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31.08.2011

13:05 Uhr

Jürgen Heraeus

„Banken, die Casino spielen, müssen auch Pleite gehen können“

VonGabor Steingart, Jens Koenen

Ein Unternehmer spricht Klartext: Jürgen Heraeus geißelt die hemmungslose Schuldenpolitik, warnt vor Finanzgeschäften, die keiner mehr versteht und sagt: "Wir werden vielleicht sogar eine Inflation bekommen."

Der Unternehmer Jürgen Heraeus. obs

Der Unternehmer Jürgen Heraeus.

Handelsblatt: Wenn Sie zurückschauen auf ihre nunmehr 75 Jahre Lebenszeit, die Bombennächte der Kindheit, den Wiederaufbau, die Begründung der Europäischen Union, schließlich die Wiedervereinigung. Was empfinden Sie angesichts der Schwierigkeiten in der Euro-Zone? Gelassenheit oder Sorge?
Jürgen Heraeus: Man sollte nicht übertrieben aufgeregt sein, es war immer schwierig. Ich habe das Kriegsende miterlebt. Auf dem Gelände, auf dem wir jetzt dieses Gespräch führen, stand nichts außer Ruinen. Als wir dann wieder angefangen haben, hat mein Vater gesagt, wir konzentrieren uns auf Deutschland und überlassen Engelhard, der damals noch mit 15 Prozent Gesellschafter bei Heraeus war, die übrige Welt. Heute gibt es die Firma Engelhard nicht mehr, sie ist Teil von BASF. Und wir sind auf der ganzen Welt tätig.
Ihre eigene Biografie lehrt Sie also Gelassenheit und Demut?
Man lernt zumindest, dass man vorsichtig sein sollte mit Depressionsszenarien. Wer jetzt glaubt, dass in Kürze der Euro, Europa oder gar beides zusammenbricht und deshalb nur noch Gold kauft, der tut sich selbst keinen Gefallen. Ein solcher Fatalismus ist keine Lösung.
Das ist keine Lösung, aber dieser Fatalismus ist derzeit die Stimmung der Menschen..

Einer unserer Aufsichtsräte hat schon 1966 gesagt, dass man den Glauben an Jesus schneller ablegen kann als den ans Gold.

Der Goldpreis zeigt immer auch eine Schwäche des Bestehenden an. Zum Beispiel das geschwundene Vertrauen in das Weltfinanzsystem.
Die größte Katastrophe, die wir seit etwa zehn Jahren erleben, sind in der Tat die nicht realen Finanztransaktionsgeschäfte, die kein Mensch mehr versteht, noch nicht einmal die, die diese Transaktionen vornehmen. Ich glaube, diesen Teil des Geschäfts von Goldman Sachs und anderen Banken braucht man eigentlich nicht. Diese ganzen hypothetischen Verpackungen, die ABS-Strukturen sind überflüssig. Das hat das Vertrauen in die Banken erschüttert.
Also muss die Realwirtschaft stärker von der virtuellen der Finanzwelt getrennt werden?
Das geschieht ja bereits. Wenn zum Beispiel Leerverkäufe verboten werden, finde ich das sehr vernünftig. Schauen Sie, wie mit großen Summen gegen Währungen einzelner Staaten spekuliert wird, ohne dass hinter diesen Geschäften irgendetwas an realen Werten steckt. Das ist nicht nur unglaublich. Das ist vor allem schädlich.

Jürgen Heraeus - mit Verantwortung für nachfolgende Generationen

Beruflicher Werdegang

Jürgen Heraeus wird 1936 in Hanau geboren. Er studiert Betriebswirtschaftslehre an der Ludwig-Maximilians-Universität München und wird 1963 zum Doktor oec. publ. promoviert.

Übernahme der Geschäftsleitung

Im Anschluss verbringt er fast zwei Jahre in den USA und ist für verschiedene Tochtergesellschaften des Familienunternehmens tätig. 1970 wird er in die Geschäftsleitung der W. C. Heraeus GmbH berufen und übernimmt später den Vorsitz der Geschäftsleitung der neu gegründeten Heraeus Holding GmbH.

