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09.04.2016

15:18 Uhr

Migranten als Gründer

Vom Döner-Verkäufer zum Baumogul

Ob im Gastgewerbe, Handel oder auf dem Bau: Während in Deutschland die Zahl der Unternehmensgründungen seit Jahren zurückgeht, beleben Migranten die Gründerszene. Und schaffen dabei zehntausende Jobs.

„Die Selbstständigkeit kostet gerade einmal 20 Euro.“ dpa

Bauunternehmer Gökhan Kilic

„Die Selbstständigkeit kostet gerade einmal 20 Euro.“

Gera/HorbGökhan Kilic hat als Animateur gearbeitet, als Tanzlehrer und Döner-Verkäufer. Seit einigen Jahren ist der Kurde Bauunternehmer im ostthüringischen Gera mit derzeit 13 Beschäftigten. „Ich bin 2003 nach Deutschland gekommen und wollte immer auf eigenen Beinen stehen“, erzählt der 33-Jährige.

Deswegen hat sich Kilic rasch selbstständig gemacht - zunächst mit einem Döner-Imbiss, später als Eisenflechter. Während das Interesse an einer Firmengründung in Deutschland seit Jahren abnimmt, bereichern nach Experteneinschätzung Migranten immer häufiger das Wirtschaftsleben. Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) schätzt für seinen Zuständigkeitsbereich, dass sie voriges Jahr bis zu 50.000 neue Jobs geschaffen haben.

„Die Selbstständigkeit kostet gerade einmal 20 Euro“, sagt Kilic. So viel habe er für den Gewerbeschein gezahlt. Ansonsten habe ihm vor allem die deutsche Sprache anfangs Probleme gemacht, und es sei schwer gewesen, sich im Dickicht der Bürokratie zurechtzufinden. „Letztlich muss man aber etwas wagen, auf seine eigenen Gefühle hören und vor allem kämpfen.“

Wer in Deutschland arbeiten darf

Anerkannte Flüchtlinge und Asylberechtigte

Flüchtlinge mit einer Aufenthaltserlaubnis und subsidiär Geschützte dürfen in Deutschland genauso arbeiten wie Inländer auch.

Asylsuchende und geduldete Flüchtlinge

Asylsuchende und geduldete Flüchtlinge, die noch auf den Ausgang ihres Verfahrens warten und Langzeit-Geduldete dürfen nach einer Wartezeit grundsätzlich arbeiten. Voraussetzung dafür ist jedoch die Beschäftigungserlaubnis der Ausländerbehörde. Davon ausgenommen sind Asylsuchende aus sicheren Herkunftsstaaten. Für sie gilt ein Arbeitsverbot.

Deutsche zuerst

Bevor Flüchtlinge einen Arbeitsvertrag unterschreiben dürfen, muss noch die Bundesagentur für Arbeit zustimmen. Voraussetzung für die Bewilligung ist, dass kein Deutscher, EU-Bürger oder Flüchtling mit einer Aufenthaltserlaubnis den Job annehmen könnte. Bei bestimmten Berufen, bei denen in Deutschland zu wenige Arbeitskräfte zur Verfügung stehen, dürfen die Arbeitsagenturen auf diese sogenannte Vorrangprüfung verzichten. So gibt es zum Beispiel zu wenige Ärzte, Ingenieure oder Metallbauer. Erst wenn ein Flüchtling mindestens 15 Monate in Deutschland gelebt hat, prüft die Arbeitsagentur nicht mehr, ob für diese Stelle ein Deutscher oder ein EU-Bürger passt.

Nachweis

Ob und inwieweit ein Flüchtling arbeiten darf, trägt die Ausländerbehörde in sein Aufenthaltsdokument ein. In den Feldern "Anmerkungen" oder "Nebenbestimmungen" steht, ob dem Flüchtling eine Erwerbstätigkeit, eine Beschäftigung oder eine Beschäftigung nur mit Genehmigung der Ausländerbehörde gestattet ist. Manchen Asylbewerbern ist es sogar verboten, zu arbeiten. Jeder Arbeitgeber ist gesetzlich dazu verpflichtet, zu prüfen, ob der Asylsuchende, den er beschäftigen will, auch tatsächlich in Deutschland arbeiten darf.

In Deutschland wurden voriges Jahr knapp 572.000 Unternehmen neu gegründet - ein Minus von 2,4 Prozent im Vergleich zu 2014, wie aus jüngsten Zahlen des Statistischen Bundesamtes hervorgeht. Von den fast 462.000 Einzelunternehmern war mehr als jeder Vierte ein Ausländer. Bei den Neugründungen insgesamt ist der Migrantenanteil von 11,2 Prozent im Jahr 2000 auf fast 26 Prozent 2014 gestiegen. Für 2015 liegen hierzu noch keine Zahlen vor.

„Ihr Anteil in den Beratungen für Existenzgründer wächst seit Jahren“, berichtet Marc Evers, Fachmann für Mittelstand und Existenzgründung beim DIHK. Lag er 2007 bei den IHKs bei 14 Prozent, seien es 2014 schon 19 Prozent gewesen. „Das Unternehmertum wird von Migranten mehr und mehr als Option gesehen.“

Ihr Augenmerk liege vor allem auf Gastgewerbe und Handel, wo sie überdurchschnittlich stark vertreten seien. Mit 31 Prozent besonders hoch sei ihr Anteil in Nordrhein-Westfalen, Hessen, Rheinland-Pfalz und dem Saarland. Auch im Osten, wo vergleichsweise wenige Ausländer leben, sei die Migrantenquote in den Beratungen für Existenzgründer mit 17 Prozent beachtlich.

Als Gründe führt Evers an, dass Migranten häufiger als Deutsche von Arbeitslosigkeit betroffen seien und es ihnen an Alternativen fehle. Zum anderen beobachte er einen stark ausgeprägten Unternehmergeist. Sie oder ihre Elterngeneration hätten ihre Zukunft selbst in die Hand genommen und ein neues Leben fern der alten Heimat begonnen. „Das setzt Mut und Bereitschaft zur Veränderung voraus - Eigenschaften, die man auch als Unternehmer gut gebrauchen kann.“

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