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24.03.2017

09:39 Uhr

Rekrutierung

Voller Einsatz für die zweite Chance

VonMartin Pirkl

In Deutschland gibt es jährlich bis zu 100.000 Studienabbrecher. In Zeiten des Fachkräftemangels stellen Firmen die jungen Menschen ohne Uniabschluss verstärkt ein. Viele von ihnen überzeugen mit hoher Motivation.

Bildungsministerin Johanna Wanka (r.) und Kanzlerin Angela Merkel zu Besuch beim Aachener Projekt Swatch. Rodger Bosch; AFP; Getty Images; VG Bild-Kunst, Bonn 2017

Innovatives Konzept

Bildungsministerin Johanna Wanka (r.) und Kanzlerin Angela Merkel zu Besuch beim Aachener Projekt Swatch.

KölnSein Informatik-Studium an der RWTH Aachen war für den Web-Entwickler Philipp Habrich vor allem mit Frust verbunden. Viel zu trocken fand er den Stoff. Nach zwei Semestern: Abbruch. An der Fachhochschule Aachen lief es erst besser, dann scheiterte Habrich an Mathematik. Nach vier Semestern erneut: Abbruch. „Ich war verzweifelt“, sagt der junge Mann. Habrich stand mit leeren Händen da.

Kurz darauf konnte sich der Studienabbrecher seinen Job praktisch aussuchen. Zwölf Einladungen zu Bewerbungsgesprächen hatte er auf dem Tisch. Was wie ein Wunder wirkt, ist auch das Verdienst des Aachener Projekts Switch, das gezielt Studienabbrecher an Ausbildungsbetriebe vermittelt. „Dass die Resonanz so enorm ist, hätte ich mir nie erträumt.“ Habrich tat nach all dem Uni-Frust das Interesse an seiner Person gut: Er entschied sich für eine Lehre zum Anwendungsentwickler bei der Grün Software AG.

12 Karriere-Mythen

Mit 50 ist man zu alt für die Karriere

Nein! In der Realität gibt es diese Altersschranke oft gar nicht, glaubt Headhunter Marcus Schmidt: „Manche Mandanten suchen sogar explizit Führungskräfte ab 50, weil sie viel Wert auf Erfahrung legen und nicht wollen, dass der Neue gleich wieder weiterzieht.“ Zudem gilt in Deutschland seit 2006 das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz, das eine Diskriminierung aus Altersgründen verbietet.

Seine Erfahrungen hat Schmidt in dem Buch „Die 40 größten Karrieremythen“ niedergeschrieben. Handelsblatt Online hat die spannendsten Zitate ausgewählt.

Ohne Doktortitel geht es nicht

„Die Frage, ob man promovieren soll oder nicht, hängt von der angestrebten Karriere ab“, sagt Schmidt. Denn die Promotion koste immer auch Zeit – in der Diplomanden ein vergleichsweise geringes Gehalt beziehen. „Nicht alle jungen Berater, Anwälte und Wirtschaftsprüfer wollen in einem Unternehmen zum Partner aufsteigen oder erreichen dieses Ziel.“

Eine Top-Karriere macht man nur im großen Konzern

Falsch! Entscheidend für die Karriere sei nicht, bei welchem Unternehmen man arbeite, sondern welche Aufgaben und Entfaltungsmöglichkeiten man habe, sagt Personalberater Schmidt. „Gerade in weniger etablierten Unternehmen gibt es oftmals spannendere und weniger standardisierte Aufgaben als in Großkonzernen“, so Schmidt.

Nur wer sich anpasst kommt weiter

Im Gegenteil: Eigene, gut argumentierte Überzeugungen hält Headhunter Marcus Schmidt für unabdingbar. „Wer nur mitläuft, um ja keinen Fehler zu machen, kann nichts Herausragendes leisten und wird nicht dauerhaft auf sich aufmerksam machen“, so Schmidt. So könne man sich nicht profilieren oder für die nächsten Ebenen empfehlen.

Der MBA ist ein Karriere-Turbo

Die deutsche Wirtschaft zeigt ein anderes Bild: Absolventen hätten sich selten in die Führungsetage hochgearbeitet, sagt Schmidt. Anders als der Doktortitel ist der MBA zudem kein normierter akademischer Grad, seine Vergabe wird also grundsätzlich nicht staatlich geregelt oder kontrolliert. Wer Studiengebühren von bis zu 70.000 US-Dollar auf sich nehme, solle deshalb das Renommee der Schule immer überprüfen.

