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15.11.2011

13:50 Uhr

Nachfolge im Mittelstand

Deutschland sucht die neuen Firmenchefs

VonGero Brandenburg

Demografiewandel, Konjunkturflaute und Kreditklemme bedrohen den Fortbestand zehntausender deutscher Unternehmen. Der Mittelstand sucht händeringend nach qualifizierten Fachkräften - für den Chefsessel.

Mit Schwung in die Führungsposition: Der Mittelstand braucht Nachwuchs. dpa-tmn

Mit Schwung in die Führungsposition: Der Mittelstand braucht Nachwuchs.

DüsseldorfDie Schuldenkrise in Europa hat sie bundesweit bekannt gemacht – und den Sorgen des Mittelstandes ein neues Gesicht gegeben. Marie-Christine Ostermann (33), Juniorchefin des Lebensmittelgroßhändlers Rullko im westfälischen Hamm, ist als Bundesvorsitzende des Verbandes „Die Jungen Unternehmer“ Stammgast in Talkshows. Dort sitzt sie Merkels Parteisoldaten wie CDU-Fraktionschef Friedrich Kauder gegenüber und sorgt mit knackigen Zitaten für Aufsehen. Kostprobe: „Es ist ein Menetekel für künftige Generationen, wenn unser Land heute Milliarden-Risiken schultern muss, um Schuldenstaaten unter die Arme zu greifen.“ Unentwegt redet sie gegen gigantische Rettungspakete an und warnt vor den Risiken und zukünftigen Belastungen für die deutschen Familienunternehmen.

Es sind durchaus berechtigte Warnungen. Schon jetzt ist der Fortbestand zehntausender Mittelstandsbetriebe ungewiss: Vielen kleinen und mittelgroßen Firmen gehen schlichtweg die Chefs aus. Die Frankfurt School of Finance and Management widmet dem hochaktuellen Thema „Unternehmensnachfolge im Mittelstand“ deshalb am Mittwoch (16. November) eine Branchenkonferenz.

Das Institut für Mittelstandsforschung (IfM) in Bonn schätzt, dass bis 2014 jährlich in gut 22.000 Unternehmen ein Nachfolger die Geschäftsführung antreten muss, weil der aktuelle Chef aus Altersgründen abtritt oder unerwartet – durch Tod oder Krankheit – ausfällt. Gesellen sich zum demografischen Wandel dann auch noch schlechtere gesamtwirtschaftliche Rahmenbedingungen, stehen etliche Übernahmen auf der Kippe.

Worauf es bei der Nachfolge ankommt

Zeitplan beachten

Eine geordnete Übergabe braucht Zeit, egal ob ein familieninterner oder externer Nachfolger zur Verfügung steht. Experten gehen für die Übergangszeit von drei bis fünf Jahren aus. Viele Unternehmer fühlen sich jedoch unentbehrlich und halten erst mit 60+ nach einem Nachfolger Ausschau. Ein so später Zeitpunkt erschwert die Nachfolge meist. Die frühzeitige Regelung der Nachfolge verbessert zudem das qualitative Rating, das von Banken und Sparkassen für eine Kreditvergabe zugrunde gelegt wird.

Quelle: Unternehmensnachfolge. Die optimale Planung. Hrsg. Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie.

Realistischer Kaufpreis

Viele Seniorunternehmer gehen mit zu hohen Erwartungen in die Verhandlungen für die Nachfolge. Der ideelle Wert spielt aber keine Rolle. Eine Bewertung durch Unternehmens-, Rechts- oder Steuerberater sollte den realistischen Wert der Firma ermitteln, um den Kapitalbedarf richtig einzuschätzen.

Neugründung: Pro und Contra

Es ist nicht unbedingt leichter ein bestehendes Unternehmen zu übernehmen. Oft verhält es sich umgekehrt. Bei Neugründungen kann der angehende Unternehmer seinen Betrieb von Anfang an nach seinen Vorstellungen aufbauen, muss aber Mitarbeiter auswählen, den Markt für sein Produkt erobern und sich dort etablieren. Aber er wächst Zug um Zug mit seinem Unternehmen.

