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19.01.2016

14:30 Uhr

Rocket Internet

Samwer und sein Super-Fonds

VonMiriam Schröder

An der Börse läuft es schlecht für Rocket Internet. Also holt sich Firmenchef Oliver Samwer mehr als 380 Millionen Euro von externen Investoren – und kauft sich mit diesem Schritt mehr Zeit.

Rocket Internet sammelt frische Millionen ein. dpa

Oliver Samwer

Rocket Internet sammelt frische Millionen ein.

BerlinEines muss man Oliver Samwer lassen: Der Mann ist gut für Überraschungen. In den letzten Monaten konnte man schon mal den Eindruck gewinnen, der Chef der Start-up-Fabrik Rocket Internet habe den Kopf in den Sand gesteckt, während die schlechten Nachrichten nur so auf ihn niederprasselten: Der Aktienkurs am Boden, der Börsengang der Tochter Hello Fresh verschoben, eine Alternative nicht in Sicht. Mehrere langjährige Mitarbeiter verließen auf einen Schlag das Unternehmen.

Und dann warf auch noch der Aufsichtsratsvorsitzende hin. Lorenzo Grabau, Chef der schwedischen Beteiligungsgesellschaft Kinnevik, größter und treuerster Investor bei Rocket, verließ seinen Posten und wurde ersetzt durch einen Samwer-Vertrauten. Offiziell ließen beide Parteien verlauten, dies sei ein ganz normaler Vorgang, im Hintergrund aber war zu hören, dass es mächtig geknallt habe zwischen Samwer und seinen Geldgebern.

Rocket Internet zündet nicht: Oliver Samwer am Boden

Rocket Internet zündet nicht

Oliver Samwer am Boden

15 Monate nach dem Börsengang wartet Rocket Internet immer noch darauf, endlich abzuheben. Statt mit seiner Start-up-Rakete finanzielle Höhenflüge zu absolvieren, kämpft der Firmenchef zunehmend mit irdischen Problemen.

Und Oliver Samwer sagte zu alledem: Nichts. Vielleicht, weil ihm neben anderen auch sein langjähriger Pressesprecher verloren gegangen ist, vielleicht, weil er eine Antwort plante, die Zeit brauchte.

Und hier ist sie: Rocket Internet legt einen Fonds auf, einen Super-Fonds. Beim ersten Closing sind beachtliche 420 Millionen Dollar (385 Millionen Euro) zusammengekommen. Dadurch habe Rocket nun Zugang zu Kapital im Umfang von 2,1 Milliarden Euro, sagte Samwer – mehr Geld stelle niemand in Europa für Start-ups zur Verfügung, damit steige man international in die erste Liga der Kapitalgeber auf, sagte Samwer. Man rechne fest mit weiteren Zusagen.

Die meisten Fonds würden so eine Information erst rausgeben, wenn die endgültige Summe beisammen ist. Oliver Samwer aber braucht die Nachricht jetzt.

Das Samwer-Imperium

Die Brüder

Marc (Jahrgang 1970), Oliver (1973) und Alexander (1975) wuchsen in Köln auf; sie studierten in Köln, Vallendar, Oxford und Harvard Rechtswissenschaft, BWL und VWL. Heute arbeiten sie in München und Berlin.

Die Beteiligungen

Die Brüder agieren über den Fonds Global Founders Capital (GFC) der den European Founders Fund (EFF) 2013 ersetzte und das mittlerweile börsennotierte Unternehmen Rocket Internet. Der 150 Millionen Euro schwere GFC ist ein Wagniskapitalgeber, der weltweit als Investor auch die Gründung kleiner Unternehmen die nicht im Fokus von Rocket Internet stehen unterstützen soll; Rocket ist der sogenannte Inkubator, also die Beteiligungsgesellschaft, über die die Samwers in Neugründungen von Internet-Start-ups investieren. Über den GFC halten die Samwers auch die Mehrheit an Rocket Internet.

Rocket Internet ging am 2. Oktober 2014, einen Tag nach dem mit Mitteln der Beteiligungsgesellschaft aufgebauten Versandhändler Zalando, an die Börse. Ein Misserfolg: Die zu optimistisch eingeschätzte Aktie verlor noch am ersten Handelstag zweistellig.

Die Erfolge

Angefangen hat ihr Erfolg mit Alando, einem Internet-Auktionshaus nach dem Vorbild des US-Unternehmens Ebay. Es folgte der Klingeltonanbieter Jamba, der Youtube-Klon MyVideo oder der deutsche Groupon-Vorgänger CityDeal. Zwischenzeitlich hatten sie auch Anteile an den Kontaktnetzwerken Facebook und StudiVZ. Als Aushängeschild gilt der mittlerweile Börsennotierte und mit Rocket-Internet-Geld aufgebaute Versandhändler Zalando, an dem die Samwers nach wie vor Anteile über ihren Fonds Global Founders Capital (GFC) halten.

Mit der Gründung von GFC begann eine noch internationalere und aggressivere Investitionsstrategie der Brüder, laut eigenen Angaben hält der Fonds Beteiligungen an über 50 Unternehmen weltweit. Die Brüder verfügen mittlerweile über ein geschätztes Privatvermögen von insgesamt 5,1 Milliarden Dollar.

Die Misserfolge

Die Samwers stehen eigentlich für erfolgreiche Start-ups. Doch Misserfolge gibt es auch bei ihnen. Im August 2014 listet der Autor Joel Kaczmarek in seinem Buch „Die Paten des Internets“ rund 40 Unternehmen auf, die Pleite gegangen sind – darunter Klone wie Ecareer, Dreambookers oder MyBrands.

Die Verkaufsmaschen

Wenn die Samwers etwas verkaufen wollen, setzen sie gerne auf aggressive Werbung. Das klappte sowohl bei Jamba (Stichwort: „Crazy Frog“) als auch bei Zalando („Schrei vor Glück“). Auch bei Investoren treten die drei Brüder, allen voran Oliver Samwer, offensiv auf. So schrieb der mittlere Bruder einst eine Mail an Investoren, in denen er sich und seine Brüder als Gründer des weltgrößten Start-up-Inkubators bewarb und mit lauter wichtigen Namen wie denen einiger bisheriger Investoren um sich schlug.

Die Kritikpunkte

Die Samwers gelten als erfolgreich, aber auch skrupellos – gerade, wenn es um ihre Geschäftsmodelle geht. In den USA werden sie nur „Copycats“ genannt, weil sie die Ideen erfolgreicher Unternehmer ungefragt übernehmen. Auch mit der Konkurrenz gehen sie nicht immer zimperlich um. So soll Rocket Internet auch schon das Angebot anderer Firmen gezielt manipuliert und versucht haben, an deren Kundendaten zu gelangen. Oliver Samwer bestreitet die Vorwürfe.

Der Schachzug ist clever, keine Frage. Der neue Fonds soll eine Laufzeit von zehn Jahren haben. 50 Millionen investiert Rocket Internet, der Rest kommt von Pensionskassen, Asset-Managern, Dachfonds, Versicherungsunternehmen, Stiftungen. Er soll künftig den enormen Kapitalhunger von Rockets Portfolio-Unternehmen stillen, als Co-Investor. In der Finanzbranche würde man sagen: Der Fonds hebelt die Einsätze von Oliver Samwer und seinen Aktionären.

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