Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

28.09.2015

11:21 Uhr

Karriere im Mittelstand

„Die Frau muss mit in die Provinz“

VonKatrin Terpitz

Headhunter Achim Brühne redet Tacheles. Der Personalberater erklärt die Vorzüge einer Karriere im Mittelstand, warum ein Einstieg als Berater sinnvoll ist und welche ungeahnten Folgen die Frauenquote mit sich bringt.

„Die meisten Mittelständler verlangen, dass Manager ihren Lebensmittelpunkt an den Stammsitz verlegen. Dass die Familie mitzieht, ist meist ein entscheidendes Kriterium für die Stellenzusage.“ Imago

Schwierige Balance

„Die meisten Mittelständler verlangen, dass Manager ihren Lebensmittelpunkt an den Stammsitz verlegen. Dass die Familie mitzieht, ist meist ein entscheidendes Kriterium für die Stellenzusage.“

Herr Brühne, Konzern oder Mittelstand – wo lässt sich heute am besten Karriere machen?
Bis Ende der 90er-Jahre legten ambitionierte Absolventen noch großen Wert darauf, bei einem großen Namen wie Siemens oder BMW beruflich einzusteigen. Die Top-Leute standen dort Schlange. Doch die Attraktivität von Konzernen ist gesunken. Viele stört, dass Großunternehmen mit ihren starren Hierarchien oft unbeweglich sind wie Behörden.

Sieht das denn im Mittelstand besser aus?
Heute muss ich als Personalberater karriereorientierten Kandidaten den Mittelstand als Arbeitgeber nicht mehr schmackhaft machen. Denn es hat sich längst herumgesprochen, dass Jungmanager bei Mittelständlern meist einen interessanteren, weil ganzheitlichen Blick auf ein Unternehmen bekommen. Zudem sind mittelständische Unternehmen eher bereit, geeigneten Führungskräften schnell eine breitere Verantwortung zu übertragen. Auch ist es deutlich einfacher, zwischen Abteilungen zu wechseln als im Konzern. Wer sich bemüht, kann bei einem Mittelständler schnell umfassende Erfahrung sammeln und sich für höhere Aufgaben qualifizieren.

Achim Brühne ist Personalberater bei Ward Howell International in Düsseldorf. Der promovierte Politikwissenschaftler besetzt Führungspositionen im Mittelstand wie auch in multinationalen Konzernen. Ward Howell International

Headhunter Achim Brühne

Achim Brühne ist Personalberater bei Ward Howell International in Düsseldorf. Der promovierte Politikwissenschaftler besetzt Führungspositionen im Mittelstand wie auch in multinationalen Konzernen.

Aber können Mittelständler denn gehaltlich mit Konzernen mithalten ?
Gehaltliche Differenzen sind deutlich stärker ausgeprägt zwischen einzelnen Branchen, weniger innerhalb derselben Branche zwischen Konzernen und Mittelständlern. Letztlich konkurrieren innerhalb eines Industriesektors alle Akteure um die besten Köpfe. Insofern sehe ich signifikante Gehaltsunterschiede zu Konzernen allenfalls auf der Top-Ebene.

Was raten Sie Absolventen, die eine Spitzenkarriere anstreben?
Mein persönlicher Rat an ambitionierte Absolventen: die ersten zwei bis vier Jahre Erfahrung in einer Managementberatung sammeln. Dort lernen sie in kürzester Zeit viele verschiedene Unternehmen kennen und sind mit den typischen Manager-Problemen konfrontiert. Zum Beispiel: Wie richte ich den Vertrieb neu aus? Wie lässt sich die Produktion straffen? In welchen Auslandsmärkten lohnt sich der Einstieg? Wie erlange ich die Technologieführerschaft?

Tipps für Bewerbung und Einstieg

Keine zweite Chance für einen ersten Eindruck

Wer beim ersten Gespräch unangenehm auffällt, für den gibt es keine zweite Chance. Wir beurteilen Menschen in den ersten drei bis fünf Sekunden- dieser Eindruck bleibt haften. Personalreferenten wissen: Wer schon beim Vorstellungsgespräch ein Gespür dafür hat, was angemessen ist, der wird auch im Job Situationen richtig einschätzen.

