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08.09.2016

17:29 Uhr

Pirate Summit

Burning Man auf Kölsch

VonKatrin Terpitz

Die Kreativen Amerikas treffen sich in der Wüste von Nevada, Start-up-Insider kommen zum Pirate Summit nach Köln: Ein verrücktes, aber effektives Treffen von Tausend Gründern und Investoren aus aller Welt.

Gründer und Investoren feierten die symbolische Verbrennung einer Holzfigur. Die Stimmung erinnert an das Burning Man-Festival in den USA. Dan Taylor Heisenberg Media

Pirate Summit in Köln

Gründer und Investoren feierten die symbolische Verbrennung einer Holzfigur. Die Stimmung erinnert an das Burning Man-Festival in den USA.

KölnEs ist wahrlich nicht die beste Gegend von Köln. Schon gar nicht für seriöse Geschäfte. Der Weg zum Pirate Summit führt vorbei am berüchtigten „Pascha“ und am „Bordellhaus“ mit greller Neonreklame und einer nackten Frau in Überlebensgröße hin zu einer Künstlerkolonie voller Skulpturen aus Alteisen und rostiger Dinosaurier.

Symbolisch wurde am ersten Abend vor den ausgelassen tanzenden Piraten ein riesiger Holzmensch verbrannt. Alles erinnert stark an das legendäre Burning Man-Festival in der Wüste von Nevada, das erst vor einigen Tagen zu Ende ging. Dort feiert sich die amerikanische Kreativen- und Gründer-Szene einmal im Jahr selbst.

Ebenso abgedreht, wenn auch einige Nummern kleiner, ist der Pirate Summit in der Domstadt: Köln-Nippes statt Nevada. Zum sechsten Mal trafen sich rund 1000 Start-up-Gründer und millionenschwere Wagniskapitalgeber aus der ganzen Welt. Im Anzünden von großen Puppen haben die Kölner ja Erfahrung: Vor Aschermittwoch wird traditionell der „Nubbel“ verbrannt. Und auch die Sonne brannte diesmal auf das sandige Gelände – fast wie in der Wüste von Nevada.

Gründer: Diese Fallstricke sollten Sie meiden!

Herdentrieb als Bremse

Möchte kein Teammitglied von der gemeinsamen Meinung abweichen, weil die persönliche Bindung zueinander besonders hoch ist, kommt es laut Thorsten Reiter zum gefährlichen Herdentrieb; dieser führt zu äußerst schlechten Entscheidungsfindungen, da Ideen nicht mehr hinterfragt und keine Vorschläge gemacht werden, die den Status quo gefährden. Als Lösung rät der Experte, dessen Buch „Start up – Jetzt! Endlich loslegen und es richtig machen“ gerade im Campus-Verlag erschienen ist, eine Person zu bestimmen. Deren Aufgabe ist es dann, die Vorschläge der anderen auseinander zu nehmen. Reiter: „Wenn diese Person oder Gruppe regelmäßig ausgetauscht wird, kann sich das Team so langsam aus dem Herdensumpf herausbewegen.“

Die richtigen Leute zur falschen Zeit

Thorsten Reiter empfiehlt, besonders erfahrene Personen nicht unbedingt schon in der Gründungsphase ins Boot zu holen. Sie sind nicht nur teurer, aufgrund ihres großen Erfahrungsschatzes, sondern bedeuten auch eine Verschwendung von Potential. Warum? „Oft sind sie es gewohnt, bereits existierende Strukturen zu verbessern, Prozesse zu optimieren oder in neue Märkte zu expandieren, so Reiter. „Demotivation und Produktivitäsverlust können die Folge sein.“

Soziale Hierarchien

Werden Ideen und Ansätze nicht nach objektiven Kriterien beurteilt, sondern basierend auf der sozialen Stellung des Vorschlagenden im Team, kann das unterm Strich genauso schädlich sein wie der Herdentrieb. Der Experte rät, die in „Aussätzigen“ und in Ungnade gefallenen Personen im Team gezielt zu reintegrieren. Reiter: „Am besten ist dies möglich, indem du dir die Unterstützung des Hierachieobersten im sozialen Gefüge sicherst und diesen die soziale Rehabilitation des Aussätzigen übernehmen lässt.“

