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18.03.2014

10:27 Uhr

Mittelständler in Russland

„Es kann schmerzlich werden“

VonSebastian Schaal

Deutsche und Russen - das ist keine High-Tech-Wirtschaftsbeziehung, sondern ein Fall für den Mittelstand: Fast jedes zweite Fenster kommt aus Deutschland, etwa von der Firma Profine aus Troisdorf. Dort geht die Angst um.

Fabrik in Russland: Deutsche Unternehmen fürchten um ihr Geschäft. Getty Images

Fabrik in Russland: Deutsche Unternehmen fürchten um ihr Geschäft.

DüsseldorfIn den vergangenen Jahren war Russland ein Traummarkt für Produzenten von PVC-Fensterrahmen: Unzählige Gebäude sind von St. Petersburg bis Wladiwostok mit neuen Fenstern ausgestattet worden. Immer mit dabei: deutsche Mittelständler. Fast 40 Prozent der in Russland gefertigten Profile stammen von drei deutschen Herstellern. Peter Mrosik ist der Chef des Marktführers: Zwei Fabriken hat die von ihm geführte Firma Profine in Russland. Eine steht nahe Moskau, die andere fast an der Pazifik-Küste. Und auch in der Ukraine hat er eine Fabrik.

Lange war diese Aufstellung ein Segen – knapp ein Fünftel des Umsatzes von rund 700 Millionen Euro erwirtschaftet das Unternehmen aus Troisdorf in Russland. Doch jetzt findet sich der Manager in einem Trommelfeuer aus schlechten Nachrichten wieder.

Als die Krim-Krise sich zuspitzte, purzelte zunächst der Rubel. Inzwischen kommt die Furcht vor der Auswirkung von Sanktionen hinzu. Die EU und die Vereinigten Staaten haben am Montag Reisebeschränkungen und Kontosperrungen gegen ranghohe Russen und Ukrainer verhängt – und eine Antwort Russlands scheint nur eine Frage der Zeit. Die deutsche Industrie blickt gebannt nach Osten. „Sanktionen dienen nicht gerade unseren Geschäftsbeziehungen“, sagt auch BDI-Präsident Ulrich Grillo. Die Sorgen in den Chefetagen wachsen – egal ob Dax-Konzern oder Mittelständler.

Sanktionen schwächen Rubel weiter

„Sanktionen rufen Gegensanktionen hervor. Deshalb ist es denkbar, dass deutsche Firmen wie wir, die seit Jahrzehnten dort produzieren und bestens verknüpft und anerkannt sind, darunter leiden werden“, sagt Fensterproduzent Mrosik. „An diesem Punkt habe ich nachhaltig große Befürchtungen.“ Die politische Lage schlägt sich noch nicht in den Auftragsbüchern von Profine nieder. Die Produktion in allen drei Fabriken laufe ohne Einschränkungen weiter. Doch das mindert nicht die Sorgen.

Die Halbinsel Krim - bald wieder russisch?

Besteht die Gefahr eines Krieges oder einer Ausweitung des Konflikts auf andere Regionen?

Der Russland-Experte Ewald Böhlke von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik sagt ja. „Niemand soll sich Illusionen machen und glauben, er hat das im Griff. Denn solche Prozesse sind irrational zum Teil, sie sind spontan, sie sind nicht planbar, und wir haben ja auf dem Maidan und anderswo gesehen, es reicht manchmal ein kleiner Funke, und schon gibt es eine Riesenflamme.“ Es sei davon auszugehen, dass in der Ost- und Südukraine andere Gebiete zumindest „in den Sog“ des Krim-Referendums kommen. Zudem hätten etwa in der Republik Moldau viele Menschen Angst vor einem ähnlichen Szenario.

Wie geht es jetzt weiter?

Die EU und die USA erkennen das Referendum - ebenso wie Kiew - nicht an, weil es aus ihrer Sicht gegen das Völkerrecht und die Verfassung der Ukraine verstößt. Sie weiteten am Montag ihre Sanktionen aus, um Putin zu bestrafen und zur Rückkehr zum Dialog zu zwingen. Russland treibt unterdessen die Eingliederung der Krim voran.

Wie ging die Volksabstimmung aus?

Nach Angaben der Wahlkommission stimmten rund 97 Prozent für die Angliederung an Russland.

Was war Gegenstand des Referendums?

Die rund 1,8 Millionen Wahlberechtigten konnten wählen zwischen einer Vereinigung der Krim mit Russland oder der Wiederherstellung der Gültigkeit der Krim-Verfassung von 1992 und für einen Status der Krim als Teil der Ukraine. Anders als im aktuellen Text der Verfassung der Ukraine steht im Grundgesetz von 1992 nicht, dass die Krim ein unveräußerlicher Teil der Ukraine sei.