Wer ruft wen an?

Das Bewerbungsgespräch ist gut überstanden. Jetzt beginnt die nächste Zitterpartie: Habe ich das Rennen gemacht? Soll ich nachfragen oder abwarten? Wer nicht tagelang das Telefon fixieren möchte, sollte dies schon beim Gespräch klären. Sagen Sie, dass Sie interessiert sind und fragen Sie, wie es weiter geht.

Bewerbungs-Outfit

Wenn Sie nicht gerade in einer Kinderkrippe oder für eine Rockband vorstellen, gilt für die meisten Branchen: Männer tragen Anzug und Frauen ein Kostüm. Bis Sie ein Gefühl dafür haben, wie Ihre Kollegen erscheinen, sollten Sie das beibehalten.

Die ersten Wochen

Nachwuchskräfte aufgepasst! Unsicherheit mit Coolness zu überspielen klappt nicht. Fragen Sie erfahrene Kollegen, lernen Sie die Gepflogenheiten des Unternehmens kennen. Üben Sie sich in Bescheidenheit- das erste große Projekt kommt bestimmt, und dann können Sie Ihrem Übermut freie Fahrt gewähren.

Auch wenn Sie privat andere berühren oder Gespräche aus nächster Nähe führen- kommen Sie Kollegen und Geschäftspartnern nicht zu nahe! Die Distanzzone liegt bei einigen bis zwei Metern.

Wer ist der Neue?

Neue Kollegen bedeuten Stress für alle, denn Ihre Mitarbeiter sorgen sich vielleicht, dass ihre Routine durcheinandergewirbelt wird oder dass ihr Job in Gefahr ist. Sympathiepunkte sammelt man jetzt durch Interesse und Respekt. Tipp: Schmeicheln Sie den neuen Kollegen, und machen Sie Bemerkungen über vergangene Projekte, die Ihnen gefallen haben.

Das gekonnte Selbstmarketing

Der erste Tag ist fast überstanden, dann soll man sich in großer Runde vor allen Kollegen vorstellen. Bereiten Sie sich gut vor. Wichtig ist, Berufserfahrung und Ausbildung sachlich und Knapp auf den Punkt zu bringen. Lenken Sie die Aufmerksamkeit dabei auf Ihre größten Erfolge. Verkaufen Sie nicht mehr, als Sie liefern können.

In der Ruhe liegt die Kraft

Nur wer in Stress- Situationen Höflichkeit und Respekt wahrt, beweist, dass er umgänglich ist. Auch wenn es schwerfällt, sollten Sie Verärgerung nicht offen zeigen. Eine wutverzerrte Miene wirkt nicht souverän. Hören Sie sich die Argumente Ihres Gegenübers ruhig an. Beschreiben Sie, was Ihnen Probleme macht, ohne Kollegen zu beschuldigen.

Richtiger Umgang mit Mails

Gerade wenn man seinen Ansprechpartner nicht kennt, verfällt man oft in gestelztes Briefdeutsch. Besser ist es, so zu formulieren, wie man es mündlich tun würde. Allerdings sollte ein guter Ton gewahrt bleiben: Verzichten Sie unbedingt auf saloppe Smileys und auf Abkürzungen („MFG“ statt „Mit freundlichen Grüßen“). So viel Zeit sollte sein.

Grundkurs Netikette

Nur weil es eine E-Mail ist, sollten Sie nicht automatisch "Hallo Frau Meyer" oder "Lieber Herr Müller" schreiben. Das "Sehr geehrte Frau Schulze" ist durchaus nicht altmodisch. E-Mails erreichen ihre Adressaten schnell- das heißt aber nicht, dass diese ebenso schnell antworten müssen. Geben Sie ihnen zwei bis drei Tage Zeit, oder vermerken Sie in der E-Mail, dass es eilt. Entgegen allen Gerüchten: Großbuchstaben sind noch nicht aus der Mode. Rechtschreibung und Grammatik sind auch bei E-Mails essenziell.