Unausgeglichene Kompetenzen

Konzentrieren sich Gründer beim Besetzen ihrer Teamrollen zu sehr auf die eigenen Kompetenzen und den eigenen fachlichen Hintergrund, kommt es laut Reiter zu „Gründerteams voller Techie-Geeks oder Banden von Sales-Haien, deren Unternehmen und Produkte es niemals auf den Markt schaffen werden, geschweige denn im Markt bestehen können.“ Helfen könnten hier vor allem Mentoren, die tote Winkel in der Wahrnehmung von Kompetenzlücken aufdecken und eventuell sogar bei der Einschätzung vielversprechender Kandidaten helfen.

Schnäppchen auf dem Arbeitsmarkt

Eine weniger gut ausgebildete Arbeitskraft wird doch die simple Aufgabe ausreichend erledigen können? Falsch gedacht, sagt Thorsten Reiter. „Egal ob es sich um ein Unternehmen der Serviceindustrie, Gastronomie oder um die Herstellung eines Produkts handelt: Gerade die ersten Mitarbeiter können zwischen Wachstum und damit Erfolg auf der einen sowie Insolvenz und damit Misserfolg auf der anderen Seite entscheiden.“ Machen Sie also zu Beginn keine Schnäppchen beim Humankapital – es zahlt sich einfach nicht aus.

Fazit

Sie wollen nicht eines Tages einer Meuterei zum Opfer fallen? Dann setzen Sie sich frühzeitig mit diesen Komponenten im eigenen Team, aber auch bei Kunden und Partnern auseinander. Reiter: „Immer wenn es um die menschliche Komponente des Business geht, lernen auch erfahrenste Geschäftsleute nie aus.“

Am Eingang bekam jeder Teilnehmer eine Augenklappe und warme Socken gereicht – „damit keiner kalte Füße bekommt“. „Schließlich müssen Gründer ebenso unerschrocken sein wie Piraten“, meint Initiator Till Ohrmann. Über ihm saust ein kostümierter Seemann in zehn Metern Höhe an einem Seil quer über das Gelände. Durch die bunte Menschenmenge schlafwandeln Leute mit VR-Brillen. Wer möchte, darf probeweise eine Drohne fliegen lassen. Ein unvorsichtiger Pirat hat dabei fast seinen Finger verloren.

Das Festival, das vor sechs Jahren klein angefangen hatte, platzt inzwischen aus allen Nähten. Allein 600 Gründer aus 65 Ländern reisten nach Köln, dazu insgesamt 225 Investoren und Wagniskapitalfonds aus 20 Ländern. Vornehmlich Start-ups in der Frühphase, die erste potenzielle Geldgeber suchen. Mitmachen darf längst nicht jeder: Die Gründer werden vorher in Pitches auf Mini-Pirate Summits von London über Istanbul bis Tokio ausgewählt. „Etwa die Hälfte der Bewerber müssen wir ablehnen“, sagt der 29-jährige Oberpirat Ohrmann. Qualität ist den Organisatoren wichtig. Schließlich arbeitet Jolly Roger seit 2013 als kommerzielles Unternehmen mit rund 20 Mitarbeitern. Wer sonst kann ein Start-up-Event organisieren, wenn nicht ein Start-up?

Die Geldgeber erkennt man an grauen Schläfen und grünen Halsbändern. Die Gründer tragen rote Bänder. Hier kann jeder jeden anquatschen. Selbstverständlich duzt man sich. Auch Christian Nagel, Geschäftsführer des Wagniskapitalgebers Earlybird, ist gekommen. „Von der Stimmung her hat man fast das Gefühl, im Silicon Valley oder in Berlin zu sein“, frotzelt er.

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