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31.10.2014

20:38 Uhr

Kryolan

Blut für Hollywood – Blut für Halloween

VonAnne Hansen

An Halloween werden wieder einige Kryolan im Gesicht tragen. Der Mittelständler aus Berlin ist Marktführer bei Theaterschminke - und liefert von Berlin aus bis nach Hollywood. Bodenständig bleibt er trotzdem.

Kunstblut ist nicht gleich Kunstblut. Soll es noch rot sein? Soll es frisch aussehen oder schon mehr nach Schorf? Soll es aus dem Auge laufen oder aus dem Mund kommen? dpa

Kunstblut ist nicht gleich Kunstblut. Soll es noch rot sein? Soll es frisch aussehen oder schon mehr nach Schorf? Soll es aus dem Auge laufen oder aus dem Mund kommen?

BerlinIrgendwie wirkt hier alles ein wenig wie aus der Zeit gefallen. Während andere Unternehmen aufs „Out-Sourcing“ schwören, betreibt Wolfram Langer exzessiv „In-Sourcing“. Und statt mit Geschäftspartnern am anderen Ende der Welt zu skypen, fährt er lieber kurzerhand auf ein persönliches Gespräch vorbei. Im Sortiment von Kryolan sind auch Produkte, deren Herstellung sich nicht rechnen. Und Entlassungen gab es laut Unternehmensangaben noch nie. Fragt man Mitarbeiter, wie lange sie schon dort arbeiten, kommt die Antwort: „Ich bin noch nicht lange dabei. Erst zehn Jahre.“

An Halloween hat Kryolan einen seiner großen Auftritte: Bei der Herstellung von Theaterschminke ist das Unternehmen unangefochtener Marktführer. Mit einem Anteil von 80 Prozent, schätzt Langer. 2005 schätzte das Unternehmen noch anders: 90 Prozent Marktanteil habe man, hieß es damals. Wo sind die 10 Prozentpunkte geblieben? Man habe sich damals verschätzt, es sei auch vor neun Jahren schon weniger gewesen, erklärt das Unternehmen heute.

90 Länder beliefert es mit seinen Produkten. Sogar bei den Filmen „Pirates of the Caribbean“ und den Monsterfilm „Hulk“ sorgte das Unternehmen für Farbe. Und als dem Regisseur Steven Spielberg zu seinem Film „Schindlers Liste“ das Blut ausging, schickte Langer ein paar Liter an den Drehort. Auch die Moderatoren der Nachrichtensender CNN und Al-Jazeera werden mit Schminke von Kryolan aufgehübscht.

Bis auf zwei Jahre nach der Lehman-Pleite, in denen der Umsatz konstant blieb, ist er sonst von Jahr zu Jahr kontinuierlich gestiegen. Und das seit der Gründung vor 69 Jahren. Neben Berlin gibt es noch Dependancen in England, Indien, Polen, Südafrika und den USA. Kryolan selbst rückt mit Zahlen nicht raus. Ein Blick in den Bundesanzeiger aber verrät einen Jahresüberschuss von 1,6 Millionen Euro und für 2012 und eine Eigenkapitalquote, die sich sehen lassen kann: 72,7 Prozent.

Sieben Lehren der Hidden Champions

1. Führung und Ziele

Hidden Champions wissen nicht nur, was sie wollen, sondern haben auch die Willensstärke und Energie, manchmal die Besessenheit, ihre Ziele in Taten umzusetzen. Führung bedeutet, dass sie dieses Feuer in vielen Menschen unterschiedlicher Nationalitäten und Kulturen entzünden.

(Quelle: Hermann Simon; "Hidden Champions des 21. Jahrhunderts")

2. Hochleistungsmitarbeiter

Hidden Champions schaffen - und profitieren von - Bedingungen, die eine extrem geringe Fluktuation erzeugen. Hochleistung erreicht man nur mit einer Mannschaft, die eine starke Motivation und Identifikation mit dem Unternehmen aufweist. Grundlage hierfür ist die Selektion der richtigen Mitarbeiter.