Ordnung muss sein! Vergessen sie nie eine aussagekräftige Betreffzeile, denn die hilft dem Empfänger, seine E-Mail-Flut zu ordnen. Anlagen sollten Sie in gängigen Dateitypen verschicken und darauf achten, dass Sie mit großen Datenmengen nicht das Postfach des Adressaten verstopfen.

Entspannungsphase

Im Meetingraum, beim Geschäftsessen oder bei offiziellen Anlässen dürfen Sie Ihr Jackett oder ihre Kostümjacke erst ablegen, wenn die Gastgeber Sie dazu auffordern oder es vormachen. Stoßen sie zu einer Gruppe, die sich bereits "entspannt", fragen Sie erst. Werden Ihnen Getränke angeboten, sollten Sie annehmen. So geben Sie Ihrem Gegenüber die Möglichkeit, ein guter Gastgeber zu sein. Mit exotischen Wünschen (Bananensaft, Brennnessel-Tee) bringen Sie Ihren Gastgeber allerdings in Verlegenheit.

Quelle: www.trust-wi.de

Aber Beratern wird oft vorgehalten, sie könnten Probleme vornehmlich am grünen Tisch lösen...
In einer Beratung lernt man, Probleme zu identifizieren und zu strukturieren, nicht unbedingt die Lösung umzusetzen. Deshalb empfehle ich auch, nicht länger als vier Jahre dort zu bleiben. Zumal große Häuser wie McKinsey, BCG & Co. ihre jungen Consultants oft verhätscheln. Nicht zu unterschätzen ist der Einfluss des Alumni-Netzwerks der großen Beratungshäuser, von dem Ehemalige noch Jahrzehnte profitieren können. Licht und Schatten. Allerdings beobachte ich auch, dass Jungberater mit Ende 20 oft altklug umherlaufen, sich aber operativ noch nie bewiesen haben.

Also höchste Zeit, ins bodenständige Tagesgeschäft eines Mittelständlers zu wechseln?
Genauso so sehe ich das! Als nächsten Karriereschritt rate ich Ambitionierten zu einer Position im mittleren Management im Mittelstand – etwa als stellvertretender Werksleiter, Gruppenleiter Entwicklung oder Produktmanager. Dort bekommen Jungmanager viel schneller Verantwortung als in einem Konzern. Und auch Mittelständler sind heute sehr international. Ob ein Unternehmen in 15 oder 50 Ländern aktiv ist, macht letztlich keinen großen Unterschied.

Viele Mittelständler machen zwar einen Großteil ihres Umsatzes im Ausland. Das Stammhaus sitzt aber oft in der tiefsten Provinz sei es in der Schwäbischen Alb oder im Sauerland. Da zieht es polyglotte Manager nicht unbedingt hin – schon gar nicht deren berufstätige Partner. Ist das zunehmend ein Problem?
Die meisten Mittelständler verlangen, dass Manager ihren Lebensmittelpunkt an den Stammsitz verlegen – und das zu Recht. Dass die Familie mitzieht, ist meist ein entscheidendes Kriterium für die Stellenzusage. Die Frau muss mit in die Provinz! Wer offen sagt, dass er lieber pendelt, ist im Selektionsprozess schnell draußen. Nach meiner Erfahrung lernt die Familie die hohe Lebensqualität und den Freizeitwert dort aber rasch zu schätzen. Die vermeintliche Provinz offenbart ihre Vorzüge erst auf den zweiten Blick.

Trotzdem kann kein Arbeitgeber das Pendeln verbieten…
Wenn die Familie in einer Metropole wohnen bleibt und der Manager pendelt, kostet das viel Zeit und Kraft. Zu einer 50 bis 60-Stunden-Woche kommen dann noch stundenlange Fahrten hinzu. Das sollte sich jeder genau überlegen. Dauerpendler sind einem Arbeitgeber nur schwer zu vermitteln.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×