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03.07.2011

16:33 Uhr

Traditionsfirma Wegener

Deutschlands älteste Hutfabrik kennt kaum Konkurrenz

VonChristoph Kapalschinski

Drei Hutfabriken gibt es heute nur noch in Deutschland. Die älteste ist die von Hans Theodor Wegener. Nur der ständige Wandel am Markt sichert der Traditionsfirma ihr Überleben.

Fabrikation der Firma Hut Wegener im osthessischen Lauterbach: Als letzte Firma in Europa produziert sie noch industriell Zylinder. Quelle: dpa

Fabrikation der Firma Hut Wegener im osthessischen Lauterbach: Als letzte Firma in Europa produziert sie noch industriell Zylinder.

LauterbachGenau genommen ist Gottlieb Daimler schuld daran, dass Hans Theodor Wegener heute ein Nischenprodukt herstellt. Denn Autofahrer tragen keinen Hut. Deshalb kennt Wegener in Deutschland kaum noch Konkurrenz. Ihm gehört die älteste Hutfabrik Deutschlands. Zum Kriegsende gab es noch 53 Hutfabriken, heute sind es gerade noch drei.

Das Backsteingebäude mit den Sprossenfenstern im hessischen Lauterbach strahlt Geschichte aus. Hinter der Fassade stehen Maschinen, für die es keine Ersatzteile mehr gibt. An ihnen rauen die vier verbliebenen Arbeiter in der deutschen Produktion die Oberflächen der Hüte auf. Längst verstorbene Tischler haben die Holzformen gemeißelt, auf denen aus den Haaren jeweils dreier Kaninchen ein Filzzylinder entsteht. Unter angewärmten Sandsäcken trocknen fast fertige Modelle. Leise klingt das Rauschen der Lauter durch die Werkstatt, des Bachs, der seit 1885 die Wasserturbine der Wegener Hutfabrik antreibt, die den Strom für die Produktion liefert.

Wegeners Betrieb sieht aus, als habe er den Wandel der Zeit verpasst. Tatsächlich ist das 196 Jahre alte Familienunternehmen jedoch eine typische mittelständische Traditionsfirma, die nur durch ständigen Wandel am Markt besteht.

Bestes Beispiel: Wegener hat in den vergangenen vier Jahren Lizenzen erworben, um seine Kopfbedeckungen auch unter begehrten Modemarken anbieten zu können. Das sichert ihm heute den Gewinn. Gut ein Viertel des Umsatzes kommt bereits von Mützen und Hüten, auf denen Baldessarini, Bugatti oder Bruno Banani steht. Dieser Umsatzanteil ist profitabler als das angestammte Geschäft, weil Wegener für die Lizenzprodukte höhere Preise verlangen kann. „Mit einer Marke bloß für Accessoires kannst du nichts erreichen“, sagt Wegener.

Naja, fast nichts: Immerhin verkauft Wegener immer noch viele traditionelle Hüte unter der eigenen Marke über Fachgeschäfte. Die klassische Prinz-Heinrich-Mütze aus dem Norden etwa. Oder spezielle Trachtenmützen, die nur Menschen aus der Gegend um Tölz tragen wollen. Oder Zylinder für Reiter, regenfeste Mützen für alle Förster mehrerer Bundesländer und Polizeimützen. Die seltenen Modelle kommen aus der alten Fabrik in Lauterbach. Die Massenware wie Wintermützen, Baseballcaps und Strohhüte lässt Wegener schon seit den 70er-Jahren im Ausland fertigen, vor allem in China. Zwei- bis dreimal im Jahr fliegen seine Mitarbeiter dorthin. „Wir kennen diese Leute seit 25 Jahren“, sagt Wegener. Hinzu kommt ein Werk in Polen mit 220 Mitarbeitern, das Wegener zwar nicht gehört, in das er aber eigene Maschinen gestellt hat.

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