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07.07.2016

09:16 Uhr

TCV investiert in Brillen.de

Silicon-Valley-Investor steigt in Deutschland ein

VonMiriam Schröder

Das Start-up Brillen.de erhält 45 Millionen Dollar von einem der führenden Risikokapitalgeber aus dem Silicon Valley. Für TCV sind die Optiker das allererste Investment in Deutschland.

Das Start-up leitet sie die Kunden, die sie online anwerben, an ein Partnergeschäft in der Offline-Welt weiter. Imago

Brillen

Das Start-up leitet sie die Kunden, die sie online anwerben, an ein Partnergeschäft in der Offline-Welt weiter.

BerlinFür so einen Investor würden viele Gründer ihre Seele verkaufen: Technology Crossover Ventures (TCV) ist einer der größten Risikokapitalgeber im Silicon Valley. Der Fonds ist an prominenten Unternehmen wie Facebook oder Linkedin beteiligt. Jetzt investiert TCV erstmals in Deutschland: Die Kalifornier stecken 45 Millionen Dollar in Brillen.de, ein Start-up aus Wildau bei Berlin.

Begonnen hat alles in Bayern. In Bayreuth führten Matthias Kamppeter und seine Frau Christine ein Optik-Fachgeschäft. Der Laden lag im Erdgeschoss, darüber hatte Kamppeters Vater, ein Augenarzt, seine Praxis. „Die Patienten kriegten oben ihr Rezept und kauften unten bei uns ihre Brille. Der Preis spielte keine Rolle, wir waren so was wie die Apotheke“, erzählt Kamppeter. Bis die Krankenkassen die Zuzahlung für Sehhilfen strichen. Von da an mussten die Optiker zusehen, wie ihre Kunden zu Ketten wie Fielmann oder Apollo abwanderten.

Die 10 besten Ratschläge für Unternehmer

Hab Spaß

„Das Leben ist ein Marathon und kein Sprint“, sagt Thorsten Reiter, dessen Buch „Start up – Jetzt! Endlich loslegen und es richtig machen“ gerade im Campus-Verlag erschienen ist. Genauso verhält es sich auch mit dem Bestreben als Unternehmer. Reiter: „Wer lange durchhalten will, sollte Spaß an der Sache entwickeln, der er täglich nachgeht, und vor allem daran, wie er es tut.“

Glaub an dich

Unternehmer sollten sich laut Reiter darauf konzentrieren, ihre Marke auszubauen sowie ihre Arbeit zu erledigen, und aufhören, über sich und ihr potentielles Versagen nachzudenken. „Wenn sie eines Tages scheitern, werden sie es schon merken und haben genug Zeit, im Nachhinein darüber nachzudenken.“

Glück ist eine Einstellungssache

„Jeder Gründer sollte sich entscheiden, stets Glück zu haben“, rät Thorsten Reiter. Seiner Lebensphilosophie nach liegt es in den eigenen Händen, Glück zu haben. Dabei ist für den Gründer-Experten genauso richtig, dass jeder einzelne der Herr seines Schicksals ist wie der Glaube daran, dass alles, was wir erleben, durch etwas oder jemanden vorherbestimmt ist.

Versuchen ist gut, machen ist besser

Reiter rät jungen Unternehmern nicht zu „entscheiden“, wann sie gescheitert sind. „Scheitern passiert und es bleibt keine andere Wahl, als das Scheitern zu akzeptieren und daraus zu lernen.“ Getreu dem Motto von Meister Yoda in Star Wars: „Do or do not. There is no try!“.

Nutze alle Ressourcen

Haben Sie Spaß daran, Teil von etwas zu sein und nutzen Sie das für sich. Als Unternehmer erhalten Sie Zugang zu Ressourcen, für die man sonst große Summen bezahlen müsste. Reiter: „Ein Marketingplan-Wettbewerb an einer lokalen Hochschule beispielsweise gibt der Einrichtung sowie ihren Studierenden Stoff, um sich weiter zu qualifizieren“, und Ihnen als Unternehmer einen enormen Pool an neuen Ideen.

Manchmal hilt nur: Zähne zusammenbeißen!

Jungunternehmer sollten sich schnell daran gewöhnen, die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit nicht nur auszutesten, sondern sie regelmäßig zu überschreiten. Thorsten Reiter: „Nur so können sich Gründer und Erfolgssuchende sicher sein, wo sie verlaufen.“ Und: „Im gemütlichen Nine-to-Five-Sessel lassen sich keine Märkte revolutionieren und keine Konsumentenerfahrungen erschaffen, die zu wahren Ereignissen im Leben der Kunden werden.“

Gib dein Wissen weiter

Behalten Sie niemals die Dinge, die Sie auf Ihrem Weg gelernt haben, für sich. Teilen Sie, wann immer sie können, lautet die Empfehlung des Start-Up-Experten Reiter. Halten Sie also Vorträge, geben Sie Workshops oder seien sie selbst ein Mentor für andere Entrepreneure. Reiter: „Dadurch wird auch der Gründer selbst besser, versteht seine Herangehensweisen und erhöht sein Exposure.“

The winner shares it all

Steuern Sie auf Ihrem Weg gezielt Win-Win-Win-Effekte an und ermöglichen Sie es so einer größeren Anzahl von Menschen, sich mit Ihrer Idee und der Sache, für die Sie stehen, zu identifizieren. Keine Angst, das bedeutet nicht, dass Sie etwas vom Kuchen abgeben müssen; es bedeutet, so Reiter, dass alle am Ende mehr haben. Wenn jemand also einen WLAN-produzierenden Baum entwickeln würde, wäre der zusätzliche Klimafaktor solch ein Effekt.

