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13.05.2012

11:30 Uhr

Jobst Wellensiek im Interview

„Insolvenz kommt durch Managementfehler“

VonDieter Fockenbrock

Insolvenzverwalter Jobst Wellensiek erklärt, warum zu viele Geldgeber den Job erschweren und weshalb eine Transfergesellschaft für Schlecker der richtige Weg wäre.

Jobst Wellensiek hat mehr als 900 Insolvenzverfahren abgewickelt. Bert Bostelmann für Handelsblatt

Jobst Wellensiek hat mehr als 900 Insolvenzverfahren abgewickelt.

HeidelbergHandelsblatt: Herr Wellensiek, der scheidende RWE-Chef Jürgen Großmann verdankt Ihnen seinen Aufstieg.

Wellensiek: Dies sicherlich nicht. Allerdings werde ich die Zeit kurz vor Weihnachten 1992 nie vergessen, als ich vorläufiger Vergleichsverwalter von Klöckner geworden bin. Nach einer Vorstandssitzung in Duisburg sind Jürgen Großmann und ich im Höllentempo nach Osnabrück in die Georgsmarienhütte gefahren zu einer Betriebsversammlung unter dem Weihnachtsbaum. Anschließend ging es nach Bremen ins Parkhotel, und dort eröffnete er mir bei einem Abendessen, dass er die Hütte erwerben wolle.

Ihre erste Reaktion?

Ich war beeindruckt von dem Vertrauen. Schließlich kannten wir uns erst ein paar Stunden.

Vertrauen hatten offenbar vor allem Sie. Denn später verkauften Sie Großmann die Hütte für zwei Mark und legten auch noch 30 Millionen Anschubfinanzierung drauf.

Das waren Verpflichtungen des Klöckner-Konzerns gegenüber der Hütte. Aber ich muss sagen, Großmanns Konzept fand ich von Anfang an interessant und überzeugend.

Und Großmann?

Ich bin ein Fan von Jürgen Großmann. Er hat seine Ziele klar vor Augen. Wenn ich es einmal salopp formulieren darf, so glaube ich, in meinem Berufsleben immer ein gutes Gespür für Leute gehabt zu haben, die unternehmerische Qualitäten haben.

Wäre eine solche Aktion mit einem unbeschriebenen Blatt wie Jürgen Großmann heute noch möglich?

Jürgen Großmann war für mich als Mitglied des Vorstands kein unbeschriebenes Blatt. Dennoch, die Zeiten haben sich verändert. Die Prozesse in der Wirtschaft sind einerseits transparenter geworden, das Klima allerdings aggressiver und misstrauischer. Selbst die Banken beharken sich inzwischen untereinander. Das Geschäft ist rau, für Unternehmer wie auch für Insolvenzverwalter.

Scheitern Sanierungen, weil sich die Gläubiger nicht einigen?

Seit die Banken ihre Kredite an Investoren weiterverkaufen, hat man es als Verwalter plötzlich mit Geldgebern zu tun, die sie vorher nicht kannten, die aber auch von der Materie nichts verstanden. Das macht es nicht leichter.

Kommentare (4)

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SueMe

13.05.2012, 13:37 Uhr

Die vorübergehende ZAHLUNGSUNFÄHIGKEIT das ist die INSOLVENZ (= keine Mittel flüssig haben) kommt durch UNTÄTIGE GERICHTE.

Das Problem liegt bei der JUSTIZ. Wenn die nicht so arbeitet wie ds gedacht ist können wir alle aufhören "ehrlich" zu wirtschaften weil dann alles Geschäft - mangels der Möglichkeit jemanden zu zwingen seinen Vertrag einzuhalten - Glücksspiel und Wegelagerei ist.

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Wie sagte meine Ex bei der Trennung - den Satz nach dem "dein Kind siesht Du nie wieder" - : "VERKLAG MICH DOCH!"

Cord-Anzug

13.05.2012, 13:50 Uhr

es gibt zwo arten von baustellen - diejenigen bei denen durch nichtstun schäden enstehen - wasserrohrbruch - dachschaden bei gewitter - und diejenigen die warten können.

es gibt auch solche bei denen irreparable schäden entstehen. zehn jahre nichtstun ist so ein irreparabler schaden für den rechtsstaat.

http://die-riesen.dynip.name/02120513-1230-rialo-faxsendbest-anon.jpg

Gast

13.05.2012, 15:56 Uhr

Die Argumentation von Herrn Wellensiek für eine Schlecker-Transfergesellschaft ist nicht sonderlich ausgereift. Er argumentiert einzig, dass 'der Staat Arbeitslosengeld zahlt, wenn keine Transfergesellschaft zustande kommt'. Die Finanzierung der Transfergesellschaft geschieht allerdings auch aus Steuergeldern. Eine Transfergesellschaft ist daher nur sinnvoll, wenn an einem zentralen Standort ein Großunternehmen insolvent geht und die lokalen Arbeitsagenturen mit der Vermittlung überfordert sind. Das Filialnetz von Schlecker hingegen verteilt sich über ganz Deutschland, wobei pro Filiale etwa 2-5 Mitarbeiter beschäftigt wurden. Eine steuermittelfinanzierte Parallelstruktur zu den Arbeitsagenturen aufzubauen wäre mehr als unsinnig. Was Herr Wellensiek außerdem verschweigt: Für einen Insolvenzverwalter ist es erheblich einfacher, Investoren zu finden, wenn die entlassenen Mitarbeiter in einer Transfergesellschaft aufgefangen werden und nicht gegen das Unternehmen klagen. Womit er allerdings recht hat: 'Die Argumente der FDP klingen gut, können ihnen allerdings politisch nachteilig ausgelegt werden'. So ist es auch geschehen.

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