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02.07.2016

13:29 Uhr

Paris will Start-ups anlocken

Von Datenjacken und realen Ölsardinen

VonThomas Hanke

Warum nach London oder Kalifornien ziehen, wenn Start-ups auch an der Seine blühen? Paris will zum Zentrum für die digitale Wirtschaft werden. Ein Besuch auf der Messe Viva Technology zeigt aber, wo es noch hakt.

Paris ist in Europa einer der größten und beliebtesten Standorte für Start-ups. Reuters

Messe „Viva Technology“ in Paris

Paris ist in Europa einer der größten und beliebtesten Standorte für Start-ups.

Paris5000 Start-ups und 100 Großunternehmen bringt Viva Technology, eine Messe der Wirtschaftszeitung „Les Echos“ und des Werbe-Multis Publicis, auf dem Pariser Messegelände zusammen. Bis einschließlich Samstag können die „jeunes pousses“, wie sie in Frankreich heißen, die jungen Sprossen, sich an den Ständen der Arrivierten vorstellen und um Interesse sowie Investoren werben. Paris ist in Europa einer der größten und beliebtesten Standorte für Start-ups. Zwar sind die Mieten hoch, doch finden die Gründer hier viele hervorragend ausgebildete Ingenieure und Leute mit allen denkbaren Muttersprachen.

Paris war bekannt für seine früh entstandene Internetmesse „Le Web“, die aber offenbar sanft entschlummert ist. Viva Technology ist deutlich kommerzieller, doch viele der jungen Gewächse sind noch in einem ganz frühen Stadium. Neben den ganz Großen wie Google und Cisco auftreten zu können ist eine unglaubliche Chance für den Nachwuchs.

Die 10 besten Ratschläge für Unternehmer

Hab Spaß

„Das Leben ist ein Marathon und kein Sprint“, sagt Thorsten Reiter, dessen Buch „Start up – Jetzt! Endlich loslegen und es richtig machen“ gerade im Campus-Verlag erschienen ist. Genauso verhält es sich auch mit dem Bestreben als Unternehmer. Reiter: „Wer lange durchhalten will, sollte Spaß an der Sache entwickeln, der er täglich nachgeht, und vor allem daran, wie er es tut.“

Glaub an dich

Unternehmer sollten sich laut Reiter darauf konzentrieren, ihre Marke auszubauen sowie ihre Arbeit zu erledigen, und aufhören, über sich und ihr potentielles Versagen nachzudenken. „Wenn sie eines Tages scheitern, werden sie es schon merken und haben genug Zeit, im Nachhinein darüber nachzudenken.“

Glück ist eine Einstellungssache

„Jeder Gründer sollte sich entscheiden, stets Glück zu haben“, rät Thorsten Reiter. Seiner Lebensphilosophie nach liegt es in den eigenen Händen, Glück zu haben. Dabei ist für den Gründer-Experten genauso richtig, dass jeder einzelne der Herr seines Schicksals ist wie der Glaube daran, dass alles, was wir erleben, durch etwas oder jemanden vorherbestimmt ist.

Versuchen ist gut, machen ist besser

Reiter rät jungen Unternehmern nicht zu „entscheiden“, wann sie gescheitert sind. „Scheitern passiert und es bleibt keine andere Wahl, als das Scheitern zu akzeptieren und daraus zu lernen.“ Getreu dem Motto von Meister Yoda in Star Wars: „Do or do not. There is no try!“.

Nutze alle Ressourcen

Haben Sie Spaß daran, Teil von etwas zu sein und nutzen Sie das für sich. Als Unternehmer erhalten Sie Zugang zu Ressourcen, für die man sonst große Summen bezahlen müsste. Reiter: „Ein Marketingplan-Wettbewerb an einer lokalen Hochschule beispielsweise gibt der Einrichtung sowie ihren Studierenden Stoff, um sich weiter zu qualifizieren“, und Ihnen als Unternehmer einen enormen Pool an neuen Ideen.

Manchmal hilt nur: Zähne zusammenbeißen!

Jungunternehmer sollten sich schnell daran gewöhnen, die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit nicht nur auszutesten, sondern sie regelmäßig zu überschreiten. Thorsten Reiter: „Nur so können sich Gründer und Erfolgssuchende sicher sein, wo sie verlaufen.“ Und: „Im gemütlichen Nine-to-Five-Sessel lassen sich keine Märkte revolutionieren und keine Konsumentenerfahrungen erschaffen, die zu wahren Ereignissen im Leben der Kunden werden.“

Gib dein Wissen weiter

Behalten Sie niemals die Dinge, die Sie auf Ihrem Weg gelernt haben, für sich. Teilen Sie, wann immer sie können, lautet die Empfehlung des Start-Up-Experten Reiter. Halten Sie also Vorträge, geben Sie Workshops oder seien sie selbst ein Mentor für andere Entrepreneure. Reiter: „Dadurch wird auch der Gründer selbst besser, versteht seine Herangehensweisen und erhöht sein Exposure.“

The winner shares it all

Steuern Sie auf Ihrem Weg gezielt Win-Win-Win-Effekte an und ermöglichen Sie es so einer größeren Anzahl von Menschen, sich mit Ihrer Idee und der Sache, für die Sie stehen, zu identifizieren. Keine Angst, das bedeutet nicht, dass Sie etwas vom Kuchen abgeben müssen; es bedeutet, so Reiter, dass alle am Ende mehr haben. Wenn jemand also einen WLAN-produzierenden Baum entwickeln würde, wäre der zusätzliche Klimafaktor solch ein Effekt.

