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24.07.2012

17:21 Uhr

Qualifizierungsoffensive

Nachhilfe für Aufseher und Beiräte

VonRuth Lemmer

Das Hauptargument für die Nominierung eines Aufsichtsrats lautet noch immer: „Ex-Vorstand“. Bei den Beiräten im Mittelstand sieht es nicht anders aus. Dabei ist spezielle Weiterbildung für die neue Position geboten.

Paul Achleitner: Der Allianz-Vorstand ist Chefaufseher der Deutschen Bank. dpa

Paul Achleitner: Der Allianz-Vorstand ist Chefaufseher der Deutschen Bank.

DüsseldorfDie meisten neuen Aufsichtsräte erfüllen noch immer keine besonderen Auswahlkriterien oder erbringen vorab definierte Qualifikationsnachweise - wie es jeder andere herkömmliche Jobbewerber tun muss. Obwohl verschärfte gesetzliche Regeln für Kontrolleure gelten, existieren in rund 70 Prozent der börsennotierten Unternehmen keine konkreten Evaluationskriterien für die Stellenbesetzung.

Das fand Michèle Morner in einer Studie über die Nominierung von Aufsichtsratsmitgliedern heraus. Die Professorin leitet an der Uni Witten-Herdecke das Reinhard-Mohn-Institut für Unternehmensführung und Corporate Governance. „Das einzige Nominierungskriterium, das wir gefunden haben, ist das ‚Ex' vom Ex-Vorstand“, sagt die Wissenschaftlerin. Und fährt an die Adresse von Interessenten ohne entsprechende Berufsstation im Lebenslauf gerichtet fort: „Wer kein Ex-Vorstand ist, wird nicht ernst genommen.“

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Im eigenen Saft schmoren, Entscheidungen im stillen Kämmerlein treffen, nur auf den Familienrat hören? Immer mehr Mittelständler setzen auf die externe Expertise erfahrener Beiräte – und steigern so ihren Erfolg.

Bei den Beiräten und Aufsichtsräten im Mittelstand sieht es nicht anders aus. Nachvollziehbare Kriterien für das Mandat der Kontrolleure? Mangelware. Kein Wunder, dass die Enttäuschung so mancher Unternehmenschefs über ihre Aufseher nach einiger Zeit groß ist. Das Beratungsunternehmen Gemini befragte gemeinsam mit der Fachhochschule der Wirtschaft in Bergisch-Gladbach Unternehmenslenker nach ihrer Zufriedenheit mit den Kontrollgremien. Die Schulnote lag bei „knapp befriedigend“, im Handel und für freiwillige Gremien sogar nur bei „ausreichend“. Überraschend: Zwischen Umsatzgröße und Gesamtzufriedenheit gibt es keine Korrelation.

Diese Qualifikationen sollte ein Beirat mitbringen

Operative Erfahrung

Beiräte sollten entweder als Unternehmer im eigenen Betrieb oder als angestellte Manager langjährige Erfahrung gesammelt haben. Nur wer die Fallstricke des täglichen Geschäfts kennt, kann die Situation anderer Unternehmen und die Leistung der Chefetage profund beurteilen und sinnvolle Empfehlungen aussprechen.

Tiefe Branchenkenntnis

Beliebt sind Beiräte mit umfangreicher Branchenkenntnis. Das erhöht die Wahrscheinlichkeit, in kniffligen Situationen mit gezielten Ratschlägen und Kontakten helfen zu können.

Viel Fingerspitzengefühl

Die reibungslose Zusammenarbeit zwischen externem Ratgeber und Unternehmenslenker ist unabdingbar. Wer sich als Beirat empfehlen will, sollte also nicht nur Fachkenntnisse mitbringen, sondern sich auch mit dem sensiblen Zusammenspiel aus operativer Geschäftsführung und unternehmerischen Kontrollorganen auskennen.

Finanzielle Unabhängigkeit

Reich wird man als Beirat nicht - wer sich für einen solchen Posten interessiert, sollte finanzielle, aber auch geistige Unabhängigkeit mitbringen. Das macht es wesentlich leichter, in kritischen Situationen der Geschäftsführung zu widersprechen.

Großes Netzwerk

Dass Unternehmen Headhunter mit der Suche nach professionellen Beiräten beauftragen, nimmt zu, ist aber noch die Ausnahme. Beiratsposten werden interessierten Kandidaten meist über ihre Netzwerke angetragen. Kontakte entstehen in der Regel über die Empfehlung anderer Unternehmer, der Hausbank, des Wirtschaftsprüfers oder des Steuerberaters.

Ernst Heilgenthal, Leiter des Kölner Büros von Gemini Executive Research, sieht dringenden Nachholbedarf. Aufsichtsräte müssen sich „durch die Zahlenfriedhöfe arbeiten können und dann auch penetrant nachfragen“. Den Wechsel vom operativen Manager zum Kontrolleur mit einer entsprechenden Weiterbildung zu begleiten, hält er für unerlässlich.

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