Wie kam es zum Referendum?

Im Zuge der zunehmenden politischen Instabilität in der Ukraine bereitete Kremlchef Wladimir Putin - da sind sich ukrainische Nationalisten und Kreml-Gegner einig - die Übernahme der Krim generalstabsmäßig vor. Nach dem Sturz des ukrainischen Präsidenten Viktor Janukowitsch und der Bildung einer prowestlichen Übergangsregierung in Kiew beraumten prorussische Kräfte im Eiltempo ein Referendum an. Putin erkennt die neue Regierung in Kiew nicht an und behauptet, sie bedrohe die russische Minderheit in der Ukraine.

Warum will Russland die Krim?

Für Russland ist sie geostrategisch und militärisch von großer Bedeutung. Denn in der Hafenstadt Sewastopol befindet sich die Basis der russischen Schwarzmeerflotte. Die Eingliederung der Krim in der Ukraine durch Chruschtschow wurde als historischer Fehler bewertet. Viele ethnische Russen auf der Halbinsel - aber auch Ukrainer - sind enttäuscht von der politischen Klasse im fernen Kiew und der schlechten wirtschaftlichen Lage, sie wünschen sich schon länger eine Heimkehr zu „Mütterchen Russland“.

Was passierte nach dem Fall der Sowjetunion?

Die Ukraine wurde ein unabhängiger Staat mit der Krim als Bestandteil. 1992 gewährte Kiew der Halbinsel einen begrenzten Autonomiestatus.

Wem gehört die Krim?

Im Verlauf der Geschichte hatte sie viele Herren. Nach dem Zweiten Weltkrieg gehörte sie zu Russland. Kremlchef Nikita Chruschtschow, der in der Ukraine aufwuchs, schenkte die Halbinsel 1954 der damaligen Ukrainischen Sowjetrepublik, was in der Sowjetunion zunächst kaum praktische Auswirkungen hatte.

Wie setzt sich die Bevölkerung zusammen?

Von den mehr als zwei Millionen Einwohnern sind etwa 25 Prozent Ukrainer und knapp 60 Prozent Russen. Zudem siedelten sich nach dem Zusammenbruch der UdSSR rund 250.000 Krimtataren wieder dort an, die Stalin in den 1940er Jahren nach Zentralasien deportieren ließ.

Was ist die Krim?

Die Krim ist die größte Halbinsel im Schwarzen Meer und umfasst rund 26.000 Quadratkilometer. Sie ist damit in etwa so groß wie das Bundesland Brandenburg.

Denn schon die Furcht vor einer wirtschaftlichen Schwächung Russlands durch Sanktionen des Westens hatte dem Rubel zugesetzt. Der Dollar stieg am Montag in der Spitze auf ein Rekordhoch von 36,73 Rubel.

„Deutsche Firmen haben ihre Buchhaltung in Euro, da spielt die Abwertung des Rubels eine ganz unglückliche Rolle“, sagt Mrosik im Gespräch mit Handelsblatt Online. „Unser Geschäft in Russland legt zwar zu, wir müssen aber weitere Anstrengungen unternehmen, um die Währungseffekte kompensieren zu können – etwa durch mehr Umsatz. Wenn das weitergeht, kann das sehr, sehr schmerzlich für alle Beteiligten werden.“

Kommentare (9)

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18.03.2014, 10:40 Uhr

Macht nichts, wir holen uns stattdessen einfach die Ukraine in die EU.

Account gelöscht!

18.03.2014, 10:55 Uhr

Man kann nur hoffen, dass die deutsche Politik, welche ja eigentlich nur US Politik ist, fuer den Mittelstand existentiell katastrophal auswirken wird.
Diese Gruppe ist im Prinzip die staerkste Macht in Deutschland, nimmt sie jedoch in keiner Weise wahr!
Nur wenn diese Gruppe mit ihren Mitarbeitern auf die Barrikaden gehen kann sich noch was aendern, denn "Eugen Sixpack" ist einfach zu trottelig, zu dumm und zu ungebildet um zu verstehen wass mit ihm gespielt wird!

Account gelöscht!

18.03.2014, 10:56 Uhr

"Die große Furcht vor Sanktionen"
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Da gibt es, zumindest von hier, überhaupt gar keine Furcht.

Solide unternehmerische Arbeit fürchtet Gott und dass der Himmel herunterfällt.

Das viele Porzellan, das die Politik hier gerade wiedermal zerdeppert würde bedeuten, dass gesunder unternehmerischer Verstand mit so etwas nicht gerechnet hätte.

Man geht als Unternehmer nicht east, weil the west so "klug" ist.

Keine Sorge.

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