Verändere das Spiel der Könige

Was hat Unternehmertum mit Schach zu tun? Reagieren Sie im Business nicht nur auf die Züge des Gegners, sondern gehen Sie einen Schritt weiter über die Grenzen des Bretts hinaus, rät Thorsten Reiter. So werden die Regeln des Spiels neu definiert, das Feld wird erweitert und die Möglichkeiten sind plötzlich unzählig. Wer als Unternehmer gelernt hat, das Spiel zu durchschauen, hält einen Trumpf in der Hand, der die Konkurrenz ins Chaos stürzen kann. Reiter: „Manchmal ist ein vermeintlich irrationaler Zug der entscheidende Schlag, und was von außen wie Chaos erscheint, ist lediglich die strategische Wendung hin zum eigenen Competitive Advantage und ein echter Game Changer.“

Finde deine Antworten

Sind Sie ein Unternehmer? Haben Sie den Mut dazu, Ihr Leben – egal ob angestellt oder selbstständig – nachhaltig zu verändern? Ist das der richtige, der einzige Weg? Diese Fragen möchten Thorsten Reiter jedem potentielen Gründer mit auf den Weg geben, denn er kann lediglich Denkanstöße geben. Die Antworten darauf muss jeder für sich selber finden. Reiter: „Ob du ins Abenteuer Unternehmertum aufbrechen wirst, ob diese Reise für dich bestimmt ist, kannst nur du selbst sagen. Nur du kannst diese Antworten geben.“

Und dann kam auch noch das Internet. Mit den Preisen konnte ein inhabergeführtes Geschäft in Innenstadtlage kaum noch mithalten. 2012 gründeten Kamppeter und sein Schulfreund Daniel Thung Brillen.de – zunächst mit privatem Kapital. Weil sie in Bayern keine weitere Unterstützung fanden, zogen sie nach Wildau in Brandenburg, wo ihnen die mittelständische Beteiligungsgesellschaft ein erstes Investment zur Verfügung stellte.

Anders als Online-Optiker wie Mr Spex oder Brille24 handelt Brillen.de nicht nur mit Sehhilfen, sondern produziert selbst welche – in Schanghai, wo ein weiterer Mitgründer eine Fabrik besitzt. „Indem wir selbst herstellen, umgehen wir die üblichen Vertriebsstufen und können so deutlich günstigere Preise anbieten“, erklärt Kamppeter. Der Fokus liegt auf teuren Gleitsichtgläsern.

Anders als der Name vermuten lässt, verkauft Brillen.de seine Produkte auch nicht im Internet. Stattdessen leiten sie die Kunden, die sie online anwerben, an ein Partnergeschäft in der Offline-Welt weiter, das die Messungen beim Kunden vornimmt und die Daten nach Schanghai weiterleitet. Von dort kommen die Brillen per Flugzeug nach Deutschland und dann per Post in die Filiale, wo sie vom Optiker angepasst werden. 700 Optiker in Deutschland sind bereits an das Netz von Brillen.de angeschlossen, weitere 200 sind es in Spanien, Großbritannien und Portugal.

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„Brillen.de hat ein einzigartiges vertikal-integriertes Multi-Channel-Konzept, zahlreiche Wachstumsmöglichkeiten und ein exzellentes Führungsteam mit langjähriger Erfahrung im Bereich der Augenoptik“, sagt John Doran, Partner bei TCV. Mit dem neuen Kapital will Brillen.de seine bestehenden Märkte erweitern und in andere, zunächst europäische Länder expandieren. Langfristig ist auch der Markteintritt in den USA geplant. Zudem sollen demnächst auch Kontaktlinsen produziert werden.

Die Super Vista AG, so heißt das Unternehmen hinter brillen.de, arbeitet nach Kamppeters Angaben seit dem Geschäftsjahr 2013 profitabel. Nach Meinung von Patrice Deckert, Partner bei Digital Capital Advisors Europe (DCA), die den Deal begleitet haben, dürfte dieser Fakt nicht unwesentlich zu der Entscheidung von TCV beigetragen haben. Matthias Kamppeter sei nicht einer dieser BWL-Typen, die sich für drei Jahre auf ein fremdfinanziertes Projekt stürzen, um dann weiterzuziehen. „Er kennt sich aus in der Branche, ist für die Optiker ein vertrauenswürdiger Partner“, sagt Deckert. Dadurch, dass er lange Zeit nur sein eigenes Geld zur Verfügung hatte, wisse der Gründer, das Kapital umsichtig einzusetzen. Denn: „Er hat am eigenen Leib erfahren, was es heißt, wenn ein Geschäft mal super und dann wieder gar nicht gut läuft.“

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