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06.03.2012

11:22 Uhr

Mittelstand

Die Manufakturen der Reisebranche

VonEberhard Krummheuer

Während Branchenriesen wie Tui die Internationale Tourismusbörse kaum nutzen, zeigt die kleinere Konkurrenz Flagge. Rund 2500 Mittelständler zählt die Branche. Und für ihren Auftritt greifen sie tief in die Tasche.

Rund 2500 Mittelständler sind in der Tourismusbranche tätig. dpa

Rund 2500 Mittelständler sind in der Tourismusbranche tätig.

DuisburgDie Vokabeln, die Gerald Kassner über die Lippen kommen, sind eher unaufgeregt. „Berechenbarkeit“, „Zuverlässigkeit“, „konservatives Geschäft“, „ehrliche Handwerksarbeit“. Der Chef und Inhaber des Duisburger Touristikunternehmens Schauinsland, das sich auf Platz sieben im Ranking der Reiseveranstalter in Deutschland einreihen kann, ist ein zurückhaltender Geschäftsmann.

Und doch: Für den Auftritt auf der Internationalen Tourismusbörse (ITB) in Berlin greift er tief in die Tasche. Zweistöckig wird der Messestand in Halle 25 sein, knapp 150 Quadratmeter Fläche hat der 48-Jährige in diesem Jahr buchen lassen, doppelt so viel wie noch vor zwei Jahren.

Auch Dutzende andere mittelständische Reiseveranstalter pflegen traditionell ihren Messeauftritt, während die Großen der Branche, Tui, Thomas Cook und Rewe Touristik, das Forum kaum nutzen.

Rund 2500 kleine und kleinste Mittelständler, Reisebüros und Reiseveranstalter sind in der Tourismusbranche tätig, ermittelte der Deutsche Reiseverband. Darunter Spezialisten, die nur ausgefallene Hobbys verkaufen, Sport- und Länderreisen etwa. Im Vergleich zu den Touristik-Großkonzernen sind das praktisch die Manufakturen der Reisebranche. „Mittelstand hat Konjunktur, auch in der Reisebranche“, freut sich Klaus Laepple, langjähriger Reisebüroinhaber in Düsseldorf und Veteran in zahlreichen Branchenverbänden: „Gerade die Kleinen zeigen auf der ITB Flagge.“

Fakten und Hintergründe zur ITB

Die ITB

Die Internationale Tourismus-Börse (ITB) in Berlin gilt als weltweit wichtigster Treffpunkt der Reisebranche. In den Hallen am Funkturm werden seit Jahrzehnten touristische Trends gesetzt und Verträge in Milliardenhöhe geschlossen. Ein paar Details zur Messe.

Besucher

Die Hallen sind regelmäßig ausgebucht. Zur 46. ITB haben sich mehr als 11.000 Aussteller aus über 180 Ländern angemeldet. Die Messe erwartet etwa 170.000 Gäste, darunter 110.000 Fachbesucher.

Die Geschichte

Der Ursprung der ITB reicht in das Jahr 1966 zurück. Im damaligen West-Berlin kamen zur Premiere neun Aussteller und 250 Fachbesucher. Als erste internationale Länder warben Ägypten, Brasilien sowie der Irak um zahlungskräftige Urlauber.

Weltweiter Erfolg

Mit den Jahren machte sich die ITB als touristischer Treffpunkt weltweit einen Markennamen. In den vergangenen Jahren ist das ITB- Angebot um Kongresse erweitert worden.

Der Ableger

Einen Ableger hat die Messe inzwischen in der ITB Asia. An drei Messetagen konzentriert sich die reine Fachmesse im Oktober in Singapur auf den asiatischen Reisemarkt.

Das Image

Die Messe gilt als riesiger Reisekatalog: Von Ayurveda-Massagen im Spa-Bereich des Sri-Lanka-Stands ist es nicht weit zur Präsentation der südostchinesischen Provinz Zhejiang mit ihren Seiden-Lampions und zu nicht alltäglichen Zielen wie Island, Uruguay und Malaysia. Bei zahlreichen Gewinnspielen winken Reisen an die Sehnsuchtsorte als Preis.

Für Jobsuchende

Wer beruflich auf der Welle mitschwimmen will, findet im „ITB Careercenter“ vielleicht eine Hochschule oder gleich einen passenden Arbeitgeber. Großen Andrang versprechen sich die Veranstalter in der eTravel World, wo auch neue Anwendungen für internetfähige Handys zu erproben sind.

