Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

26.09.2011

11:54 Uhr

Interview

„Wir haben erkannt, dass es falsch war“

VonRüdiger Jungbluth, Giovanni di Lorenzo
Quelle:Zeit Online

Der TV-Film über die NS-Vergangenheit der Quandts hat den Industriellen-Clan veranlasst, umfangreiche Nachforschungen anzustellen. Nun stellen sich Stefan Quandt und seine Cousine Gabriele den Vorwürfen im Interview.

Stefan Quandt mit seiner Mutter Johanna und Schwester Susanne Klatten (v.l.). picture-alliance

Stefan Quandt mit seiner Mutter Johanna und Schwester Susanne Klatten (v.l.).

Frage: Frau Quandt, Herr Quandt, als Reaktion auf eine Fernsehdokumentation haben Sie und Ihre Geschwister einen Historiker beauftragt, Ihre Familiengeschichte aufzuarbeiten. Diese Studie liegt vor. Sie enthält neue belastende Fakten.

Stefan Quandt: Das ist richtig, aber in ihren Kernaussagen hat die Studie mich nicht überrascht und meine Erwartungen bestätigt. Dass unser Großvater Günther Quandt kein Antisemit war. Kein überzeugter Nationalsozialist. Und kein Kriegstreiber. Dass er aber Zehntausende Zwangsarbeiter in seinen Unternehmen beschäftigt hat. Auch schmerzhaft zu sehen ist die Rolle, die Günther Quandt bei einigen Arisierungen gespielt hat, also bei Übernahmen von Firmen aus jüdischem Besitz, mit denen er seinen Konzern erweiterte. Das war mir vorher so nicht klar.

Gabriele Quandt: Der Fernsehfilm hat unsere Familie sehr getroffen, weil die NS-Geschichte darin anders gewichtet wurde, als wir sie für uns gewichtet hatten. Wir wussten natürlich, dass der Großvater, der gut durch die Nazizeit gekommen war und einen Großteil seines Vermögens gerettet hat, kein Held gewesen ist. Dass Günther Quandt jemand war, der sich mit den Umständen arrangiert hat. Aber wir haben es weggeschoben. Der Film hat uns dann die Lupe vor das Foto gehalten.

Wie Quandt mit den Nazis kollaborierte

Quandt und die Nazis

Drei Jahre lang hat der Bonner Historiker Joachim Scholtyseck die Vergangenheit der Quandts durchleuchtet und vor allem neue Erkenntnisse über die Rolle Günther Quandts während der Naziherrschaft gesammelt. Es folgt eine stark verkürzte Zusammenfassung.

Vermögen vermehren

Anfang der 30er-Jahre kamen die beiden Familien-Holdings der Quandts, die Agfi und Draeger-Werke, auf ein Vermögen von rund 36 Millionen Reichsmark. Während der Nazi-Herrschaft konnte Günther Quandt diese Summe deutlich hochschrauben.

Eintritt in die Partei

Günther Quandt trat am 1. Mai 1933 in die NSDAP ein. Längst hatte er sein ohnehin umfangreiches Netzwerk um Männer der Partei und der Wehrmacht ergänzt. Die Parteimitgliedschaft öffnete ihm die Türen für lukrative Staatsaufträge.

Enge Kooperation

Günther Quandt expandierte weiter, doch war sein ökonomischer Erfolg eng an die Kooperation mit den Nazis gebunden, allen voran mit den staatlichen Rüstungsstellen. Die Zusammenarbeit funktionierte weitgehend reibungslos.

Doppeltes Spiel

Die vom Staat angekurbelte Rüstungsmaschinerie gehörte rasch zum festen Geschäftsmodell der Quandts. Bis 1939 wollte Günther jedoch nicht ganz auf das Zivilgeschäft verzichten. So baute die AFA 1936 ein hochmodernes Werk in Hannover und folgte dem Motorisierungstrend. Für Akkumulatoren und Batterien war der Staat allerdings schon bald der einzige Abnehmer.

Langfristige Herrschaft

In den Kriegsjahren richtete Quandt seine Unternehmen auf einen europäischen „Großwirtschaftsraum“ aus. Die Expansionsbemühungen nahmen neue Formen an. Günther Quandt setzte auf eine langfristige Herrschaft des Regimes.

Zwangsarbeit bei Quandt

Quandts Unternehmen mussten viele Facharbeiter an die Front schicken. Da inzwischen alle Firmen wichtige Lieferanten für die Wehrmacht waren, kam es zu einem „Arrangement“ mit den Nazis. Günther Quandt beschäftigte in seinen Firmen rund 50.000 Zwangsarbeiter, KZ-Häftlinge und Kriegsgefangene. Wie groß der finanzielle Nutzen war, lässt sich heute nicht genau nachvollziehen. Günther Quandt und auch sein Sohn Herbert Quandt waren von Beginn an über die Praxis informiert gewesen.

Rassistische Motive

Günther Quandt war ein Opportunist und leistete innerhalb und außerhalb seiner Firmen der Rassenpolitik des Regimes Vorschub. So war er etwa 1933 an der Verdrängung jüdischer Mitarbeiter aus Berliner Wirtschaftsgremien beteiligt.

Teilnahme an der „Arisierung“

Günther Quandt arbeitete mit den Reichsstellen auch bei der sogenannten „Arisierung“ jüdischen Firmenvermögens zusammen. Dabei griff er skrupellos zu und übernahm mehrere Firmen weit unter Preis.

Die Abrechnung der Alliierten

Günther Quandt kam vergleichsweise glimpflich davon: Eineinhalb Jahre musste er in amerikanischer Lagerhaft verbringen. Am Ende wurde er als „Mitläufer“ eingestuft. Allerdings hielten die Briten entscheidendes Material zurück, weil sie die Bedeutung der Batterieproduktion der AFA sehr hoch einschätzten und deren Besitzer schonen wollten.

Was erkannten Sie?

Gabriele Quandt: Wir haben erkannt, dass es falsch war, nicht ganz genau wissen zu wollen, was damals geschehen ist. Von dieser Haltung mussten wir uns verabschieden, und zwar endgültig. Deshalb bin ich auch mit Blick auf die nächste Generation Professor Scholtyseck dankbar, dass er das alles mit Akribie untersucht hat. Unsere Familie weiß jetzt Bescheid. Überrascht wird keiner mehr. Auch wenn man lieber einen Großvater hätte, auf den man in jeder Hinsicht stolz sein kann, aber es ist eben der, mit dem wir leben müssen.

Fühlten Sie sich durch den Film persönlich angegriffen?

Gabriele Quandt: Ich schon. Massiv. Die Unterstellung, unsere Öffentlichkeitsscheu beruhe darauf, dass wir Dreck am Stecken und unser Geld aus unlauteren Quellen hätten, fand ich schmerzhaft und unerhört. Aber das hat uns aufgerüttelt.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×