Vorsitzender des Aufsichtsrates

Seit Januar 2000 ist Jürgen Heraeus nun Vorsitzender des Aufsichtsrats und Vorsitzender des Gesellschafterausschusses der Heraeus Holding GmbH.

Gea Group und Messer Group

Jürgen Heraeus ist zudem Vorsitzender des Aufsichtsrats der Gea Group und der Messer Group. Darüber hinaus ist er Präsidiumsmitglied des BDI sowie Mitglied des Lenkungsrates Unternehmensfinanzierung im Rahmen des "Wirtschaftsfonds Deutschland".

Arbeitskreis China im APA

Schon in den 1970er Jahren erkennt Jürgen Heraeus das große wirtschaftliche Potential, das in China steckt. Heute ist er Vorsitzender des Arbeitskreises China im Asien Pazifik Ausschuss (APA) der Deutschen Wirtschaft.

Gesellschaftliches Engagement

Außerdem engagiert sich Jürgen Heraeus als Vorstandsvorsitzender des Deutschen Komitees für UNICEF und der Kathinka-Platzhoff-Stiftung für die Gesellschaft.

Bundesverdienstkreuz I. Klasse

Im Jahr 2000 wird Jürgen Heraeus vom damaligen Bundespräsidenten Johannes Rau für seinen persönlichen Einsatz in wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und sozialen Bereichen für das allgemeine Wohl mit dem Bundesverdienstkreuz I. Klasse ausgezeichnet.

Familienmensch

Jürgen Heraeus ist verheiratet und interessiert sich als Vater von fünf Töchtern besonders für Bildungspolitik.

Warum ist die Realwirtschaft, also die produzierende Industrie in Deutschland, nicht früher gegen das Geschäftsgebaren der Banken eingeschritten?
Ich war lange im Aufsichtsrat der IKB als Vertreter der Stiftung Industrieforschung. Die haben einen grundsoliden Eindruck gemacht, wirkten fast schon ein wenig langweilig. Und dann haben sie sich diese strukturierten Geschäfte andrehen lassen. Jeder Vertrag hatte 350 Seiten. Der Verkäufer hat vielleicht geahnt, was er da verkauft, der Käufer hat es nicht gewusst. Die Bank hat es elegant weitergereicht. Dass das geschehen konnte, ist ein Versäumnis der Aufsichtsbehörde, der Politik, aber natürlich auch derjenigen, die diese Finanzprodukte gekauft haben.
Was würden Sie den Kontrolleuren oder Politikern, die über ihre Hilflosigkeit klagen, empfehlen?
Es ist schwierig geworden, der Finanzindustrie Grenzen aufzuzeigen. Deutschland könnte das noch am ehesten vorantreiben, weil hier noch immer 25 Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus der Industrie stammen. Aber in Großbritannien sind es nur noch neun Prozent, das Land lebt von den Finanzmärkten. Ich habe keine Lösung. Ich glaube aber, die ersten Ansätze wie etwa den Eigenhandel zu reduzieren, ihn mit mehr Eigenkapital zu unterlegen, führen in die richtige Richtung.

Kommentare (22)

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Pendler

31.08.2011, 13:18 Uhr

Ok, also Klartext:

Bald werden die ersten Banken aus dem Dolce-Viat Raum pleite?

Kronecker

31.08.2011, 13:23 Uhr

Virtuelle Finanzwirtschaft, reale Wirtschaft, irrationale Kräfte, etc. - viele Metaphern, wenig Konkretes. Die Tatsache, dass man etwas nicht versteht, heisst nicht automatisch, dass es nicht verstehbar ist. Man muss sich halt die Arbeit machen, es zu verstehen. Ansonsten Hut ab vor Herrn Heraeus.

Ein_Schaf

31.08.2011, 13:33 Uhr

Es ist doch sehr beruhigend dass es in großen und erfolgreichen Unternehmend noch vernünftig denkenden Menschen gibt.
Bei dem Aktionismus den uns die Politik zur Zeit vorlebt und den offensichtlich gewissenlosen Managern in einigen Banken kommt man ans verzweifeln.
Viele von uns sind dann aber nur blöckende Schafe. Die Frage ist bloß, ob wir auch Systemrelevant sind. Mähh.

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