Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

10.02.2017

12:39 Uhr

Plagiarius 2017

Die dreisten Tricks der Produktpiraten

VonKatrin Terpitz

Ob Hundeleine, Bürostuhl oder Messgerät – wer erfolgreiche Markenprodukte nachahmt, verdient auf Kosten anderer. Die Aktion Plagiarius hat die frechsten Fälschungen des Jahres gekürt. Und die kommen nicht nur aus Asien.

Der EU-Zoll beschlagnahmte an den Außengrenzen der EU 2015 gefälschte Markenprodukte im Wert von 650 Millionen Euro. Die Dunkelziffer liegt weit höher. dpa

Zoll entdeckt Plagiate am Flughafen Frankfurt

Der EU-Zoll beschlagnahmte an den Außengrenzen der EU 2015 gefälschte Markenprodukte im Wert von 650 Millionen Euro. Die Dunkelziffer liegt weit höher.

DüsseldorfFälscher von Markenprodukten werden immer unverfrorener. Schon 2015 hatten vietnamesische Wirtschaftsfahnder in Ho-Chi-Minh-Stadt bei einer Razzia Fälschungen eines Druckmessgeräts des deutschen Herstellers Wika aus Klingenberg beschlagnahmt. Das hielt die Täter nicht davon ab, es erneut zu versuchen. Bei einer erneuten Durchsuchung ein Jahr später wurden wieder Nachahmerprodukte sichergestellt, diesmal mit dem Emblem „Vika“. Entweder war der vordere Teil des „W“ einfach weggekratzt oder das „W“ durch ein „V“ ersetzt worden. „Die Nachahmer haben sogar in Vietnam versucht, die Marke ‚Vika‘ auf sich anzumelden“, berichtet Christine Lacroix von der Aktion Plagiarius. Ein Löschantrag läuft.

Das gefälschte vietnamesische Druckmessgerät landet auf Platz drei von zehn Gewinnern des Schmähpreises „Plagiarius 2017“, der am Freitag auf der Konsumgütermesse Ambiente in Frankfurt verliehen wurde. Der erste Preis ging an ein Imitat der Roll-Hundeleine „Flexi Explore L“. Vertrieben wird es über diverse anonyme Online-Anbieter mit Scheinidentitäten über Amazon in den USA und täglich wechselnden Accounts, so die Aktion Plagiarius. Die minderwertige Qualität habe in den USA schon zu Kundenbeschwerden geführt. Ein klarer Reputationsschaden für den deutschen Hersteller Flexi-Bogdahn aus Bargteheide.

Platz zwei des Negativpreises ging an ein chinesisches Imitat des weltweit erfolgreichen Bürostuhls „Silver“. Das Original stammt von Interstuhl Büromöbel aus Meßstetten-Tieringen. „Das Design wurde nahezu eins zu eins übernommen, aber mit deutlich billigeren Materialien umgesetzt“, kritisiert die Jury.

Seit 41 Jahren vergibt die Aktion Plagiarius e.V., die von Designerprofessor Rido Busse ins Leben gerufen wurde, für besonders dreiste Plagiate oder Fälschungen einen schwarzen Gartenzwerg. Dessen goldene Nase soll Symbol sein für die lukrativen Gewinne, die Nachahmer auf Kosten von innovativen Herstellern erzielen. Die Auszeichnung mit dem Plagiarius sage nichts darüber aus, ob das jeweilige nachgemachte Produkt im juristischen Sinne erlaubt oder aber rechtswidrig sei. Das hänge von vielen Faktoren ab wie den eingetragenen gewerblichen Schutzrechten. Die gesetzlich garantierte „Nachahmungsfreiheit“, die den technischen Fortschritt fördern soll, legitimiere aber keine nahezu identischen Produkte, bei denen Verwechslungs- oder Täuschungsgefahr bestehe, betont die Aktion Plagiarius. Sie will Produktpiraten und ihre unseriösen Geschäftspraktiken an den Pranger stellen.

Oft stecken international organisierte Banden hinter den Fälschungen. Die meisten der vom EU-Zoll beschlagnahmten Waren kommen aus China und Hongkong. Zu den Herkunftsländern gehören aber auch Länder wie die Vereinigten Arabischen Emirate, die Türkei und Indien. Allein an den EU-Außengrenzen haben die Zollbehörden 2015 mehr als 40 Millionen rechtsverletzende Produkte im Wert von mehr als 650 Millionen Euro beschlagnahmt. Das ist ein Plus von 15 Prozent im Vergleich zu 2014 – und trotzdem nur die Spitze des Eisbergs.

Alibaba-Chef über Produktkopien: Der gefährliche Hochmut von Jack Ma

Alibaba-Chef über Produktkopien

Premium Der gefährliche Hochmut von Jack Ma

Wenn es um den Kampf gegen Produktpiraterie geht, preist Jack Ma sein Unternehmen als Vorreiter. Doch bei einem Rundgang über das Firmengelände rutscht ihm ein Satz heraus, der viele Hersteller irritieren dürfte.

Plagiate fügen allein Unternehmen in Deutschland einen Schaden von geschätzt etwa 56 Milliarden Euro jährlich zu. Das hat die Beratung EY hochgerechnet. Tatsache ist: Wenn billige Imitate den Markt überschwemmen, leidet nicht nur der Ruf der Originalmarke, der Umsatz schrumpft. Das kann Arbeitsplätze kosten und im Extremfall sogar die Existenz bedrohen.

Rund 70 Prozent der deutschen Maschinen- und Anlagenbauer sind von Produktfälschungen betroffen, so eine Umfrage des Verbands VDMA. Drei Viertel der Kopien kamen aus China. Der Verband schätzt den Schaden durch Piraterie für die Branche auf 7,3 Milliarden Euro 2015. Dennoch ergreifen 44 Prozent der befragten Maschinen- und Anlagenbauer keine Maßnahmen, um sich gegen Plagiate zu schützen. 41 Prozent wählen außergerichtliche Schritte, 32 Prozent gehen vor Gericht. Sechs Prozent lassen an der Grenze beschlagnahmen und fünf Prozent vereinbaren mit den Plagiatoren Zwangslizenzen oder Kooperationen.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×