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12.05.2017

11:14 Uhr

Solarbranche

Solarworld-Pleite trifft auch das Handwerk

VonHannes Putfarken und Katharina Schramm

Die Insolvenz von Solarworld trifft nicht nur Mitarbeiter und Anleger hart. Auch viele Handwerker, die Produkte der Firma einsetzen, müssen gravierende Folgen fürchten. Die Branche sieht in der Pleite aber auch Chancen.

Die Unternehmen sind auf die Bereitschaft der Kunden angewiesen, sich auf Neuverhandlungen einzulassen. Reuters

Handwerker montieren Solarpaneele

Die Unternehmen sind auf die Bereitschaft der Kunden angewiesen, sich auf Neuverhandlungen einzulassen.

DüsseldorfAm Donnerstag hat Solarworld, Deutschlands letzter großer Solarkonzern, seinen Insolvenzantrag eingereicht. Das Unternehmen konnte mit der chinesischen Konkurrenz im Preiskampf nicht mithalten. Solarworld schrieb im ersten Quartal des Jahres einen Vorsteuerverlust von 18 Millionen Euro. Zwar trifft die drohende Insolvenz zuerst die Aktionäre und die rund 3000 Mitarbeiter – aber auch für das Handwerk ist sie bitter.

Besonders für Elektriker und Dachdecker, aber auch für das Sanitär-, Heizungs- und Klimahandwerk ist mit wirtschaftlichen Folgen zu rechnen. Diese sind nach Angaben von Bernd Redecker vom Dachdeckerverband Nordrhein im Einzelfall nicht zu unterschätzen.

Aufstieg und Fall von Solarworld

1998

Der Diplom-Landwirt Frank Asbeck gründet die Solarworld AG.

2000

Unter der rot-grünen Bundesregierung wird das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) beschlossen. Der Ausbau von Solar- und Windkraftanlagen wird mithilfe üppiger Förderungen stimuliert. Asbecks Solarmodule werden über Nacht zum Verkaufsschlager.

2005

„Weitere Siliziumversorgung gesichert“, meldet Solarworld. Der rasant wachsende Ökostromkonzern vereinbart den ersten von insgesamt vier langfristigen Lieferverträgen mit dem US-Siliziumhersteller Hemlock Semiconductor.

2007

Solarworld entwickelt sich zum neuen Börsenstar. Der damals im TecDax notierte Ökokonzern wird mit 4,6 Milliarden Euro bewertet.

2008

Die Unternehmensberatung Bain & Company kürt Solarworld zu „Deutschlands wachstumsstärkstem Unternehmen“. Als Opel in Turbulenzen gerät, bietet Firmenchef Asbeck an, den kriselnden Autokonzern zu übernehmen. Dabei gerät Solarworld langsam selbst unter Druck.

2011

Solarworld rutscht tief in die roten Zahlen, schreibt mehr als 300 Millionen Euro Verlust. Die zunehmende Billig-Konkurrenz aus Asien und gedrosselte Subventionen setzen dem Bonner Konzern massiv zu.

2012

Solarworld stellt alle Überweisungen an Hemlock ein. Schlichtungsversuche mit dem US-Konzern scheitern.

2013

Solarworld ringt ums Überleben. Die Aktionäre verzichten auf 95 Prozent ihres Kapitals, um den Fortbestand des Konzerns zu sichern.

2016

Solarworld reißt mit Gläubigern vereinbarte Unternehmenskennzahlen. Das Geld wird knapp, die Schulden explodieren. Die wirtschaftliche Situation der Firma bewertet der Vorstand nun als „sehr schwierig“.

2017

Der Aufsichtsrat kommt Mitte Januar zu einer Krisensitzung zusammen. Die Lage ist dramatisch. Der Vorstand präsentiert einen letzten Rettungsplan. Jede zehnte der 3000 Stellen des Unternehmens soll gestrichen werden. Solarworld will sich nur noch auf die Herstellung von hochqualitativen Produkten fokussieren.
Am 10. Mai kommt der Vorstand der Solarworld AG zu der Überzeugung, dass „keine positive Fortbestehungsprognose“ mehr für das Unternehmen besteht. Deutschland letzter Photovoltaikriese muss Insolvenz beantragen.
Am 1. August eröffnet das Amtsgericht Bonn offiziell das Insolvenzverfahren. Solarworld-Gründer Frank Asbeck will mit Partnern die Fabriken in Thüringen und Sachsen übernehmen.