Vor allem eine Fachmesse

Die ITB ist vor allem eine Fachmesse. Vor dem Publikumswochenende herrscht an drei Tagen nüchterne Geschäftsatmosphäre. Bei Tagungen diskutieren währenddessen Fachleute Trends und Themen wie den Fachkräftemangel, Menschenrechts- und Umweltschutz auf Reisen und die Frage, ob dem arabischen Frühling eine touristische Eiszeit folgt.

Das Partnerland

„Wo alles beginnt“ - mit dem Slogan wirbt das Partnerland Ägypten in diesem Jahr auf der ITB. Das Land schickt das muslimisch-koptische Chor-Ensemble Samaa auf Werbetour im wichtigen Markt Deutschland, stellt mannsgroße Henkelkreuze der Pharaonen auf Berlins Straßen auf und lädt zu Basaren in Bahnhöfen und Einkaufszentren. Sorgen vor einer islamischen Regierung müsse sich kein Gast machen, versichert Tourismus-Staatssekretär Hisham Zaazou vorsorglich.

Der Branche geht es gut

Der Reisebranche in Deutschland geht es blendend - auch wenn ihr wichtigstes Forum bei Ausstellern und Besuchern zuletzt nicht mehr merklich zulegen konnte. „Unsere 26 Hallen sind sehr gut belegt“, sagt Messeleiter David Ruetz. Wo einzelne Regionen schwächelten - etwa die Balearen - hätten wieder einmal die aufstrebenden asiatische Anbieter den freien Platz gern eingenommen.

Horizont erweitern

Auf der 23 Fußballfelder großen Ausstellungsfläche gibt es zahlreiche Gelegenheiten, hinter den eigenen Horizont zu blicken. Das touristische Entwicklungsland Usbekistan serviert Reis-Spezialitäten, Myanmar seine vielen noch kaum bekannten Sehenswürdigkeiten. Und die Kirchen vergleichen unter der Überschrift „Reif fürs Paradies“ die Glücksverheißung in Kirche und Tourismus.

Wann dürfen Privatbesucher zur ITB?

Die ersten drei Tage (7. bis 9. März) sind dem Fachpublikum vorbehalten. Am Abschlusswochenende (10./11.) März stehen die 26 Messehallen dann allen offen, die Geschäftsatmosphäre weicht der charakteristischen Folklore. Geöffnet ist von zehn bis 18 Uhr.

Wie teuer ist der Eintritt?

Die Tageskarte für Privatbesucher kostet 14,50 Euro, im Internet gibt es vorab Karten für zwölf Euro. Schüler und Studenten zahlen acht Euro. Ebenso werden am Sonntag für alle Besucher ab 14 Uhr nur noch acht Euro fällig. Kinder bis 14 Jahren sind in Begleitung Erwachsener frei. Die Fachbesucher-Tageskarte kostet im Internet 30 Euro, für alle Tage 46 Euro. Auf der Messe ist sie deutlich teurer.

Kann man auf der ITB eine Reise buchen?

Nein. An den Länder-, Städte- und Veranstalter-Ständen gibt es zwar viele nützliche Informationen über Reiseziele. Zum Buchen muss man aber ins Reisebüro oder ins Internet gehen.

Wie komme ich zum Messegelände?

Mit öffentlichen Verkehrsmitteln in Berlin: Bus: M49, X34, X49, 139 bis Haltestelle Messe Nord/ICC, mit Bus 104 und 349 bis Haltestelle Messedamm/ZOB, mit Bus 218 und 349 bis Haltestelle Theodor-Heuss-Platz. Mit der S-Bahn: S75 und S9 bis Messe Süd, S41, S42, S46, S7, S9, S75 bis Westkreuz, S41, S42 und S46 bis Messe Nord/ICC. U-Bahn: U2 bis Kaiserdamm oder Theodor-Heuss- Platz.

Mit dem Auto: Von der A zehn (Berliner Ring) auf die A 100, A 111 oder A 115 (Avus) bis Dreieck Funkturm, Abfahrt Messegelände.

So auch Schauinsland-Reisen. In gut zehn Jahren hat das Unternehmen, dessen Wurzeln fast hundert Jahre alt sind, den Umsatz auf eine gute halbe Milliarde Euro verzehnfacht. „Nirgendwo haben wir sonst einen so ausgezeichneten Kontakt zu ganz vielen unserer Partner“, sagt Kassner.

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