Nachfolge: Pro und Contra

Bei der Übernahme, also der Fortführung eines Unternehmens, muss der Nachfolger auf den bestehenden Vorgaben aufbauen. Er muss von Anfang an sein Können auf allen Schauplätzen des bereits gewachsenen Betriebs unter Beweis stellen. Viele mittelständischen Unternehmen sind durch die Persönlichkeit des Seniorunternehmers geprägt. Der neue Chef muss sich das Vertrauen von Mitarbeitern, Kunden und Lieferanten erst erarbeiten. Die Übernahme bringt aber auch viele Vorteile: Das Unternehmen ist bereits etabliert, die Beziehungen zu Kunden und Lieferanten existieren, das Team ist eingespielt und der Junior baut auf den Erfahrungen des Vorgängers auf.   

Vorsicht vor der Traditionsfalle

Nachfolger müssen die persönlichen, unternehmerischen und fachlichen Anforderungen in jedem Fall erfüllen, um erfolgreich zu sein. Ein Nachfolger, der sich allein aus Traditionsbewusstsein für die Karriere im Familienbetrieb entscheidet, hat schlechte Karten. Auch die Tatsache, künftiger Erbe des Betriebs zu sein, qualifiziert nicht automatisch für die Unternehmensnachfolge. Ein ausreichendes Know-how ist wichtig.

Berater ins Boot holen

Eine Unternehmensnachfolge ist keine Kleinigkeit. Die vielen und unterschiedlichen Detailfragen und der Kaufpreis sollten in jedem Fall rechtzeitig mit Fachexperten (Anwälte, Wirtschaftsprüfer, Steuerberater) besprochen werden. Vor allem Finanzierung und Businessplan sollten intensiv geprüft werden.

Konfliktpotenzial

Senior- und Juniorunternehmer sollten gemeinsam mit Beratern eine Übergabestrategie und einen genauen Fahrplan entwickeln. Kein Wechsel in der Unternehmergeneration verläuft ohne Reibungen. Gegensätze sollten konstruktiv, im Interesse beider Parteien, ausgeglichen werden. Die Phase des Übergangs, die gemeinsame Unternehmensleitung, sollte gut geplant, aber auch nicht zu lang sein. Oft führt diese Phase zu Kompetenzüberschneidungen und Irritationen im Unternehmen und bei Geschäftspartnern.

Der Senior muss loslassen

Emotionen spielen bei der Unternehmensnachfolge eine große Rolle. Oft sind sie der Grund für das scheitern des Vorhabens. Viele Seniorunternehmer haben zwar rational durchaus die Notwendig für die Übergabe erkannt, können ihr Lebenswerk aber emotional nicht loslassen. Wenn der ehemalige Chef aber immer mal wieder reinschaut, nach dem Rechten sieht und sich sogar ungebeten einmischt, kann das die Arbeit seines Nachfolgers erheblich belasten. Oft kritisiert der Senior Entscheidungen des Juniors, greift in die Unternehmensführung ein, was in der Regel zu Auseinandersetzungen führt, die dem Unternehmen schaden.

Varianten der Familiennachfolge

Bei der Familiennachfolge gibt es mehrere Varianten. In den meisten Fällen geht das Unternehmen in Form der vorweggenommenen Erbfolge bzw. Schenkung auf die nächste Generation über. Der Nachfolger erhält dabei den Betrieb unentgeltlich. Es gibt aber auch Varianten, in denen es sinnvoll oder sogar notwendig ist, dass der Nachfolger eine Gegenleistung für das Unternehmen erbringen muss. Ist etwa die Altersversorgung der Eltern nicht durch sonstiges Vermögen sichergestellt, so sollte gewährleistet sein, dass diese durch wiederkehrende Zahlungen, zum Beispiel eine Rente, versorgt sind. Geht das Unternehmen auf den Sohn, die Tochter oder ein anderes Familienmitglied über, erfolgt die Übergabe des Unternehmens entweder im Rahmen:  

  1. einer schrittweise Übertragung durch Beteiligung an einer Personen- oder Kapitalgesellschaft
  2.  der vorweggenommenen Erbfolge bzw. Schenkung
  3. der Erbfolge per Testament oder Erbvertrag
  4. der gesetzlichen Erbfolge
MBO und MBI

Wenn Mitarbeiter des Unternehmens „ihren“ Betrieb kaufen und dies vor allem aus Eigenmitteln finanzieren, wird dies als Management-Buy-out (MBO) bezeichnet. Wird das Unternehmen von externen Führungskräften eines anderen Unternehmens übernommen, spricht man von Management-Buy-in (MBI). Wird der Kauf jeweils überwiegend mithilfe von Fremdkapital finanziert, spricht man zusätzlich von Leveraged-Buy-out (LBO).

