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23.01.2010

10:01 Uhr

Porzellan-Manufaktur

Meissen und der braune Fleck

VonAxel Granzow

Heute feiert die Porzellan-Manufaktur Meissen ihren 300. Geburtstag. Das ist natürlich ein Grund zur Freude. Allerdings übergeht das Unternehmen dabei einen problematischen Teil der eigenen Geschichte.

In Meißen war immer Handarbeit angesagt. Privatarchiv Axel Granzow

In Meißen war immer Handarbeit angesagt.

DÜSSELDORF. Der Herzog von Windsor war sichtlich beeindruckt. Beinahe majestätisch steht der ehemalige britische Monarch Edward VIII mitten in der Malereiabteilung der Staatlichen Porzellan Manufaktur Meissen beäugt von Nazi-Funktionären, darunter Sachsens Gauleiter Martin Mutschmann, dem Manufaktur-Geschäftsführer Curt Panzer und von Wallis Simpson, seiner Frau, wegen der er 1936 aus Liebe auf den Thron verzichtet hatte. Ob der Herzog gemerkt hat, dass sein Auftritt der Nazi-Propaganda diente, um der Welt ein heiles Bild von Hitler-Deutschland zu vermitteln? Es ist nicht bekannt. Möglicherweise war er dafür angesichts des TamTams um seine Person einfach zu eitel.

Für die Porzellanmanufaktur aber war der Besuch am 19. Oktober 1937 ein ganz großer Tag. Gehörte sie doch in einer Reihe mit den Daimler-Benz Werken in Stuttgart zu den Vorzeigebetrieben des Regimes, die das Paar auf seiner zehntägigen Deutschlandreise besichtigte, die auch eine Audienz beim Führer in dessen Feriendomizil auf dem Obersalzberg sowie die Visite eines Konzentrationslagers einschloss. Doch bis heute ist das eine weitgehend unbekannte, weil totgeschwiegene Episode in der nun dreihundertjährigen Geschichte der Manufaktur.

Eine gute Stunde besichtigten die Windsors das Werk. Dann ging es zum Mittagessen hinauf auf die Albrechtsburg in den Burgkeller. Die Liste der Geschenke für knapp 1600 Reichsmark war lang: Darunter fand sich auch die Reiterfigur Heinrich der Löwe, den Welfenkönig verehrten Nazi-Ideologen als Kolonisator des Ostens. Porzellanobjekte als diplomatische Geschenke haben Tradition seit dem 18. Jahrhundert. Zwei Salatschüsseln sind im Burgkeller übrigens "abhanden gekommen", wie vermerkt wurde.

Anlässlich der geplanten Ausstellungen und Feiern zum 300jährigen Bestehen des sächsischen Landesbetriebs in diesem Jahr findet sich über die Geschichte der Manufaktur und die Rolle des Porzellans im "Dritten Reich" jedoch keine einzige Ausstellung. Selbst in Deutschlands Porzellanmuseum, dem Porzellanikon in Selb, ist trotz eines umfangreichen Programms zum Jubiläum in Meissen, keine Rede von "Porzellan im Dritten Reich". Das will man noch nachholen, heißt es da. Stört die eigene Geschichte beim Feiern?

In Meissen selbst ist man jedenfalls völlig mit der Neuausrichtung der Manufaktur beschäftigt. Aus der traditionsreichen Porzellanmarke soll "Kunst im Luxussegment" werden, sozusagen der Porsche im Porzellangeschäft. Internetauftritt und Werbung sind bereits an das neue Image angepasst - die dunklen Seiten der eigenen Geschichte bleiben unerwähnt, passen nicht zum neuen Lifestyle-Image.

Meissens Manufakturchef Christian Kurtzke, der Ende 2008 den noch aus DDR-Zeiten stammenden Geschäftsführer des sächsischen Landesbetriebs abgelöst hatte, plagen jedenfalls zur Zeit ganz andere Sorgen. Die Wirtschaftskrise hat den Luxus-Porzellanhersteller voll erwischt. 2008 wies die Manufaktur bei einem Umsatz von 35 Mio. Euro einen operativen Verlust von sechs Mio. Euro aus. 2009 dürfte trotz Relaunchs der Marke nicht viel besser gelaufen sein. Meissen ist für Sachsen damit ein Zuschussbetrieb - wie übrigens auch schon in den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts als die Manufaktur verstärkt auf künstlerische Produktion gesetzt hatte. Kurtzke hat wie viele seiner Vorgänger eine Gratwanderung vor sich: das kulturelle Erbe erhalten und wirtschaftlich erfolgreich sein. Da bleibt offenbar keine Zeit für Anfragen über die Nazi-Vergangenheit, wie eine Sprecherin ausrichten ließ.

Kommentare (4)

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Rosemarie Vocht-Mields

23.01.2010, 15:02 Uhr

Nicht nur M. A. Pfeiffer, sondern auch die technische Leitung musste unter dem Druck von Kurt Panzer und weiteren Nazi-Gesinnungsgenossen weichen, obwohl als Regierungschemiker verbeamtet. Die Manufaktur nahm dadurch erheblichen Schaden durch Anstieg der Fehlerquoten. Das Problem wuchs sich desaströs besonders nach Demontage durch die sowjetische besatzungsmacht aus. Obwohl die Manufaktur in eine Sowjet AG umgewandelt wurde, gab es unter dem Direktor Neuhaus keinen Techniker, der der Manufaktur wieder zu einer normalen Produktion verhelfen konnte. Erst nachdem der sowjetische Manufakturdirektor Nikotin seine Möglichkeiten nutzte, über die "Rote Armee" den Technischen Leiter Dr. M. Mields aus jugoslawischer Gefangenschaft zu repatriieren, schaffte es dieser mit z.T. gebrauchten Maschinen den betrieb wieder zu regenerieren und bereits Anfang der 60iger Jahre zum achtbesten Devisenbringer der DDR aufzubauen. Die sowjetische Führung hatte inzwischen den betrieb abgegeben, der danach als VEb Staatliche Porzellan Manufaktur Meissen firmierte.

aruba

23.01.2010, 19:21 Uhr

Guten Tag,.........Sagen Sie mir wer von den industriellen nicht versuchte mit dem " Trend " zu gehen. Es war eine boese Zeit, heute ist es leicht zu sagen " ich an seiner Stelle haette "..... mir wahrscheinlich auch in die Hosen gemacht und mich geduckt. So ist das..... so und nicht anders..besten Dank

Kleeberg

23.01.2010, 21:44 Uhr

Für diesen häßlichen Artikel sollte sich das Handelsblatt schämen. Diktaturen sind auch für Traditionsunternehmen eine schwierige Zeit. Aber von einer erfolgreichen betriebsgeschichte von 300 Jahren nur 12 Jahre aufzuwärmen und verzerrt darzustellen ist äußerst schäbig und regelrecht bösartig. Wann hören diese Gemeinheiten in Deutschland endlich auf? Schande über das Handelsblatt!
Kleeberg

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