Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

09.08.2013

15:47 Uhr

Suhrkamp-Sachwalter

„Das Problem sind die Streitereien der Gesellschafter“

VonDana Heide

„Großer Werbeeffekt“: Der Fall des Traditionsverlags Suhrkamp wirft ein Schlaglicht auf das neue Insolvenz-Recht. Sachwalter Rolf Rattunde erklärt, warum das Verfahren dem Unternehmen aus der Pleite helfen könnte.

Rolf Rattunde, Berliner Insolvenzrechtsexperte und Sachwalter beim Suhrkamp-Verlag.

Rolf Rattunde, Berliner Insolvenzrechtsexperte und Sachwalter beim Suhrkamp-Verlag.

DüsseldorfEs ist eines der Aufsehen erregendsten Sanierungsverfahren in der deutschen Unternehmensgeschichte: Der traditionsreiche Suhrkamp-Verlag ist seit Mittwoch offiziell in der Insolvenz. Das Unternehmen hat vorher an dem erst seit März 2012 bestehenden Schutzschirmverfahren teilgenommen. Teil dieses neuen rechtlichen Konstrukts ist es, dass die Geschäftsführung die operativen Geschäfte selbst weiterführen darf und für den Insolvenzplan verantwortlich ist. Oft holt sich das Unternehmen dazu einen Insolvenzrechtsexperten mit an Bord, im Fall von Suhrkamp der Rechtsanwalt Frank Kebekus. Beaufsichtigt werden die Geschäfte während des Schutzschirmverfahrens und auch später während des Insolvenzverfahrens durch einen Sachwalter. Im Fall von Suhrkamp ist das Rolf Rattunde, Berliner Insolvenzrechtsexperte.

Herr Rattunde, in einem Schutzschirmverfahren darf die Geschäftsführung den Sachwalter selbst bestimmen – warum meinen Sie, fiel die Wahl auf Sie? Hatten Sie schon vor dem Schutzschirmverfahren eine Verbindung zu Suhrkamp?

Ich bin seit 30 Jahren im Insolvenzrecht tätig, es wäre seltsam, wenn ich jemandem wie den als Generalbevollmächtigen bei Suhrkamp eingesetzten Insolvenzrechtsspezialisten Frank Kebekus nicht kennen würde. Aber ich habe keine Verbindung zum Unternehmen Suhrkamp, falls Sie das meinen, außer dass ich das eine oder andere Suhrkamp-Buch gelesen habe. Und das ist auch eine wichtige Voraussetzung um als Sachwalter ernannt zu werden: Man muss unabhängig sein.

 

Warum haben Sie das Verfahren angenommen?

Natürlich hat es einen großen Reiz, an der Sanierung eines so traditionsreichen deutschen Unternehmens beteiligt zu sein. Der Fall ist aber auch deshalb besonders spannend, weil erstmalig ein Insolvenzverfahren dazu genutzt wird, um ein gesellschaftsrechtliches Problem zu lösen.

 

Bei Suhrkamp gibt es bereits seit Jahren heftigen Streit unter den Gesellschaftern. Zuletzt setzte der Gesellschafter Hans Barlach vor dem Frankfurter Landgericht durch, dass ihm eine Gewinnausschüttung aus dem Jahr 2010 von 2,2 Millionen Euro ausgezahlt werden muss – dabei ist der Verlag ohnehin schon überschuldet.

Alle Experten sind bei der Prüfung übereingekommen, dass das Problem von Suhrkamp nicht das Geschäftsmodell ist, sondern die Streitereien der Gesellschafter. Der Streit mit den Gesellschaftern hat ja nichts mit der Qualität des literarischen Programms zu tun – die ist unbestritten. Bisher war es aber nicht möglich, eine Problemlage, die aus der Gesellschafterebene resultiert, in einem Insolvenzverfahren zu lösen. Das ist mit dem neuen Gesetz zum Schutzschirmverfahren vom März 2012 nun möglich.

 

Beim alten Sanierungsrecht hatte man da keine Möglichkeiten?

Nein. Wir konnten beim alten Insolvenzrecht Schulden beseitigen, aber wir konnten keine Probleme lösen, die aus der Gesellschafterstruktur resultieren.

 

Was bedeutet das im Fall von Suhrkamp konkret?

Das Insolvenzverfahren wird nun dazu genutzt, die Kommanditgesellschaft, also eine Personengesellschaft, in eine Aktiengesellschaft umzuwandeln.

Was hat das für Vorteile für den Verlag?

Das hat zweierlei Vorteile: Die Reibung unter den Gesellschaftern ist naturgemäß bei Kapitalgesellschaften geringer als bei einer Personengesellschaft, die nur aus zwei Personen besteht. Zum anderen sind die Einflussmöglichkeiten des einzelnen Gesellschafters auf das operative Geschäft wesentlich geringer. Der Vorstand einer Aktiengesellschaft wird auch nicht durch die Gesellschafter, sondern durch den Aufsichtsrat überwacht.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×