Verändere das Spiel der Könige

Was hat Unternehmertum mit Schach zu tun? Reagieren Sie im Business nicht nur auf die Züge des Gegners, sondern gehen Sie einen Schritt weiter über die Grenzen des Bretts hinaus, rät Thorsten Reiter. So werden die Regeln des Spiels neu definiert, das Feld wird erweitert und die Möglichkeiten sind plötzlich unzählig. Wer als Unternehmer gelernt hat, das Spiel zu durchschauen, hält einen Trumpf in der Hand, der die Konkurrenz ins Chaos stürzen kann. Reiter: „Manchmal ist ein vermeintlich irrationaler Zug der entscheidende Schlag, und was von außen wie Chaos erscheint, ist lediglich die strategische Wendung hin zum eigenen Competitive Advantage und ein echter Game Changer.“

Finde deine Antworten

Sind Sie ein Unternehmer? Haben Sie den Mut dazu, Ihr Leben – egal ob angestellt oder selbstständig – nachhaltig zu verändern? Ist das der richtige, der einzige Weg? Diese Fragen möchten Thorsten Reiter jedem potentielen Gründer mit auf den Weg geben, denn er kann lediglich Denkanstöße geben. Die Antworten darauf muss jeder für sich selber finden. Reiter: „Ob du ins Abenteuer Unternehmertum aufbrechen wirst, ob diese Reise für dich bestimmt ist, kannst nur du selbst sagen. Nur du kannst diese Antworten geben.“

Am Donnerstagmorgen herrscht bereits ordentlicher Publikumsandrang. Den schönsten Platz hat sich Google gesichert. Gleich beim Betreten der Halle stolpert man über das weiße, runde Selbstfahr-Auto des Konzerns und wird von wild schwankenden Menschen angefallen, die sich dank großer Datenbrille und -handschuh in der virtuellen Realität verloren haben.

Auf der Bühne spricht ein Mann mit starkem osteuropäischen Akzent über ein Produkt aus grauem Stoff, das wie eine Arbeitskutte aussieht. „Eine Jacke, die Ihre ganze Kommunikation übernimmt, Sie müssen sie nur antippen“, strahlt mich eine Google-Hostess an. Sie erwartet einen Begeisterungsausbruch, ich müsste jetzt wohl sagen: „Eine Jacke, die meine Kommunikation übernimmt – ich kann es nicht glauben, darauf warte ich seit Jahren!“, sehe sie aber nur unbeteiligt an, worauf sie die Kommunikation – mündlich, ohne Jacke – abbricht.

Pitch Club: Gründer an der Nadel

Pitch Club

Gründer an der Nadel

Erfinder einer Steuer-App, Online-Kaffeeverkäufer, Rollatoren-Hersteller: Obwohl Frankfurt das Image der Stadt der Banken und des „Big Business“ hat, gilt es als Start-up-Nirvana. Gründer im Pitch Club wollen das ändern.

Ich gehe weiter zu Cisco, da wird eine Lösung für Sicherheit und Verteidigung vorgestellt. Ich erwarte etwas, das schießt und knallt, doch es geht wieder nur um Kommunikation. Neben einer eher friedlich wirkenden Puppe im Kampfanzug stöckelt eine Französin auf ihren Eskarpins herum. Nicht sie, sondern ihr etwas fülliger Kollege erläutert mir mit ähnlich begeistertem Gesichtsausdruck wie die Google-Dame, was in der Kiste steckt, die vor uns steht. „Sieht so klobig aus wie eines der ersten Mobiltelefone aus den 80er-Jahren“, sage ich. Die Bemerkung wird taktvoll ignoriert. „Was Sie hier sehen“, strahlt er mich an, „ist eine disruptive Veränderung der Kommunikation, ich würde sogar sagen: eine Revolution!“

Die Kiste mit zwei dicken Antennen dran kann ein Mobilfunknetz ersetzen, sie ist auf keinerlei Verbindung angewiesen. „Das funktioniert auch, wenn alles andere ausfällt, es braucht nicht einmal einen Satelliten.“ schwärmt der Cisco-Mann. „So eine Art modernes Walkie-Talkie“, sage ich. Wieder falsch. „Nur dass Sie darüber auch den gesamten Datenverkehr abwickeln können“, sagt mein Gesprächspartner und tätschelt zärtlich die Wange des grausilbernen Metallbehälters. „Ich komme aus dem Mobilfunk und finde es so wunderbar, dass man alles, wofür man sonst ein komplettes Gebäude braucht, hier auf winzigstem Raum untergebracht hat.“ Ich lasse ihn mit seinen Glücksgefühlen allein. Mitten in der Halle kommen endlich die Start-ups, die Stimmung wird anders, nicht PR, sondern Kreativität liegt in der Luft.

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