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20.07.2011

09:54 Uhr

Kreditvergabe

Basel III lähmt den deutschen Mittelstand

VonSilke Kersting

Wenn Banken bedingt durch Basel III in Zukunft mehr Eigenkapital vorweisen sollen, betrifft das auch den deutschen Mittelstand. Denn bei größeren Aufträgen müssen Unternehmen aus Mangel an Geld schon jetzt oft passen.

Um für große Aufträge in Vorleistung gehen zu können, fehlt Mittelständlern oft das Geld. Quelle: dpa

Um für große Aufträge in Vorleistung gehen zu können, fehlt Mittelständlern oft das Geld.

BerlinDer deutsche Mittelstand sieht sich durch die geplante Verschärfung der Eigenkapitalstandards bei Banken in seinem Wachstum gebremst. „Die Kreditfinanzierung wird schwieriger und teurer. Das führt dazu, dass manche Unternehmen auf Investitionen und den Ausbau ihres Geschäfts verzichten“, sagte Mario Ohoven, Präsident des Bundesverbands mittelständische Wirtschaft (BVMW), in Berlin dem Handelsblatt.

Für Familienunternehmen ist das besonders bitter. Wenn sie Aufträge an Land ziehen wollen, für die sie in Vorleistung gehen müssen, fehlt das Geld. „Große Kunden können wir so gut wie gar nicht mehr annehmen“, bestätigt Felix Hagemann, Geschäftsführer der Düsseldorfer Ball Werktechnik, eines Maschinenbau-Mittelständlers mit rund 3 Millionen Euro Umsatz. Die Regeln sollen erst 2013 in Kraft treten, aber schon heute bekommt das Unternehmen nach Hagemanns Aussage nur noch Kredite, wenn alles dreifach abgesichert ist, zum Beispiel durch Immobilien.

„Kleinere und mittlere Unternehmen werden durch die Eigenkapitalregeln bis zu zwei Prozent weniger Umsatz machen, als wenn der Status quo eingehalten würde“, sagt Martin Uzik von der Bergischen Universität Wuppertal. Die Unternehmen seien zu Unrecht getroffen: Das klassische Unternehmenskreditgeschäft habe sich in der Finanzkrise keineswegs als Systemrisiko erwiesen und müsse darum jetzt auch nicht bestraft werden, sagt Tobias Berg von der Humboldt-Universität in Berlin.

Seit der Finanz- und Wirtschaftskrise wird unter dem Stichwort Basel III darüber diskutiert, dass die Banken in Zukunft mehr Eigenkapital vorhalten sollen, um das Bankensystem zu stabilisieren. Die EU-Kommission will ihre Entwürfe mit den verschärften Standards am 20. Juli vorlegen, hat jetzt aber zugesagt, die mit Mittelstandskrediten verbundenen Ausfallrisiken noch einmal zu prüfen.

Bereits heute ist das Risikogewicht von Krediten unter eine Million Euro auf 75 Prozent ermäßigt. Das betrifft in der Regel kleinere Unternehmen. In der Diskussion geht es jetzt um eine Absenkung auf 50 Prozent.

Diesen Vorschlag unterstützen Uzik und Berg. Darüber hinaus fordern sie aber auch eine niedrigere Belastung von Krediten über eine Million Euro. Dass Banken in Zukunft mehr Eigenkapital vorhalten sollen, finden sie grundsätzlich richtig. „Diese Forderung ist alternativlos und richtig“, so Berg. Höhere Kapitalanforderungen sollten aber vor allem dort gelten, wo systematische Risiken bestünden – und die seien im Handelsgeschäft, dem Geschäft mit Verbriefungen, Derivaten und ähnlichen Produkten, deutlich größer als im klassischen Kreditgeschäft.

Kommentare (2)

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Skyjumper

20.07.2011, 11:11 Uhr

So ist das nun einmal. Wer es als richtig erkannt hat, dass die Eigenkapitalausstattung der Banken verbessert werden muss, der muss auch akzeptieren, dass damit die zur Verfügung stehende Summe an Kreditgeld entsprechend sinkt.

Dies ist durchaus im Sinne des Sache und macht das Finanzsystem auf Sicht stärker. Das damit die kreditfinanzierte Wirtschaftsleistung ensprechend sinkt ist die nicht weg zu diskutierende 2. Seite der gleichen Medaille.

Im übrigen tut es auch nicht nur der Finanzwirtschaft, sondern JEDEM Unternehmen gut, sich auf eine solidere Eigenkapitalbasis zu stellen. Der Umfang der Geschäfte sollte eben immer in einem vernünftigen, und nicht von Umsatzgier geprägten, Verhältnis zum vorhandenen Eigenkapital stehen.

Account gelöscht!

20.07.2011, 11:59 Uhr

Tja, so langsam scheint sich die Wirtschaft nicht mehr nur auf die Phrasendrescher zu hören sondern sich ernsthaft Gedanken darüber zu machen, was Basel III für sie bedeuten wird.

Ein wenig zu spät, wo jetzt die entsprechende Richtlinie und Verordnung von der EU zur Verabschiedung vorliegt.

Sparkassen und Volksbanken (die gerne als Hauptfinanzierer des Mittelstandes genannt werden) haben lange genug darauf hingewiesen und darum gebeten, die Richtlinien erst ab einer gewissen Bankgröße zur Vorschrift zu machen. Davon wollte in der EU ja keiner etwas von wissen und so werden die Sparkassen und Volksbanken in der Zahl wohl weiter zurückgehen und immer mehr zu "normalen" Geschäftsbanken mutieren müsse. Mit margenschwachem Retailbanking lassen sich die erforderlichen Gewinne kaum erzielen, die für die notwendige Eigenkapitalaufstockung erforderlich sein werden.

Die Amerikaner machen es da wieder einmal ganz anders. Dort wird nur für 10-20 Großbanken Basel III gelten, für den Rest bleibt alles beim Alten.

Der Mittelstand wird sich zukünftig also verstärkt über den Kapitalmarkt das benötigte Geld besorgen müssen, im besten Fall über Anleihen und im schlimmsten Fall über die Heuschrecken aus den Hedgefonds. Dann wird auch dem letzten Stammtischpopulisten klar werden, welche Auswirkungen Basel III haben kann, wenn sein Arbeitsplatz für die Gewinnmaximierung wegfällt.

Mission accomplished, angloamerikanisches Verständis von Kapitalismus erfolgreich nach Europa exportiert, ohne dass wir es bemerkt haben!

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