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02.09.2012

13:54 Uhr

Mittelstand

Angst vor dem Absturz

VonChristoph Kapalschinski

Mittelständler müssen stets die Verwendung ihrer Produkte im Auge behalten. Trotzdem sind sie auf plötzliche Rückrufaktionen meist schlecht vorbereitet. Notfallpläne sichern jedoch ab und helfen Ruhe zu bewahren.

Der Kletterausrüster Edelrid musste nach dem Absturz eines Bergkletterers Produkte zurückrufen. Pressebild

Der Kletterausrüster Edelrid musste nach dem Absturz eines Bergkletterers Produkte zurückrufen.

DüsseldorfEs ist der Ernstfall für den Allgäuer Mittelständler Edelrid: Anfang des Monats stürzte ein 17-jähriger Bergkletterer aus Nordrhein-Westfalen in Tirol 100 Meter in den Tod - dabei war er mit einem Klettersteig-Set von Edelrid gesichert. Die Folge: Das Unternehmen ruft sieben Produkttypen zurück. Für den Hersteller von Kletterbedarf ist das der erste Rückruf. Auch der Tiroler Hersteller Austri-Alpin schließt sich an.

Rückrufaktionen treffen nicht nur Megakonzerne wie die Modekette H&M, die in dieser Woche Trinkflaschen für Kinder zurückholte. Viele Mittelständler sind auf solche Aktionen nur schlecht vorbereitet. Dabei können die Haftungsrisiken erheblich sein. Hinzu kommt häufig ein Imageschaden. Beide zusammen können Mittelständler bis in den Ruin treiben.

Edelrid hingegen hat schnell reagiert. Schon wenige Tage nach dem Unfall kam der Rückruf. In der Zwischenzeit hatte die Firma verschiedene gebrauchte Klettersteig-Sets eingesammelt und von Experten untersuchen lassen. Das Ergebnis: Anfangs einwandfreie Produkte können bei häufigem Gebrauch lebensgefährlich werden.

Die Anwälte rieten zum Rückruf. Edelrid informierte zunächst die Händler, dann die Deutsche Presse-Agentur. Anschließend riefen die Vertriebler wichtige Radiosender und Klettermagazine an. Zudem posteten sie die Rückrufmeldung bei Facebook. Mitarbeiter fuhren zudem zu Klettersteigen, um vor Ort Warnhinweise aufzustellen.

Zügig stellte Edelrid zudem einige neue Mitarbeiter ein, um den Rückruf abzuwickeln. In den kommenden zwei Monaten sollen die meisten Reparaturen erledigt sein. "Wir achten sehr darauf, dass alles sauber abläuft, weil wir unter großer Beobachtung stehen", sagte Marketingleiter Sebastian Straub. Dazu hat er sich mit Unternehmen aus der Branche in Verbindung gesetzt, die Erfahrung mit Rückrufaktionen haben. "Wenn man sich entschließt, einen Rückruf zu starten, muss man transparent sein."

Ein Rückruf ist dabei meist kein freiwilliger Service, sondern die Folge von gleich mehreren rechtlichen Drohungen - bis hin zur Verurteilung wegen Tötung durch Unterlassen. Menetekel ist dabei der sogenannte Erdal-Lederspray-Fall von 1990. Das Ledermittel des mittelständischen Herstellers konnte bei Nutzern Atemnot, Schüttelfrost und Fieber hervorrufen. Den drei Geschäftsführern war das bekannt, doch sie riefen die Produkte nicht zurück. Der Bundesgerichtshof verurteilte sie zu bis zu eineinhalb Jahren Haft auf Bewährung.

"Gerade Mittelständler sind oft nicht gut auf Rückrufaktionen vorbereitet", sagt Volker Steimle, Anwalt bei der Großkanzlei Luther in Köln. Dabei müssten sie eigentlich nach dem Produktsicherheitsgesetz von Ende 2011 einen Ablaufplan für Produktrückrufe in der Schublade liegen haben. Das gelte vor allem für Unternehmen, die Konsumentenprodukte herstellen.

Dazu müssten wichtige Informationen bereitstehen, sagt Steimle: Wie sind die Verantwortlichen im Notfall und auch am Wochenende erreichbar? Welche Händler führen die Produkte? Wie geht das Unternehmen vor, wenn es Hinweise auf Fehler hat? Experten sollten zunächst prüfen, ob eine Warnung ausreicht, ein Rückruf nötig ist - oder keine Aktion. Abhängig ist das von der Wahrscheinlichkeit, dass ein Unfall eintritt, und von den möglichen Folgen.

Kommentare (1)

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kerstinjutta

05.09.2012, 16:12 Uhr

Ein äußerst interessanter Beitrag. Als Besitzerin eines der betroffenen Klettersteigsets habe ich die Rückrufaktion selbst miterlebt. Ich habe die Kommunikation von Edelrid dabei als äußerst schnell, transparent und verständlich empfunden. Ihren letzten Halbsatz kann ich daher nur unterstreichen - dass und wie das Unternehmen Verantwortung übernommen hat, bestärkt mich eher darin, auch weiter seine Produkte zu kaufen.

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