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20.01.2010

11:10 Uhr

Möbeldesign

Schweden-Trio trifft den Nerv der Zeit

VonPaolo Tumminelli

Zur Möbelmesse lässt sich der Zustand der Designergilde bestens abschätzen. Allerhand weist rückwärts. Doch ein Trio aus Schweden findet Antworten. Es thematisiert ironisch die Instabilität des Wohndesigns und seine Irrelevanz gegenüber wichtigeren Angelegenheiten

Die "Blow Away Vase" vom Designer-Trio Front thematisiert die Vergänglichkeit. Pressebild

Die "Blow Away Vase" vom Designer-Trio Front thematisiert die Vergänglichkeit.

Auf der Kölner Möbelmesse IMM trifft sich derzeit die Crème de la Crème der Branche. Es kommen alle Typen von Designern: Echte, Möchtegerne und Hoffnungslose. Im Gepäck: die spannendste Leuchte, der witzigste Stuhl, der teuerste Tisch, das flexibelste Regal. Was bunt und auffällig ist, findet den Weg in die Presse. Beste Chancen hat stets der "A&W-Designer des Jahres". Ein Designerinnen-Team aus Stockholm namens Front hat am Montag den A&W-Preis erhalten. Die Damen haben Interessantes zu zeigen.

Und das ist nötig: Schon 2002 thematisierte der St. Moritz Design Summit die Müdigkeit einer Disziplin, die ein Dasein im Schatten der großen Meister führt, der Wirtschaft blind dienend, der Politik stumm folgend. Statt sich über die Zerbrechlichkeit der sozialen und wirtschaftlichen Systeme Gedanken zu machen, zelebriert sich die Designszene selbst.

Die Diskrepanz ist offensichtlich: Während iPhone, Wii und Prius die Menschen und ihren Alltag verändern, stammen die Design-Bestseller aus der Steinzeit: Castiglionis "Arco" (die große Bogen-Standleuchte mit Marmorfuß, Jahrgang 1962, 66 Kilo), Saarinens "Tulip" (der weichgespülte Tisch mit Tulpenfuß, Jahrgang 1956, 86 Kilo) und Eames? "Lounge Chair and Ottoman" (der fette, hölzerne Relax-Sessel mit Fußhocker, ebenfalls 1956, 28 Kilo). Alles wunderbare Klassiker. Was stört, ist ihre monotone Kombination im hochbürgerlichen Haushalt. Eine vergangene Gesellschaft, die nicht wieder kommen darf, wird durch diese Designassoziation idealisiert.

Nun also Front. Verdächtig ist am Auftritt der drei smarten Partnerinnen nur, dass er sehr nach den nächsten Spice Girls riecht. Die Arbeit der Skandinavierinnen dokumentiert die Gefangenheit des Designers zwischen den Alternativen: Zu Ikea-Konditionen für das Volk arbeiten (Leuchte Svarva) oder im Einzelauftrag den Künstler spielen (Unikat-Couch im Veuve-Clicquot-Look). Egal wie: Fronts Arbeit trifft den Nerv der Zeit. Sie thematisiert ironisch die Instabilität des Wohndesigns, auch seine Irrelevanz gegenüber wichtigeren Angelegenheiten.

In einer Branche, wo jede Gans werkeln darf, lässt Front gerne Tiere arbeiten: Mäuse fressen sich den Weg durch Papierrollen und gestalten so Wandtapeten; Kaninchenhöhlen dienen als Form für Keramikleuchten; ein Pferd aus schwarzem Polyester - über 200 Kilo schwer - steht einem Lampenschirm zu Fuß.

Die Front-Frauen skizzieren die Möbel in der Luft, wobei ein 3D-System die Bewegung ihrer Finger festhält und diese durch Rapid Prototyping in "echte" Gegenstände transformiert (Youtube: Sketch Furniture). Überhaupt scheinen die Schwedinnen an die Festigkeit von Design nicht weiter zu glauben. Ihr "Melting Table" kollabiert mit der Zeit unter dem eigenen Gewicht. Er gibt seinen plastischen Geist auf und wird praktisch unbrauchbar - obgleich nicht weniger ästhetisch. Die "Blow Away Vase" thematisiert die Vergänglichkeit. Kaum nutzbar ist die 600-Euro-Vase, ein Objekt zwischen Design, Kunst und dem Nichts. Als Repräsentation der Lage des Designs ist sie perfekt.

Paolo Tumminelli ist Designprofessor (FH Köln) und Gründer von goodbrands (tumminelli@goodbrands.de).

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