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06.05.2014

10:20 Uhr

Raufaser-Erfinder Erfurt

„Weitere Baumarkt-Pleiten werden folgen“

VonLisa Hegemann

ExklusivDie Praktiker-Pleite macht dem Familienunternehmen Erfurt zu schaffen. Die beiden Cousins an der Spitze des Raufaserherstellers fürchten den Preisdruck der Baumärkte. Doch nicht nur dort lauern Probleme.

Henrik und Martin Erfurt, die beiden Geschäftsführer des Wuppertaler Unternehmens Erfurt, sind Cousins. Frank Beer für Handelsblatt

Henrik und Martin Erfurt, die beiden Geschäftsführer des Wuppertaler Unternehmens Erfurt, sind Cousins.

WuppertalMartin Erfurt ist ein redseliger Mensch. Nur, wenn es um Unternehmenszahlen geht, wird der Geschäftsführer des Raufaserherstellers Erfurt still. Denn Umsatz und Gewinn sind Daten, die er und sein Geschäftspartner Henrik Erfurt nicht herausgeben.

Die Erklärung dafür ist einfach: Die Cousins, die die Geschicke des Familienunternehmens leiten, fürchten den Druck der großen Baumarktketten. Durch die Pleite von Praktiker hat sich die Situation auf dem Markt noch einmal zugespitzt. Viele der ehemaligen Baumärkte sind verschwunden und damit auch viele Kunden des Familienunternehmens. Die beiden Cousins sehen die Gefahr eines Preisdiktats in ihrer Branche.

Fakten zu Erfurt

Gründungsjahr

Im Jahr 1827 gründete Friedrich Erfurt eine Papierfabrik an der Wupper. Der Fluss bot einen Standortvorteil, weil das Wasser für die Papierproduktion wichtig war. Zudem leitete das Unternehmen dort lange sein Abwasser ab.

Geschichte

1864 entwickelte Hugo Erfurt dann die Raufaser, bis heute ein Herzstück der Erfurt-Produkte. Die Raufaser sollte ursprünglich ein Ersatz für Velour-Papier sein. Wandbelag wurde sie erst viel später. Ihren Siegeszug in den deutschen Wohnzimmern trat sie nach dem zweiten Weltkrieg an. Mit den Jahren wurde Erfurt auch umweltbewusster. Schon lange fließt kein Abwasser mehr durch die Wupper. Auch die Produktpalette hat sich erheblich vergrößert.

Eigner und Führung

Die beiden Cousins Henrik und Martin Erfurt teilen sich die Geschäftsführung der Kommanditgesellschaft. Sie sind beide persönlich haftende Gesellschafter. Bis heute ist zudem der Vater von Martin Erfurt Kommanditist des Unternehmens.

Produkte

Bekannt wurde Erfurt für die Raufaser. Inzwischen entwickelt das Unternehmen aber auch Fototapeten, Dämmungen für die Innenwände und Terrassendielen.

Geschäftsentwicklung

Die Erfurts geben traditionell keine Zahlen bekannt. Über den Gesamtmarkt verraten die beiden Geschäftsführer aber, dass der deutsche und der europäische Markt stagnieren und sich Erfurt mit dem Gesamtmarkt entwickelt. Die Praktiker-Pleite haben die Familienunternehmer ebenfalls zu spüren bekommen. Diese habe im Absatz im zweiten Halbjahr 2013 eine Delle hinterlassen.

Beschäftigte und Standort

Die Vorfahren von Henrik und Martin Erfurt kamen einst aus den neuen Bundesländern und siedelten sich an der Wupper an. Das Unternehmen liegt idyllisch links und rechts des Flusses. Inzwischen beschäftigt Erfurt rund 400 Mitarbeiter.

Schon jetzt seien die Verhandlungen „hart und vielfach keine Freude“, sagt Martin Erfurt im Interview mit dem Handelsblatt. Wenn die Baumärkte nun die Zahlen des Familienunternehmens herausfinden, drohen noch härtere Preiskämpfe. „Praktiker war ein großer Kunde für uns“, erklärt der 54-Jährige. Die Praktiker-Pleite habe eine entsprechende Absatz-Delle im zweiten Halbjahr hinterlassen.

Die beiden Geschäftsführer befürchten, dass die Pleite von Praktiker erst der Anfang war. Im europäischen Vergleich gibt es in Deutschland sehr viele Baumärkte, der Markt gilt als übersättigt. Martin Erfurt geht davon aus, dass „die Konsolidierung im Baumarktbereich noch nicht abgeschlossen“ ist. Er schließt nicht aus, „dass es zu weiteren Betriebsschließungen kommt“. Für die Industrie sei dies „sehr kritisch“, erklärt Henrik Erfurt.

Die Branche floriert derzeit ohnehin nicht – zumindest nicht in Europa. Besonders der Tapeten- und Raufasermarkt in Deutschland ist seit Jahren rückläufig. Auch für das Familienunternehmen Erfurt, das als Marktführer in Deutschland gilt. Deshalb suchen sich die Erfinder der Raufaser neue Märkte – derzeit in Russland. Neben China ist das Land einer der wichtigsten Wachstumsmärkte in der Branche.

Henrik Erfurt, vervollständigen Sie ...

Mein unerkanntes Talent ist ...

... das des land- und forstwirtschaftlichen Unternehmers.

Einen guten Mitarbeiter erkenne ich an ...

... seinen Umgangsformen und seiner Eile.

Schwach werde ich, wenn ...

... Dinge perfekt sind. Perfektion und Leistung sind mein Hobby, sonst nichts.

Niemals outsourcen würde ich ...

... alles, was wir hier machen.

Die wichtigste Lehre aus meinem bisherigen Geschäftsleben ...

... man sieht sich immer mehrfach. Nicht nur zweimal, sondern öfter.

Wenn ich nicht Unternehmer geworden wäre, hätte ich ...

... meine Selbstständigkeit weiterhin bewahrt.

Ich freue mich, wenn ich mit meiner Familie ...

... Werte schaffen kann.

Doch in Russland schießt die Politik dazwischen. Zwar ist Russland derzeit lediglich der fünftgrößte Markt für das Unternehmen aus Wuppertal, trotzdem macht sich die Krim-Krise auch bei Erfurt bemerkbar. Der Wechselkurs des Rubels entwickle sich „nicht eben positiv für uns“, sagt Henrik Erfurt. Durch die Talfahrt der russischen Währung werden die Produkte des deutschen Mittelständlers deutlich teurer für den russischen Kunden. Das Unternehmen setzt trotzdem weiter auf den russischen Markt und hat dort erst vor kurzem eine Werbekampagne gestartet.

Kommentare (2)

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Account gelöscht!

06.05.2014, 12:53 Uhr

Der Tapenverkauf ist rückläufig? Ja, wen wundert das denn? Wer kann es sich denn leisten mal eben 15 Euro für eine Rolle Tapete auszugeben?

Account gelöscht!

06.05.2014, 14:00 Uhr

Hoffentlich als nächstes der Hornbach, die haben Spaß daran jeden Gang zu verstellen, so das man mit dem scheiß ungelenkigen Wagen rum gurken muß. Unübersichtlich und assig sah der in in Hannover Ost auch aus... Furchtbarer Laden!

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