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19.03.2006

08:00 Uhr

Rethmann AG & Co KG

Die neuen Barone an der Ruhr

VonC. Schlautmann

Von vielen unbemerkt hat Norbert Rethmann sein Unternehmen zum größten familiengeführten Abfallunternehmen der Welt geformt. Der Aufstieg des Familienbetriebs am nördlichen Rand des Kohlenpotts, wo einst die mächtigen Stahlbarone den Takt vorgaben, vollzog sich ebenso still wie atemberaubend.

Einfahrt zum Rethmann Lippewerk in Lünen. Foto: dpa

Einfahrt zum Rethmann Lippewerk in Lünen. Foto: dpa

HB LÜNEN. Über gewaltige 230 Hektar erstreckt sich das Gelände der Firmenzentrale. Wenn sich Kollegen zum vertraulichen Gespräch verabreden, müssen sie nicht selten mit den weißen Opel-Dienstwagen kilometerweit über das Firmenareal kurven. 1938 errichteten hier vor den Toren des Ruhrgebietsstädtchens Lünen die Vereinigten Aluminiumwerke ihr so genanntes „Lippewerk“, das Anfang der neunziger Jahre seine Wettbewerbsfährigkeit verlor und schließen musste. Heute herrscht auf der einstigen Industriebrache ein Familienunternehmen, das es mit dem Recycling unbrauchbar gewordener Dinge zu Weltgeltung gebracht hat: die Holdinggesellschaft Rethmann AG & Co KG.

Der Aufstieg des Familienbetriebs am nördlichen Rand des Kohlenpotts, wo einst die mächtigen Stahlbarone den Takt vorgaben, vollzog sich bis in die achtziger Jahre ebenso still wie atemberaubend: 1934 erwirbt Josef Rethmann die Firma Brakemper im benachbarten Selm. Das kleine Fuhrunternehmen verfügt über vier Pferde und fünf Pferdewagen, darunter ein Umzugswagen, eine Hochzeitskutsche und ein Leichenwagen. Fünf Jahre später wird der heutige Firmeninhaber Norbert Rethmann als drittes Kind der Familie geboren.

Die Spedition fährt Bier, Pakete, Koffer, Brautpaare. Und sie erhält 1940 ihre ersten Aufträge zur Abfuhr von Abfall – hauptsächlich Schutt und Asche aus den Zechensiedlungen. Nach der Währungsreform 1948 wird die Spedition, die zehn Jahre lang „Spedition Heinrich Brakemper, Inh. Josef Rethmann” hieß, umbenannt. Von nun an heißt sie: „Firma Josef Rethmann”.

Doch bis zu dem heutigen Konzern, der in drei Sparten über 27 500 Mitarbeiter beschäftigt und 4,8 Mrd. Euro umsetzt, ist der Weg noch weit. Den großen Sprung wagt das Unternehmen erst 1982. Rethmann übernimmt Städtereinigungsaktivitäten in Australien, erwirbt die Papierrecyclingfirma Falk in Münster und steigt mit dem Kauf der Firma Plano 1983 in die Kunststoffverwertung ein. 1986 folgt die Datenträgervernichtung, kurz darauf die Krankenhausentsorgung und die Kompostierung. 1989 wird die Familienholding Rethmann AG & Co. gegründet. Anteilseigner sind Norbert Rethmann und seine vier Söhne Klemens, Ludger, Georg und Martin.

1998 gelingt dem Lünener Clan ein weiterer Coup: Von der Mülheimer Stinnes AG übernimmt er den Logistikdienstleister Rhenus. Der Neuerwerb, 1912 als „Badische Actiengesellschaft für Rheinschiffahrt und Seetransport“ gegründet, ist spezialisiert auf den Transport von Gütern, ergänzt jedoch auch – wie etwa beim Rücktransport von pfandpflichtigen Einwegverpackungen – das Recyclingangebot.

Mit 7 400 Mitarbeitern und 1,3 Mrd. Euro Umsatz ist Rhenus die zweitgrößte Sparte des Familienkonzerns, noch vor der Tierverwertungsfirma Saria, deren 3 100 Mitarbeiter im vergangenen Jahr 0,4 Mrd. Euro erwirtschafteten. Mit Abstand die wichtigste Säule des Unternehmens bleibt die Abfall- und Recyclingsfirma Remondis, die bis Ende 2004 noch unter dem Namen Rethmann Entsorgungs AG & Co. KG firmierte. Seit der 70-Prozent-Übernahme des einstigen Wettbewerbers RWE Umwelt vor zwei Jahren halten die Lünener unangefochten die Marktführerschaft in Deutschland. Das in 19 Ländern agierende Unternehmen beschäftigte im vergangenen Jahr über 17 000 Mitarbeiter. Den aktuellen Umsatz beziffert Remondis auf 3,3 Mrd. Euro.

„Wir wollen weiter wachsen“, sagt Remondis-Vertriebschef Herwagt Wilds, „auch international.“ Inzwischen allerdings stößt das Familienunternehmen immer öfter an die Grenzen des Kartellrechts. So musste sich der Abfallentsorger zunächst auf Druck des Bundeskartellamts aus dem Gesellschafterkreis des Grüne-Punkt-Unternehmens Duales System Deutschland (DSD) zurückziehen. Die Teilübernahme von RWE Umwelt, die fast 800 Mill. Euro zusätzlichen Umsatz in den Konzern brachte, genehmigten die Wettbewerbshüter nur noch unter strengen Auflagen. Ohne den Anteilsverkauf bei der börsennotierten Verwertungsgesellschaft Interregio hätten die Lünener auf den Deal verzichten müssen.

Dennoch werde es auch in Zukunft weiter Zukäufe in Deutschland geben, versichert Wilms. Aus wettbewerbsrechtlichen Gründen müsse man allerdings darauf achten, nicht in regionalen Teilmärkten wie Glas-, Papier- oder Kunststoffrecycling über die Schwelle von 33 Prozent zu gelangen.

Ein Großteil des Wachstums kommt für Remondis inzwischen aus dem Ausland, vor allem aus Polen, Tschechien und Ungarn. Markteintritte in Russland und der Ukraine könnten bald schon folgen. „Bei uns gilt die Devise ’follow the customer’“, sagt der Vertriebschef. Zu den Großkunden von Remondis zählen schließlich Konzerne wie Metro und McDonalds, die längst jenseits der deutschen Grenzen einen Großteil ihres Geschäfts betreiben. Nicht zuletzt mit ihrer Unterstützung hat es Remondis zum weltweit größten familiengeführten Müllkonzern gebracht. Allein die vier Wettbewerber Waste Management, Veolia, Suez und Allied Waste können Remondis international noch übertrumpfen. Sie alle aber müssen sich Aktionären an der Börse verantworten.

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