Für den Käufer: Genau hinschauen!

Dass sich der zukünftige Nachfolger ein genaues Bild vom Unternehmen machen muss, liegt auf der Hand. Schließlich geht es darum, festzustellen, wie viel das Unternehmen wert ist. Aus diesem Grund sollte auch der Inhaber sein Unternehmen noch einmal genau „unter die Lupe nehmen“. Natürlich kennt er sein Unternehmen in- und auswendig, aber dennoch: Manche Einschätzung ist vielleicht doch zu positiv und muss korrigiert werden. Andererseits werden vielleicht bislang verborgene Werte entdeckt.

Wichtig ist, dass sowohl Nachfolger als auch Unternehmer über denselben Wissensstand verfügen, um bei den anstehenden Verhandlungen einen angemessenen Preis auszuhandeln. Der Käufer sollte v.a. folgende Aufgabegründe des Unternehmers prüfen:

  1. Der Unternehmer möchte sich zur Ruhe setzen
  2. Der Unternehmer ist krank
  3. Der Unternehmer ist gestorben, die Erben
  4. verkaufen das Unternehmen
  5. Der Unternehmer sucht eine neue Tätigkeit
  6. Der Unternehmer benötigt Geld
  7. Das Unternehmen ist „heruntergewirtschaftet“
Die Rechtsform: Wer haftet?

Das Thema Rechtsform ist sowohl für den Nachfolger als auch für den übergebenden Unternehmer von Bedeutung. Inhaber und Nachfolger müssen entscheiden, ob es sinnvoll ist, die bestehende Rechtsform zu behalten oder umzuwandeln. Welche Steuerbelastungen fallen je nach Rechtsform an? Welche Entscheidungsstrukturen entstehen? Wie reagiert die Hausbank?

Für den Fall, dass Nachfolger und Übergeber eine gemeinsame Übergangsphase planen, kann es sinnvoll sein, das Unternehmen von einem Einzelunternehmen in eine GmbH oder Personengesellschaft umzuwandeln. Je nach Rechtsform sind bei der Übertragung wichtige Fragen zur Haftung und Zustimmung evtl. weiterer Gesellschafter verknüpft. Inwieweit haftet beispielsweise der Käufer für Schulden, die vor der Übertragung entstanden sind? Inwieweit haftet der Verkäufer nach der Übertragung für zurückliegende Verbindlichkeiten?

Die entscheidenden Kriterien bei der Wahl der Rechtsform sind vor allem Haftung, Steueroptimierung, die Finanzierung beim Kauf und die Eignung für eine schrittweise Nachfolge.

Schon jetzt zeigt die Schuldenmisere ihre Auswirkungen. Einerseits kühlt sich die Konjunktur in Deutschland merklich ab, zum anderen beeinträchtigt die Krise nachhaltig die Kreditvergabe der Banken. Die nächste Reform der Bankenregulierung („Basel III“), wird es Mittelständlern spätestens ab 2013 deutlich erschweren, an klassische Kredite zu kommen. Weniger als die Hälfte aller Übergaben geht familienintern über die Bühne. Laut aktuellem DIHK-Report sind Probleme bei der Finanzierung aber bereits jetzt für die Mehrheit der familienfremden Kandidaten (59 Prozent) die größte Hemmschwelle , die ein Unternehmen  übernehmen wollen. „Fehlendes Eigenkapital ist der häufigste Grund für das Scheitern einer externen Nachfolge“, bestätigt IfM-Expertin Nadine Schlömer-Laufen.

Diese Sorge hat Marie-Christine Ostermann als Erbin ihres Vaters nicht. Dennoch weiß sie um die vielfachen Probleme bei der Nachfolge-Regelung. Dass sie die Nachfolge ihres Vaters bei der 1923 gegründeten Rullko GmbH - mit 150 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von 75 Millionen Euro spezialisiert auf die Belieferung von Großküchen in Altersheimen und Krankenhäusern - antreten würde, war beileibe kein Selbstläufer.

