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06.01.2010

11:42 Uhr

Schimmel-Insolvenz

Piano Morte – Tod eines Klavierbauers

VonChristine Weißenborn

Der Braunschweiger Klavierbauer Schimmel ist zahlungsunfähig, der vorläufig letzte Firmentod in einer traditionsreichen Branche. Nur wenige Hersteller bleiben noch übrig. Viele dieser Unternehmen begehen das, was Fachleute den „deutschen Fehler" nennen: Ihre Kunst erweist sich nun als Fluch.

Udo Jürgens: Der letzte Musterkunde des traditionsreichen Unternehmens. dpa

Udo Jürgens: Der letzte Musterkunde des traditionsreichen Unternehmens.

BRAUNSCHWEIG. Hannes Schimmel-Vogel träumt im Imperfekt. Von Udo-Jürgens, wie er auf einer Gipfelspitze hockte und klimperte. Im schneeweißen Anzug am Plexiglasflügel, umgeben vom Winterwunderland der Schweizer Alpen. Ein Hubschrauber hatte den Flügel aus dem Hause Schimmel auf den Gletscher gehievt. Jungfraujoch, 3454 Meter. Das Video vom kristallenen Klangwunder ging um die Welt. Seitdem, seit den 80er-Jahren, war der Schlagerstar Schimmel-Fan, die Familie Schimmel Udo-Jürgens-Fan und das Plexiglas-Piano Pegasus ein Weltstar.

„Udo liebt unsere Flügel“, sagt Hannes Schimmel-Vogel und fährt sich durch seinen Schopf, der ein wenig an die Haartracht seines Musterkunden von einst erinnert. Genützt hat es seiner Pianomanufaktur Schimmel aus dem Niedersächsischen nicht. Schimmel-Vogel und sein Unternehmen sind pleite. Die Tradition, die Perfektion, der Ton – das alles hat sie nicht gerettet.

Die deutsche Klavierindustrie röchelt ihre letzten Töne. Schimmel, der Klavierbauer aus Braunschweig, Tradition seit 124 Jahren, ist einer der letzten, die nun zahlungsunfähig sind. Ihm ist passiert, was zuletzt vielen deutschen Traditionshäusern widerfahren ist: Tod durch zu viel Geschichte und zu wenig Zukunft. Zu lange haben sie sich an dem Glauben berauscht, ein über Dekaden erfolgreiches Produkt und ein guter Name garantierten Erfolg bis in alle Ewigkeit.

Der nächste Tod eines Klavierbauers, der nächste Exitus einer deutschen Traditionsmarke. Denn die Klavierbranche ist nur ein Satz eines Requiems, das durch den Konzertsaal der Deutschland AG donnert. Märklin, Rosenthal, Schiesser, Quelle, Escada beispielsweise sind gestorben. Viele von ihnen aus dem gleichen Grund.

Verdrängung statt Realitätssinn

„Schimmel hätte schon vor langer Zeit prüfen müssen, wie sie mit dieser Kernkompetenz von gutem Klang auch in andere Bereiche gehen können“, sagt Matthias Simon, Gründer des Instituts für Markenwert. Schimmels Fehler, sagt Simon, sei ein „typisch deutscher“.

Statt Geschäftsstrategien zu ersinnen, hätten sich Unternehmen wie Quelle und Rosenthal im Glanze der Vergangenheit gesonnt und darüber den Kunden vergessen. Die deutschen Klavierbauer sind ein besonderer Fall. Von den mehreren Hundert Pianofabriken, die im 19. Jahrhundert das Bildungsbürgertum versorgten, ist nur ein Dutzend übrig geblieben, Firmen wie Steinway, Blüthner oder Grotrian-Steinweg. Sie halten sich nur noch mit Mühe am Markt. Im vergangenen Jahr taumelten Seiler aus Franken und die Leipziger Pianoforte in die Insolvenz, im Jahr davor war es Ibach, die älteste Klavierfabrik der Welt. Nun also Schimmel.

Kommentare (13)

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Jonas

06.01.2010, 18:11 Uhr

Die Zukunft verpennt, klar, aber in anderer Form:
Kluge Leute greifen zum elektronischen Piano, das erreicht inzwischen die Qualität echter Geräte, ist leichter tragbar, per Kopfhörer leise für die Nachbarn, muss nicht nach jedem Transport neu gestimmt werden und kann vor allem Dutzende echter Tasteninstrumente emulieren.
Das kauft die kluge Mittelschicht zum Üben für ihre Kinder, und der Musiker der von bühne zu bühne reist.
Das macht Yamaha inzwischen (die auch mit dem Metallstäbchenklavier innovativ waren).
Das Schimmel ist höchstens für seinen dreckigen Klang berühmt
http://www.imperfectsamples.com/website/samples/braunschweig/braunschweiguprightpiano.php
Wer den Fortschritt verpennt, wird von der Marktwirtschaft überholt.

Expatriate

07.01.2010, 09:20 Uhr

Aber ja lieber Jonas: Deshalb spielt die gesamte Elite der Pianisten ausnahmslos auf herkömmlichen Pianos von boesendorfer oder Steinway - weil das elektronische Piano sooo viel besser ist.
Und Generationen von Klavierspielern waren einfach zu dumm, den "dreckigen" Klang von Schimmel zu bemerken.
Jonas, Du bedarfst ohrenärztlicher Hilfe, echt!

R.Brugger

07.01.2010, 13:09 Uhr

Sehr geehrte Damen und Herren,
ich hätte mir vom Handelbaltt erwartet, dass bekannt ist, dass ESCADA nicht gestorben ist- sondern mit neuem besitzer sehr gut aufgestellt ist und weiterlebt! Schade das durch die Presse Unternhemen "Tod" berrichtet werden!
Grüße aus München
R. brugger

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