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08.06.2014

17:35 Uhr

Orgelmanufaktur Klais

Ein Klang geht um die Welt

VonAnne Hansen

Die Orgelmanufaktur Klais aus Bonn baut einige der besten Orgeln der Welt. Die Branche schrumpft, doch Klais ist immer ausgebucht – weil der Mittelständler vieles anders macht als die Konkurrenz.

Eine Klais-Orgel in der Madison Wisconsin Overture Hall in den USA. Pressefoto Klais Orgelbau

Eine Klais-Orgel in der Madison Wisconsin Overture Hall in den USA.

BerlinFast wäre man an der Backsteinfassade in der Bonner Nordstadt vorbeigelaufen. Doch wer die Tür öffnet, tritt in ein besonderes Reich ein. Es ist die Werkstatt einer Orgelbauer-Familie, deren Instrumente seit vier Generationen auf der ganzen Welt bewundert werden.

Sie stehen im Kölner Dom, in den Petronas-Türmen in Kuala Lumpur und der Kathedrale in Buenes Aires. Hier, im tiefen Westen der Republik, residiert ein echter Hidden Champion: Abseits vom Rampenlicht stellt die Orgelmanufaktur Klais die renommiertesten Orgeln der Welt her.

Das Erfolgsrezept des Klais-Klang: Es gibt ihn nicht. Der Inhaber Philipp Klais legt großen Wert darauf, keine Handschrift zu haben. Jede Orgel soll einzigartig sein. Keine der anderen gleichen. Kein Klang dem anderen ähneln. Eine Orgel soll nicht nur ein mechanisches Instrument sein, sondern vor allem Charakter haben.

Die Lehren der Hidden Champions

1. Führung und Ziele

Hidden Champions wissen nicht nur, was sie wollen, sondern haben auch die Willensstärke und Energie, manchmal die Besessenheit, ihre Ziele in Taten umzusetzen. Führung bedeutet, dass sie dieses Feuer in vielen Menschen unterschiedlicher Nationalitäten und Kulturen entzünden.

(Quelle: Hermann Simon, „Hidden Champions des 21. Jahrhunderts“)

2. Hochleistungsmitarbeiter

Hidden Champions schaffen – und profitieren von – Bedingungen, die eine extrem geringe Fluktuation erzeugen. Hochleistung erreicht man nur mit einer Mannschaft, die eine starke Motivation und Identifikation mit dem Unternehmen aufweist. Grundlage hierfür ist die Selektion der richtigen Mitarbeiter.

3. Dezentralisierung

Manche Hidden Champions stoßen mit engen Märkten und hohen Marktanteilen an Wachstumsgrenzen. Sie gehen den Schritt in die Diversifikation. Um ihre traditionellen Stärken nicht zu gefährden, wählen sie die konsequente Dezentralisierung – in der Regel bis hin zu rechtlich eigenständigen Firmen.

4. Fokus

Fokussierung bietet normalerweise die einzige Chance, Weltklasse zu werden. Hidden Champions fokussieren ihre beschränkten Ressourcen besser als andere und bleiben bei dieser Richtung, bis sie die Spitzenposition erreicht haben. Dabei ist die Definition des Spielfelds selbst Bestandteil der Fokussierung.

5. Globalisierung

Nichts verändert die Welt in den nächsten Jahrzehnten stärker als die Globalisierung. Für Unternehmen, die diesen Wandel nutzen, eröffnen sich ungeheure Wachstumschancen. Der Aufbau weltweiter Produktions- und Vertriebssysteme dauert jedoch oft genug mehrere Generationen. Zunächst internationalisieren sich die Umsätze, dann folgt das Personal und als Letztes das Management. Die meisten Hidden Champions stecken mit ihren Strategien und dem Umsetzen in der Praxis mitten in diesem Prozess. Simon: „Um die Chancen zu nutzen, muss man seine nationalen Beschränkungen ablegen und große Ausdauer mitbringen.“

6. Innovation

Die meisten Hidden Champions planen massive Innovationsaktivitäten. Sie integrieren dabei Markt und Technik als gleichwertige Antriebskräfte. Diese Ausgewogenheit gelingt nur wenigen Großunternehmen. Innovation ist in erster Linie eine Frage von Kreativität und Qualität – keineswegs nur eine Sache des Geldes.

7. Kundennähe

Kundenorientierung ist für den Erfolg der Hidden Champions wichtiger als Wettbewerbsorientierung. Die langjährige Kundenbeziehung ist ihre größte Stärke. Denn es gilt: Hochleistung für Kunden führt automatisch zu Wettbewerbsvorteilen. Simon: „Topkunden ähnlich wie Topkonkurrenten als Leistungstreiber einsetzen.“

Wenn er über seine Orgeln spricht, könnte man fast meinen, er spreche über Kinder. Da gibt es die Diva, die Extrovertierte und die Schüchterne. Welche Orgel wo steht, sagt er nicht. „Das muss jeder selbst herausfinden“, sagt Klais und lacht. Auch die Frage nach seiner Lieblingsorgel möchte er nicht beantworten. „Das ist so, als ob Sie einen Vater fragen würden, welches Lieblingskind er hat.“

Während andere Orgelbauer sich oft an den Orgeln aus dem 18. Jahrhundert orientieren – diese Instrumente gelten in vielen europäische Ländern als Höhepunkt der Orgelkunst – hat Philipp Klais seine Aufgabe stets anders verstanden. Nicht das Alte nachbauen, sondern das Neue schaffen. Nicht das Gute imitieren, sondern das Instrument an jedem Ort neu denken, so dass etwas noch Besseres entstehen kann. Schon der Großvater des heutigen Firmenchefs legte Wert auf neue Ansätze, war etwa mit den großen Bauhaus-Architekten befreundet und sorgte so für eine moderne Optik seiner Orgeln.

Wenn Inhaber Philipp Klais heute eine Orgel konzipiert, geht es nicht nur um den Raum und die vorhandene Akustik, sondern um viel mehr: Er analysiert die Sprache des Landes, setzt sich mit der lokalen Musik auseinander, studiert traditionelle Holztechniken. So kommt es, dass eine Orgel in Frankreich anders klingt als eine chinesische. In Japan befasste er sich ausführlich mit der Holztechnik, die man vor über tausend Jahren beim Palastbau anwendete. Kurzerhand entschied er sich, diese Technik in seine eigene zu integrieren.

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