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02.01.2006

10:52 Uhr

Interview

„Vorsicht kontra Aktualität“

Auf Druck der Banken werden viele Kleinunternehmen nicht umhinkommen künftig nach IFRS zu bilanzieren. Oliver Roth, Chef der Lemp-Gruppe und Vorstand im Wirtschaftsverband WSM, außert sich zu den Änderungen.

Herr Roth, Mittelständler zeigen erstaunliches Interesse an den neuen IFRS-Normen zur Rechnungslegung. Andererseits äußern sich viele Firmen recht skeptisch gegenüber den Ansätzen, diese Regeln in eine mittelstandsadäquate Form zu gießen. Woran liegt das?

Ein wesentlicher Grund liegt im Zielkonflikt. Die bisherigen IFRS sollen möglichst hohe Transparenz für Aktionäre und Investoren schaffen. Mittelstandsunternehmen, die nicht börsennotiert sind, geht es aber mehr um die nachhaltige Wertsicherung ihrer Unternehmen.

Worin bestehen diese Konflikte genau?

Wer in der Nachfolge oft vieler Generationen die Verantwortung für ein Unternehmen, für die eigene Familie und für die Mitarbeiter und deren Familien trägt, den kümmert das Quartalsergebnis weit weniger als den Manager eines börsennotierten Unternehmens, dessen Jahresbonus mit der Quartalsbilanz schwankt. Für den Mittelständler steht das Vorsichtsprinzip im Vordergrund, das Eigentümer und Gläubiger schützt. Das Zeitwertprinzip der IFRS soll dagegen den potenziellen und anonymen Anleger informieren. Ob es ihn auch schützt, ist aber zweifelhaft.

Das Zeitwertprinzip erfordert die regelmäßige Neubewertung vieler Vermögensgegenstände, soll also die Bilanz zum Spiegel des aktuellen Unternehmenswerts machen. Was spricht dagegen?

Stein des Anstoßes ist nicht die so genannte Fair-Value-Bewertung als solche, sondern der dafür nötige unverhältnismäßig hohe Aufwand, der dauerhaft betrieben werden muss, ohne dass es für Eigentümer, Lieferanten oder Gläubiger des Unternehmens zu einem Mehr an Transparenz kommt. Außerdem kommen enorme Schwankungen in die Bilanz, die nicht auf der unternehmerischen Leistung, sondern allein auf der aktuellen Bewertung basieren.

Sie haben sich persönlich vorgenommen, die Interessen der Familienunternehmen in das Projekt „IFRS für den Mittelstand“ ein- zubringen. Als einziger deutscher Mittelstandsunternehmer sitzen Sie im Londoner International Accounting Standards Board, das nach „IFRS für die Großunternehmen“ diese Normen formulieren will. Was sind Ihre Ziele?

Wir müssen auf jeden Fall verhindern, dass die Mittelstandsbilanzregeln ähnlich kompliziert werden wie die für kapitalmarktorientierte Unternehmen. Denn einen solchen Aufwand für die Rechnungslegung können sich Familienunternehmen im Normalfall nicht leisten. Zudem sollten die IFRS für den Mittelstand so klar und eindeutig formuliert sein, dass sie möglichst zügig mit dem nationalen Handels- und Bilanzsteuerrecht in Einklang zu bringen sind.

Die Fragen stellte Joachim Weber.

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