Die Installateure treten in der Regel in Vorleistung beim Hersteller. Wird zum Beispiel wegen Insolvenz nicht geliefert, sind sie zudem auf den guten Willen der Kunden angewiesen. Rechtlich haben diese Anspruch auf Einbau der vertraglich bestellten Solarmodule. Das bedeutet: Kann ein Solarhersteller die Lieferung nicht leisten, entsteht für die Handwerker schnell eine Schadenersatzpflicht.

Handwerker und auf Solarinstallation spezialisierte Betriebe sind also auf die Bereitschaft der Kunden angewiesen, sich auf Neuverhandlungen einzulassen. Was viele nicht wissen: Die Solarhersteller selbst sind dabei meist fein raus. Auch Solarworld hat sich abgesichert. Ansprüche des Bestellers auf Schadenersatz wegen Nichterfüllung aufgrund Unmöglichkeit sind auf 10 Prozent des Wertes beschränkt.

Solarworld-Chef Frank Asbeck: Das Ende des Sonnenkriegers

Solarworld-Chef Frank Asbeck

Premium Das Ende des Sonnenkriegers

Mit der Solarworld-Pleite verliert die deutsche Photovoltaikbranche ihre schillerndste Figur: Frank Asbeck war Ökopionier, Subventionsritter, Chinesen-Schreck. Doch es wäre kaum zu glauben, dass es leise um ihn wird.

Die Auswirkungen auf das deutsche Handwerk beurteilt Redecker dennoch als moderat: Zum einen seien die Branchen, die mit Solarenergie zu tun haben, ausreichend breit aufgestellt. Zum anderen sind die Photovoltaikanlagen von Solarworld im Verhältnis extrem teuer. Die meisten Betriebe bezogen die Technik daher ohnehin bei der asiatischen Konkurrenz – trotz Schutzzöllen.

Hinzu kommt: Die Solaraufträge werden wohl in Zukunft nicht ganz wegbrechen. „Auch wenn die Branche unter einem starken Wettbewerbsdruck steht, ist es nicht so, dass die deutsche Solarindustrie am Ende ist“, so Detlef Neuhaus, Geschäftsführer der Solarwatt GmbH. Seine Firma hat einen anderen Weg als Solarworld eingeschlagen und investiert seit Jahren viel in Forschung und Entwicklung neuer hochwertigerer Solarmodule.

Richtig ist auch, dass Solarworld vor allem im Massenmodulmarkt aktiv war. Möchten Kunden individuelle Solarlösungen, können Sie diese auch bei kleineren Anbietern im Premiumsegment kaufen. Carsten Körnig, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands Solarwirtschaft, sieht darin eine große Chance: „Deutschland verfügt aber weiterhin über erfolgreiche Unternehmen entlang der gesamten Wertschöpfungskette.“ Bund und Länder sollten sich nun engagierter für einen Erhalt von Produktions- und Forschungsstruktur einsetzen.

Deutschland habe die Energiewende maßgeblich auf den Weg gebracht, so Körnig. Die damit verbundenen wirtschaftlichen Chancen sollten jetzt nicht aus der Hand gegeben werden.

Kommentare (6)

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Herr Marc Hofmann

12.05.2017, 11:47 Uhr

Die gesamte "Grüne Energiebranche" wird noch in die Insolvenz kommen. Aus dem einfachen Grund, weil Wind und Sonne nicht marktfähig sind. Genauso ist ein E-Auto gegenüber einen Diesel und Benziner nicht marktfähig.
Hier werden Subventionen des Deutschen Staates = Zwangsabgaben und Steuern an den Bürger für die sog. Energiewende (Erneuerbare Energiebranche) zum Fenster hinausgeworfen. Mit der Folge, das nicht nur unsere marktfähige Spitzentechnologie der Kernkraft diesen Grünen Wahnsinn (markftfeindlichen und wissenschaftfeindlichen = Innovations- und Fortschirttfeindlichen) zum opfer fällt sondern auch die anderen Kraftwerke von Kohle und Gas.  Beitrag von der Redaktion editiert. Bitte bleiben Sie sachlich.

Herr Franz Giegl

12.05.2017, 12:00 Uhr

bitte mehr Subventionen für Solarindustrie, diese Industrie ist doch das ALLER ALLER ALLER beste was uns jemals passieren konnte in Deutschland.

*Ironie off*

Herr J.-Fr. Pella

12.05.2017, 12:03 Uhr

Nur Leute, die noch n i e eine Pleite erleben mußten, können in einer Pleite eine Chance sehen!
Nur schwachsinnige Politiker und deren Beamtenklientel können solchen
Müll verbreiten.
Lieber Hergott, laß bitte H I R N regnen.

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