschüttelte Spanien ist im vergangenen Jahr auf den dritten Platz der größten Haushaltssünder im Euro-Raum aufgerückt, wie die Statistikbehörde Eurostat berichtete. Das Haushaltsdefizit sank zwar auf 8,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) nach 9,3 Prozent im Vorjahr, war aber deutlich größer als angestrebt.
Schlimm sieht es für Spaniens Konjunktur aus, die Wirtschaft stürzte zu Jahresbeginn in die Rezession. Das Sparen wird für die Regierung deshalb noch schwerer. Dennoch will sie das Defizit in diesem Jahr auf 5,3 Prozent drücken. Spanien überholte sogar das Nachbarland Portugal, das Geld aus dem Euro-Krisenfonds erhält und strikt sparen muss.

Slowakei

Im Streit um die Beteiligung am Euro-Rettungsschirm EFSF hatte Ministerpräsidentin Iveta Radicova im Oktober ihren Rücktritt angekündigt. Im März 2012 gewann die Partei Smer-Sozialdemokratie mit Robert Fico klar die vorgezogene Parlamentswahl. Seit April ist Fico Ministerpräsident.

Portugal

Auch hier brachte die Schuldenkrise einen Regierungswechsel. Die sozialistische Regierung von José Sócrates wurde angesichts der schweren Wirtschaftskrise im Juni 2011 abgewählt. Aber auch die neue liberal-konservative Regierung unter Ministerpräsident Pedro Passos Coelho steht mächtig unter Druck.
Das Land ist weiterhin ein Sorgenkind der Eurozone.

Irland

In der schweren Wirtschaftskrise setzten die Iren auf eine neue Regierung. Bei der Parlamentswahl im Februar 2011 straften sie die wirtschaftsliberale Regierungspartei Fianna Fail von Premierminister Brian Cowen ab. Neuer Premierminister wurde Enda Kenny. In der neuen Regierung koaliert die konservative Fine Gael mit der linken Labour-Partei.
Die Regierung will das Staatsdefizit von zwölf Prozent der Wirtschaftsleistung bis 2015 auf unter drei Prozent senken. Dazu sollen unter anderem Staatsbeteiligungen im Wert von zwei Milliarden Euro verkauft werden und im öffentlichen Dienst 25.000 Stellen wegfallen. Irland wurde von der Europäischen Union und dem Internationalen Währungsfonds (IWF) mit einem 85 Milliarden Euro schweren Rettungspaket vor der Pleite bewahrt und muss im Gegenzug eisern sparen.

Niederlande

Die niederländische Regierung ist im April 2012 zurückgetreten. Am 12. September sollen vorgezogene Neuwahlen stattfinden. Die bisherige Regierung von Ministerpräsident Mark Rutte zerbrach an Verhandlungen über Sparmaßnahmen in Höhe von 14 Milliarden Euro. Die Partei des Rechtspopulisten Geert Wilders kündigte aufgrund der Verhandlungen den Regierungsvertrag auf. Ruttes Koaliton hat ohne Wilders' Partei keine Mehrheit im Parlament.

Mit dem Sparkurs wollen die Niederlande die Neuverschuldung auf das von der EU vorgeschriebene Niveau von drei Prozent drücken. Die Agentur Moody's behielt vorerst das AAA-Rating des Landes bei, warnt aber vor einer Herabstufung, wenn die Sparziele nicht weiter verfolgt werden.

Was bedeutet das für den Rettungsschirm?

Die Finanzspritzen hätten wir uns sparen können. Die acht Milliarden Euro sind weg. Solange es dort kein funktionierendes Finanz- und Steuersystem gibt, sind die Hilfen zwecklos. Ein Fass ohne Boden.

Aber der Schuldenschnitt war doch notwendig?

Natürlich, aber die Griechen werden weitermachen wie bisher. Dann ist es nur eine Frage der Zeit, bis noch mehr Milliarden nötig sind. Denn die kleinen Leute und die Mittelschicht werden unter der Sanierung ächzen und nicht leistungsfähiger.

Was schlagen Sie vor?

Es geht vor allem darum, dass die Griechen selbst Initiative ergreifen und sich selbst helfen. Als Erstes brauchen wir einen Beitrag der Reichen, eine Art Solidarzuschlag. Rund 200 Milliarden Euro auf Schweizer Konten stammen aus Griechenland, meist aus der Oberschicht. Das ist doch zum größten Teil nicht versteuertes Geld. Davon müssten die Griechen mindestens 25 Prozent als Solidarbeitrag für ihr Land zusteuern. Das wären schon einmal 50 Milliarden Euro, mit denen die Leistungsfähigkeit des Landes gestärkt würde. Der zweite Punkt wäre der Aufbau eines soliden Finanz- und Steuersystems. Am besten mit Hilfe von sehr pflichtbewussten und versierten Steuerbeamten, meinetwegen auch aus Baden-Württemberg.

Ist das umsetzbar?

Es muss. Und wenn man konsequent ist, bräuchte es ein einheitliches europäisches Finanz- und Steuersystem für die gesamte EU. Es geht doch noch bei anderen Staaten weiter, siehe Italien. Es ist doch offensichtlich, dass genau die Länder ein Schuldenproblem haben, die nicht nur über ihre Verhältnisse leben, sondern bei denen auch nicht vernünftig Steuern bezahlt werden. Es ist nicht einzusehen, dass der Rest der Gemeinschaft dafür bezahlt. Wenn Europa das nicht in den Griff bekommt, kann man den Euro vergessen. Viele Türken wollen ja schon gar nicht mehr in die EU.

Kommentare (17)

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Rene

27.12.2011, 11:07 Uhr

Überall der Schrei nach Subvention durch Steuerzahlergeld.

Chancengleichheit entsteht auch, wenn man den Subventionssumpf trocken legt.

Account gelöscht!

27.12.2011, 11:32 Uhr

@ Rene

Herr Herrenknecht hat nicht nach Subventionen gerufen, sonern er besteht auf Chancengleichheit gegenüber den Modeerscheinungen Windkraft und Photovoltaik. Im übrigen hat er Recht, wenn er den Bedarf nach Grundlagenforschung sieht. Das ist keine Subvention, sondern eine elementare Staatsaufgabe.

Im übrigen ist seinem Interview nichts hinzuzufügen. mondahu kennt GR und TR aus eigener Geschäftstätigkeit und pflichtet ihm bei in seinem Urteil.

EinBuerger

27.12.2011, 11:56 Uhr

Das stimmt und das weiß inzwischen jeder, dass Griechenlands Problem primär darin besteht dass die reiche "Elite" keine Steuern bezahlt.

Diese Elite bestimmt aber die Spielregeln in Griechenland und wird von den EUROkraten hofiert. Also gibts auch keine Änderung.

Klar dass da von den Rettungsmilliarden wieder ein großer Teil in die Schweiz abfließt. Stört aber Merkel, Juncker & Co nicht.

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