3. Dezentralisierung

Manche Hidden Champions stoßen mit engen Märkten und hohen Marktanteilen an Wachstumsgrenzen. Sie gehen den Schritt in die Diversifikation. Um ihre traditionellen Stärken nicht zu gefährden, wählen sie die konsequente Dezentralisierung - in der Regel bis hin zu rechtlich eigenständigen Firmen.

4. Fokus

Fokussierung bietet normalerweise die einzige Chance, Weltklasse zu werden. Hidden Champions fokussieren ihre beschränkten Ressourcen besser als andere und bleiben bei dieser Richtung, bis sie die Spitzenposition erreicht haben. Dabei ist die Definition des Spielfelds selbst Bestandteil der Fokussierung.

5. Globalisierung

Nichts verändert die Welt in den nächsten Jahrzehnten stärker als die Globalisierung. Für Unternehmen, die diesen Wandel nutzen, eröffnen sich ungeheure Wachstumschancen. Der Aufbau weltweiter Produktions- und Vertriebssysteme dauert jedoch oft genug mehrere Generationen. Zunächst internationalisieren sich die Umsätze, dann folgt das Personal und als Letztes das Management.

Die meisten Hidden Champions stecken mit ihren Strategien und dem Umsetzen in der Praxis mitten in diesem Prozess. Simon: "Um die Chance zu nutzen, muss man seine nationalen Beschränkungen ablegen und große Ausdauer mitbringen."

6. Innovation

Die meisten Hidden Champions planen massive Innovationsaktivitäten. Sie integrieren dabei Markt und Technik als gleichwertige Antriebskräfte. Diese Ausgewogenheit gelingt nur wenigen Großunternehmen. Innovation ist in erster Linie eine Frage von Kreativität und Qualität - keineswegs nur eine Sache des Geldes.

7. Kundennähe

Kundenorientierung ist für den Erfolg der Hidden Champions wichtiger als Wettbewerbsorientierung. Die langjährige Kundenbeziehung ist ihre größte Stärke. Denn es gilt: Hochleistung für Kunden führt automatisch zu Wettbewerbsvorteilen. Simon: "Topkunden ähnlich wie Topkonkurrenten als Leistungstreiber einsetzen."

Die Geschichte dieses ungewöhnlichen Unternehmens beginnt kurz nach Ende des zweiten Weltkrieges. Arnold Langer, der Vater des heutigen Firmenchefs, kehrte aus dem Krieg zurück. Die elterliche Wohnung war ausgebombt, Berlin lag in Schutt und Asche. Langer besaß nur noch, was er am Körper trug. Quasi aus dem Nichts baute der studierte Chemiker zusammen mit seinem Kommilitonen Heinz Krause die Firma Kryolan auf – Kr für Krause, lan für Langer.

In den ersten Jahren stellten sie vor allem Notwendiges wie Cremes, Zahnpasta oder Seife her. Doch schon als die ersten Theaterhäuser und Opern 1946 wieder öffneten, erweiterte der begeisterte Theaterfan Langer das Sortiment um Theaterschminke. Bereits 1941 hatte der damalige Laborant Schminke für den ersten Farbfilm hergestellt, „Frauen sind doch bessere Diplomaten“.

Heute kann man 20.000 Produkte bei Kryolan kaufen. „Viel zu viel“, sagt Langer und lacht. Aber was wolle man machen? Die Menschen hätten nun einmal ganz unterschiedliche Geschmäcker, was Make-up betrifft. Und da Langer will, dass alle glücklich werden, reicht es nicht, ein paar Lippenstifte im Programm zu haben. Nein, dann sind es eben 500.

„In den arabischen Ländern zum Beispiel ist der 'Nude Look' ein Schimpfwort. Da ist alles bunt und laut. In Skandinavien dagegen muss überall nude draufstehen. Man trägt die Sachen zwar auf, aber niemand soll sehen, dass man es aufgetragen hat.“ Langer lacht. „Und dann erst die Asiaten, die lieben alle Formen von Pink. Und dann haben wir noch die verrückten Designer. Da müssen die Lippen plötzlich blau sein. Oder schwarz.“ Nein, nein, das sei alles nicht so leicht, sagt Langer und lacht wieder.

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