Kommentare (3)

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Klein

15.11.2011, 14:32 Uhr

Schön dass Sie hier das Beispiel von Frau Ostermann bringen. Sie mag inzwischen eine erfolgreiche Unternehmerin sein. Mehr aufgrund ihrer Durchsetzungsfähigkeit als aufgrund ihres Sachverstandes. Aber auch das ist ja eine Qualität. Von gesamtwirtschaftlichen Zusammenhängen und politischen Zwängen hat Sie aber keine Ahnung. Es gibt wenige Gesichter aus der deutschen Wirtschaft, die in Talkshows auftreten und wo man sich so fremdschämen muss wie bei Frau Ostermann. Warum gibt es Staatsverschuldung, wie wirken Volkswirtschaften aufeinander ein, was sind Basel I, II oder III und wo haben sie ihren Ursprung, wie sieht eigentlich das Bankgeschäft aus? All diese Themen hat Frau Ostermann auch nicht ansatzweise durchdrungen. Ihr einziges Credo immer aufs neue ist: "Wir dürfen den folgenden Generationen nicht noch mehr Schulden aufbürden". Ja Recht hat Sie. Aber wenn man sie nach dem Urspung und den Konsequenzen fragt, versteigt sie sich in Allgemeinplätzen und populistischen Stellungnahmen." Ich gewinne mehr und mehr den Einduck, dass Sie die Materie einfach nicht versteht. Damit eignet sie sich auch keinesfalls um eine junge Generation in der öffentlichen Diskussion zu vertreten, zu der ich mich auch zählen darf.

BYEGermany

15.11.2011, 15:19 Uhr

An alle Chefs und Politiker!

...und unsere Kinder kündigen und verlassen das Land.

Vielleicht denkt mal einer darüber nach, warum das so ist und hat dann natürlich die Lösung und ein zukunftsfähiges Deutlandkonzept!!!!!!!

So läuft es jedenfalls offensichtlich nicht....., zumindet nicht für unseren Nachwuchs.

Zukunft Deutschland bisher: Schwere demographische Probleme, damit Probleme in den kompletten Sozialkassen von der Rentenversicherung bis hin zur Pflege...
Frage: Wer will denn in Zukunft bis 70 arbeiten und dann ein Bürgergeld(?) mit 650 bis 700 Euro kassieren und dafür 45 Jahre -wenn überhaupt- arbeiten. Ganz ehrlich! Ich würde das auch nicht tun! Ganz sicher nicht!

Hohe Steuerlast: Von den letzten verdienten Euros wird der Spitzensteuersatz bezahlt und die Hälfte kassiert dann der Fiskus und die Sozialkassen. Na dann..
Gute Motivation übrigens...

Integration, insbesonder Städten und Ballungsgebiet nicht nur eine Fehlanzeige, sondern eine "Grande Catastroph".
Erfahrungen haben wir viele gemacht und garantiert keine Positiven. Das könnte man wahrlich auch ganz anders ausdrücken und wäre mit "Grande Catastroph", weißt Du.... sehr vornehemlich umschrieben... weißt Du....

Und mit diesen Zeilen weiß jeder Leser eigentlich was und wie ich es meine. Aber.....

Genau darum geht es u.a. auch. Man könnte noch schreiben und sich auslassen. Nur ändern wird man es nicht mehr in Deutschland.

Und deswegen heißt es einfach

Bye

Arbeit und sozialer Abgrund kostet den Steurzahler jeden zweiten Euro. Welche Zukunft liegt hier? Und wenn nur 3-4% in Bildung fließen fehlt hier jegliche Zukunftsorientierung in Deutschellaaande und vor allem fehlt es dank der Politik und den hiesigen schwachen Führungskräften daran ihre Mitarbeiter und Bürger zu motivieren. Genau das Gegenteil scheint hier der Fall zu sein, oder irre ich mich hoffentlich! Aber ich glaube eher nicht!

biertisch

15.11.2011, 17:42 Uhr

zuerst mal ,wie wurde denn die zahl der unternehmen ohne nachfolger erhoben
welche branchen
wie leistungsfähig
wie im markt platziert
wirtschaftliche lage
kaufpreisvorstellung
was is cheffe fürn mensch ,kann erloslassen


mir is keine unternehmung bekannt,die der nachfolge wegen schließt und wenn die kinder vom chef vons janze das weite suchen hat der meester was falsch gemacht im wohnzimmer und im büro.

hier werden wieder abziehbilder gehandelt.

frau ostermann kommt denk ich in die talk shows,weil sie halt drauflosschnattert und stimmung in die bude bringt.
wenn die olle da is wirds selten langweilig.

was sie vorträgt is halt immer recht platt,aber lieber gott, wo solls herkommen, gastronomie is doch eh n gauklergeschäft...

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