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06.06.2014

06:16 Uhr

Kredite für den Mittelstand

Das Eigentor der Europäischen Zentralbank

VonAnne Grüttner

Unternehmen in Europas Süden müssen sich weitgehend ohne Kredite durchkämpfen. Die EZB hofft, den Geldfluss durch einen Strafzins ankurbeln zu können. Das Beispiel Spanien zeigt: Nutzen wird es wenig.

Flugzeug der spanischen Iberia: Die Kreditvergabe in Spanien lahmt. dpa

Flugzeug der spanischen Iberia: Die Kreditvergabe in Spanien lahmt.

MadridBanken müssen ab sofort einen Strafzins für ihre Einlagen bei der Europäischen Zentralbank zahlen. Das Ziel: „Die Kreditvergabe an die Realwirtschaft zu unterstützen“, sagt der obersten Währungshüter Mario Draghi. Im Hinterkopf hat er dabei Länder wie Italien oder Spanien. Dort lahmt die Kreditvergabe an Unternehmen, die Inflation liegt nahe null Prozent und das treibt den Währungshütern in Frankfurt den Schweiß auf die Stirn.

Dabei gehe die Krise in Spanien zu Ende, wird die Regierung in Madrid nicht müde zu behaupten. Die Wirtschaft wächst seit Jahresmitte 2013 von Quartal zu Quartal ein bisschen mehr – in den ersten drei Monaten waren es 0,4 Prozent. Im Gesamtjahr wird die Wirtschaftstätigkeit um mehr als ein Prozent zulegen, darin stimmen mittlerweile die meisten Prognosen überein.

Doch für die kleinen und mittelständischen Betriebe des Landes gibt es keine Entwarnung. Allenfalls lässt sich sagen, dass sie wohl den absoluten Tiefpunkt durchschritten haben. Und schnelle Besserung bringen dem spanischen Mittelstand auch nicht die am Donnerstag verkündeten Schritte der EZB.

Reaktionen auf die EZB-Entscheidung

Otmar Lang, Chefvolkswirt Targobank

Eines ihrer wichtigsten Ziele, nämlich die Banken zu einer großzügigeren Kreditvergabe an die Wirtschaft zu bewegen, hat die EZB bislang nicht erreicht. Zum anderen erreichen die europäischen Aktienmärkte - insbesondere der Dax - befeuert durch die niedrigen Zinsen Woche für Woche neue Höchststände. Diese Entwicklung ist jedoch nicht durch die konjunkturelle Entwicklung in Europa unterlegt. Insbesondere für europäische Aktien sehe ich daher die Gefahr für eine Blasenbildung. Last but not least existiert derzeit auch keine wirkliche Deflationsgefahr, die extreme Maßnahmen rechtfertigen würde. Die heutige Entscheidung der EZB geht daher zu weit.

Ulrich Wortberg, Analyst Heleba

Die EZB hat die Markterwartungen mit der Zinssenkung erst einmal erfüllt. Große Überraschungen gab es nicht, von daher wundert es mich, dass der Euro jetzt nachgibt. Nun richtet sich die Aufmerksamkeit auf die Pressekonferenz mit EZB-Chef Mario Draghi, da wird sicherlich noch einiges kommen.

Ulrich Leuchtmann, Devisenstratege Commerzbank

Die Zinssenkung war keine Überraschung. Aber es gibt den Hinweis der EZB, dass noch mehr kommt. Der Markt setzt offensichtlich darauf, dass eine starke Liquiditätsmaßnahme in hohem Umfang kommen könnte oder eine deutliche Andeutung, dass es QE durch die EZB geben könnte - deshalb fällt der Euro. Ich empfinde das allerdings als mutig, denn es könnten ja auch lediglich relativ schwache Maßnahmen verkündet werden.

Marcel Fratzscher, Präsident der deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung

Für sich betrachtet sind die Zinssenkungen und der negative Einlagezins eher symbolische Maßnahmen: Sie werden weder die Kreditvergabe in den Krisenländern maßgeblich verbessern noch das Deflationsrisiko deutlich mindern. Ich interpretiere sie aber als Startsignal und Anfang einer neuen EZB-Strategie einer stärkeren geldpolitischen Expansion. Als erste Schritte in einer Reihe von weiteren Maßnahmen in den kommenden Monaten sind sie bedeutungsvoll. Die EZB-Maßnahmen bergen große Risiken: Sie könnten die Blasenbildung und das riskante Verhalten von Banken noch verstärken. Allerdings wäre es noch riskanter und eine deutlich schlechtere Option, wenn die EZB nichts täte.

Michael Kemmer, Hauptgeschäftsführer des Bankenverbandes

Ein negativer Zins auf die Einlagen der Geschäftsbanken bei der EZB wird kaum zur gewünschten Belebung der Kreditvergabe und des Interbankenmarktes führen. An Liquidität zur Kreditvergabe mangelt es im Eurosystem nicht. Es sind eher überschuldete Unternehmen beziehungsweise hohe Kreditrisiken, die in den Peripherieländern eine Ausweitung der Kreditvergabe verhindern. Die Banken werden daher vermutlich entweder ihre Überschussliquidität weiter abbauen oder lieber Verluste durch den negativen Einlagenzins in Kauf nehmen, als zu hohe Risiken an anderer Stelle einzugehen - etwa durch zusätzliche Interbankenkredite.