Ohne Examen gibt es keinen Aufstieg

Muss man heute studieren, wenn man Karriere machen will? Nein, glaubt Headhunter Marcus Schmidt. Und einige prominente Konzernlenker geben ihm recht: Telekom-Chef René Obermann etwa hat sein Studium abgebrochen, und auch Klaus-Peter Müller, bis 2008 Vorstandsvorsitzender der Commerzbank und jetziger Aufsichtsratsvorsitzender, hat nie studiert.

Gehalt ist ein untrüglicher Gradmesser des Karriereerfolgs

Die Position mit Perspektive sei nicht immer die am besten bezahlte, sagt Marcus Schmidt. So könne sich für ein renommiertes Traineeprogramm ein kurzfristiger Gehaltsverzicht durchaus auszahlen - etwa, wenn das ausbildende Unternehmen in seiner Branche als Kaderschmiede gilt.

Ein Auslandsaufenthalt fördert die weitere Karriere

Nicht immer, sagt Headhunter Marcus Schmidt – stattdessen kann der Auslandseinsatz sogar zum Nachteil werden. „Oftmals sind es die Daheimgebliebenen, die dann verbleibende Inlandsposten unter sich aufteilen“. Sie säßen dann auf Stühlen, auf die Auslandsrückkehrer vergeblich spekulieren.

Der erste Job muss der richtige sein

Wer auf standardisierte Einstiegsprogramme in Unternehmen mit hohem Bekanntheitsgrad setze, müsse auch in Kauf nehmen, dass die eigene Berufslaufbahn nachgemacht wirkt, sagt Personalberater Marcus Schmidt. „Gehen Sie eigene Wege. Suchen Sie Ihren Einstieg ruhig gegen den Strich. Probieren Sie etwas aus, was sie wirklich interessiert.“

Karriere macht, wer mehr als 60 Stunden pro Woche arbeitet

Falsch, glaubt Headhunter Marcus Schmidt. Ebenso wichtig wie der tatsächliche Zeiteinsatz sei der gefühlte Zeiteinsatz. Und der definiere sich auch durch die Befriedigung mit der getanen Arbeit. „Wer es schafft, aus seines Arbeit weitgehend Befriedigung zu ziehen, muss auch nicht Karriereschablonen zum persönlichen Zeiteinsatz nachjagen.“

Frauen hindert die „gläserne Decke“ am Aufstieg

Tatsächlich finde sich diese „gläserne Decke“ vor allem in den Köpfen der männlichen Entscheider, glaubt Schmidt. Für weibliche Führungskräfte scheine sie hingegen kein Thema zu sein. „Viele Beratungsunternehmen und große Konzerne bitten uns öfter sogar explizit, nach weiblichen Kandidatinnen zu suchen.“

In der Wirtschaftskrise macht man keine Karriere

„In der Krise wählen Unternehmen bei der Besetzung von Stellen zwar sorgfältiger aus. Aber sie stellen trotzdem noch ein“, ist die Erfahrung von Marcus Schmidt. Gerade in Phasen des Umbruchs gebe es etwa die Chance zur Übernahme von Restrukturierungsjobs, bei denen wirklich die Fähigkeit der Verantwortlichen zählt.

Alle Beteiligten profitieren. Denn Unternehmensvorstand Oliver Grün, zugleich Präsident des Bundesverbandes IT-Mittelstand, schätzt an Studienabbrechern vor allem ihre Einstellung: „Sie sind durch ihre Lebenserfahrung einfach reifer und auch motivierter als die anderen Auszubildenden. Ich habe bislang nur gute Erfahrungen mit Studienabbrechern gemacht“, sagt Grün. Etwa 90 Prozent der Abbrecher übernehme Grün Software nach ihrer Ausbildung.

Jedes dritte Unternehmen in Deutschland hat bereits Studienabbrecher ausgebildet. Bei denen, die es noch nicht getan haben, denken 75 Prozent der Personalchefs darüber nach. Dies ergab eine Umfrage des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) bei 716 Unternehmen unterschiedlicher Branchen. Als „Win-win-Situation“ bezeichnet BIBB-Sprecher Andreas Pieper die Lehrzeit der Ex-Hochschüler: „Die ehemaligen Studenten erhalten die Chance auf einen qualifizierten Berufsabschluss und die Betriebe profitieren von leistungsstarken, mitunter auch schon entsprechend vorgebildeten Bewerbern.“

Die TU Berlin schätzt die Zahl der Studienabbrecher in Deutschland auf 60.000 bis 100.000. Fast jeder dritte Student verlässt die Uni ohne Abschluss, bei Fachhochschulen jeder vierte. Meist folgt große Ratlosigkeit, Gefühle des Scheiterns kommen bei vielen hinzu. Dabei sind die Chancen auf dem Arbeitsmarkt so gut wie nie zuvor – auch eine Folge der guten Konjunktur.

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