Jörg Krämer, Chefvolkswirt Commerzbank

Die EZB hat ihren Hauptrefinanzierungssatz nur um 10 Basispunkte auf 0,15 Prozent gesenkt und nicht wie von den meisten Beobachtern erwartet um 15 Basispunkte. Wenn die EZB ihre Politik in den kommenden Monaten noch einmal lockern wollte, könnte sie ihre Leitzinsen also noch einmal senken und müsste nicht direkt zum Hammer der Staatsanleihenkäufe greifen. Der negative Einlagenzins führt nicht dazu, dass die Banken in den Krisenländern mehr Kredite an die Unternehmen ausreichen. Denn die Banken leiden nicht unter vermeintlich zu hohen Notenbankzinsen, sondern unter dem hohen Bestand fauler Kredite, an dem Negativzinsen nichts ändern. Die wahren Nutznießer des negativen Leitzinses sind die Finanzminister der hoch verschuldeten Krisenländer.

Jörg Zeuner, KfW-Chefvolkswirt

Die Zinssenkung von heute gibt wenig neue Impulse für richtiges Wachstum. Die EZB muss daher vielleicht sogar noch mehr tun. Für die Sparer ändert sich mit dem heutigen Schritt wenig. Die wichtigste Einkommensquelle für die überwältigende Mehrheit aller Europäer ist ohnehin das Gehalt, der Lohn oder die beitragsfinanzierte Rente. Das alles steigt nur, wenn die Wirtschaft wächst. Dann steigen auch die Zinsen an den Finanzmärkten - übrigens auch ohne die EZB - wieder, denn es wird mehr investiert und die Nachfrage nach Kredit steigt. Wie wir das schaffen, darüber sollten wir derzeit vor allem nachdenken.

Die Kreditklemme, die das Hauptproblem für die Firmen im Süden darstellt, hatte sich trotz der verbesserten Konjunkturaussichten zuletzt nur minimal gelockert. Die Durchschnittszinsen bei den typischen Mittelstandskrediten – also bis zu einer Millionen Euros und über fünf Jahre – setzten im April zwar ihren langsamen Sinkflug fort und fielen um 0,3 Prozentpunkte auf 4,77 Prozent.

Im Vergleich zu deutschen Mittelständlern zahlen die Spanier aber im Durchschnitt noch immer 1,2 Prozentpunkte mehr. Und das Kreditvolumen der Banken hat sich im ersten Quartal weiter verringert. Zwar berichteten die Kreditinstitute in ihren Quartalsergebnissen von einem Anstieg der Neukredite, vor allem bei den mittelständischen Exportfirmen. Doch noch ist die Vergabe von neuen Krediten geringer als die Abschreibungen.

Kommentare (24)

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06.06.2014, 08:04 Uhr

Herr Draghi möge mir mal bitte folgende Zusammenhänge schlüssig erklären:
- Was nützen Negativzinsen für Banken, wenn diese Banken ihr Geld gar nicht loskriegen, weil es den Unternehmen in den jeweiligen Ländern so schlecht geht, daß sie gar nicht investieren wollen oder können?
- Was bringt eine Kreditvergabe auch an Unternehmen, wo man eher unsicher sein kann, daß man das Geld jemals wiedersieht. Da parkt man es doch eher bei der EZB, zahlt die Negativzinsen und gibt diese in Form von Gebühren an die übrigen Bankkunden weiter.
- Selbst wenn ein Kreditvergabe erfolgt, so sind die Zinsen so lächerlich gering, daß eine Bank davon nicht leben kann. Was ist die Folge: Die Banken parken das Geld nicht bei EZB, sondern legen es wo anders in der Welt an. Denn lieber einen geringen Zinssatz erzielen, als Negativzinsen bei der EZB zahlen.
- Oder die Banken beginnen ihr Geld hochspekulativ zu verprassen. Die Rechnung ist für die relativ einfach: Was können wir mit einem spekulativen Papier ggf. gewinnen und was können wir verlieren, wenn wir die Negativzinsen der EZB mit ins Kalkül ziehen?

Es ist soo krank alles. Schafft den Euro ab, dann braucht man auch keine solchen Pirouetten und Salto mortales mehr machen, die "Krisenländer" können abwerten und dann kommt man endlich mal aus diesem Dauerkrisenmodus raus.

Account gelöscht!

06.06.2014, 08:16 Uhr

Die Mehrheit, in Deutschland wie in Europa, will den Euro haben. Und ganz ehrlich - die Mehrheit zahlt den Preis. Vernünftige "Sparer" haben jetzt drei Jahre gehabt, um das Geld ins Ausland zu bringen. Wer es nicht gemacht hat, der gehört zu "Mehrheit", oder ist Euro-nazionalistisch und opfert es für die Kause.

Account gelöscht!

06.06.2014, 08:34 Uhr

Draghi kann nur Signale senden.
Und zusätzlich die eigenen Depots nicht so belohnen, das es lukrativer bei der Notenbank abgelegt wird, statt Geld "arbeiten" zu lassen.
Man kann es nicht oft genug betonen, ohne Wirtschaftswachstum keine Zinsen, denn die muss jemand erarbeiten. Ob man es "glaubt" oder nicht.
Es gibt zwar viel heisse Luft, aber Geld "vermehrt" sich eben in diesem System nur durch Mehrwert. Und wenn da nicht mehr als 0,5% bei rum kommt, wer soll dann bitte die verlangten Zinsen aufbringen?
Ja, die Welt ist ein Jammertal, und wenn sich kleine Firmen gründen wollen, die aber erstmal von Patenttrollen, Abmahnern, Besitzstandswahrern und anderen Interessenten verfolgt werden, daran kann eine Notenbank auch nichts ändern.
Der Fürsorgestaat (fragt sich für wen) trägt seine faulen Früchte.

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