Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

17.06.2014

08:00 Uhr

TV-Kritik „Die Story“ zu IHKs

„Wir bezahlen für nichts und wieder nichts“

VonBastian Benrath

Mauschelei, fehlende Kontrolle, offene Korruption: Der WDR serviert eine schnörkellose Reportage, die die Probleme des Kammern-Systems in der deutschen Wirtschaft angreift. Eine Schwäche hat die Doku allerdings.

Gebäude einer Industrie- und Handelskammer (IHK): „Die Story“ im WDR brachte gut recherchierte Fakten, dramaturgisch aufgearbeitet. dpa

Gebäude einer Industrie- und Handelskammer (IHK): „Die Story“ im WDR brachte gut recherchierte Fakten, dramaturgisch aufgearbeitet.

DüsseldorfVor einigen Wochen sorgte RTL mit seinem Investigativ-Format „Team Wallraff“ für Schlagzeilen. „Eine unwahrscheinliche TV-Erfolgsgeschichte“ hieß es, oder sogar „das kann einem fast den Glauben ans Fernsehen wiedergeben“. Der WDR präsentierte am Montagabend mit „Die Story“ das unprätentiöse Gegenstück zu Wallraffs Krawall-Programm: Gute Recherche, schnörkellos auf den Punkt gebracht. Denn, ob man es glaubt oder nicht: Die Öffentlich-Rechtlichen müssen nicht erst ein Investigativ-Format erfinden, um Journalismus machen zu können.

Es ging um das System der Kammern – Industrie-, Handels- und Handwerkskammern, die in Deutschland die Hoheit über zahlreiche Berufsstände innehaben. Handwerker und Unternehmer müssen ihnen zwangsweise angehören, wollen sie in ihrem Beruf arbeiten. Mit der Mitgliedschaft kommt der Gebührenbescheid.

Wie klar wurde, kostet dieses System nicht nur gerade Kleinunternehmern viel Geld, sondern produziert auch Korruption. Angesichts der immensen wirtschaftlichen Macht der Kammern - jeder Gewerbetreibende in Deutschland ist etwa verpflichtet, Mitglied einer IHK zu sein -, ein nicht zu unterschätzender Missstand.

Größte IHKs und ihre Beitragsmillionen

Platz 10 – Bielefeld

Mitglieder: 108.744

Gesamterträge: 15,48 Millionen Euro

Angaben für das Jahr 2012, Quelle: DIHK
Gesamterträge = Betriebserträge zzgl. Zins-, Beteiligungs- und Wertpapiererträge sowie außerordentliche Erträge

Platz 9 – Augsburg

Mitglieder: 128.246

Gesamterträge: 25,42 Millionen Euro

Platz 8 – Nürnberg

Mitglieder: 144.715

Gesamterträge: 34,66 Millionen Euro

Platz 7 – Münster

Mitglieder: 148.322

Gesamterträge: 22,3 Millionen Euro

Platz 6 – Köln

Mitglieder: 148.500

Gesamterträge: 37,83 Millionen Euro

Platz 5 – Hannover

Mitglieder: 159.043

Gesamterträge: 28,4 Millionen Euro

Platz 4 – Stuttgart

Mitglieder: 159.085

Gesamterträge: 40,27 Millionen Euro

Platz 3 – Hamburg

Mitglieder: 167.370

Gesamterträge: 47 Millionen Euro

Platz 2 – Berlin

Mitglieder: 275.521

Gesamterträge: 78,76 Millionen Euro

Platz 1 – München

Mitglieder: 377.986

Gesamterträge: 83,24 Millionen Euro

Natürlich hinkt der Vergleich mit Wallraff etwas. Denn streng genommen war das, was der WDR servierte, keine wirkliche Investigativ-Sendung. Es waren gut recherchierte Fakten, zusammengetragen und dramaturgisch aufgearbeitet. Dafür stand aber natürlich das Thema im Mittelpunkt, nicht die Journalisten. Statt bedeutungsschwerer Team-Besprechung im Vorfeld der Recherche bringt „Die Story“ den Zuschauer ohne Umwege in eine Motorradwerkstatt. Dreißig Sekunden später folgt das erste Interview mit einem Betroffenen – ganz ohne verpixeltes Gesicht und verzerrte Stimme.

Es folgten 45 Minuten klassischer Fernsehjournalismus, Schnitt an Schnitt. Mehr Information, weniger Entertainment. Das Maximum, was sich der WDR in dieser Hinsicht erlaubte, war es, sich den Reporter entnervt an der Nase kratzen zu lassen, als die nächste E-Mail kam, in der ihm eine Stellungnahme verweigert wurde.

Investigativ, werden deshalb Kritiker sagen, war das doch gar nicht. Für investigativen Journalismus muss der Reporter sich schon in einer Fast Food-Kette einschleusen und mit versteckter Kamera drehen. Nur, worauf kommt es an? Der Kern des investigativen Journalismus liegt doch darin, auf ein in der Öffentlichkeit unbekanntes Problem aufmerksam zu machen. Das geht etwas weniger aufgeregt genauso gut, wie mit einer Wackelkamera.

Damit kommen wir zum Inhalt. Denn problematisch ist die aufgedeckte Situation ohne Zweifel. Der Film beginnt mit Mechaniker Johann Georg Leblang, der in seiner Frankfurter Motorradwerkstatt Lehrlinge ausbildet. Eine honorige Tätigkeit, gerade angesichts des Fachkräftemangels. Doch Leblang will nicht mehr.

Kommentare (9)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Account gelöscht!

17.06.2014, 10:47 Uhr

> Ein selbständiger Möbelschreiner aus Freiburg legt seine Bilanz vor.
> Im vergangenen Jahr habe er 2300 Euro Gewinn gemacht, 800 Euro
> davon will nun die Kammer als Mitgliedsbeitrag haben.

Was tut jemand, der als Hobby etwas schreinert, in einer beruflichen Organisation? Behaupte doch keiner, dass der Hübsche von 2300 EUR/a lebt!

Parallel zum Mindestlohn brauchen wir auch eine obligatorische Absicherung der Selbständigen: Wer es nicht schafft, 1000 EUR/Monat in Krankenkasse und Altersversorgung zu investieren, hat dem normalen Arbeitsmarkt zur Verfügung zu stehen. Sprich: Damit er ein nützliches Mitglied unserer Gesellschaft wird, braucht er einen Chef.

Account gelöscht!

17.06.2014, 11:18 Uhr

Man muss einen großen Unterschied zwischen Kammern (Pflicht) und Verbänden (freiwillig)machen. Verbände, ob es nun Gewerkschaften oder Arbeitgeber-/Unternehmensverbände sind, müssen durch Leistungen für ihre Mitglieder "glänzen", sonst gehen sie in Konkurs.Die ÖR Kammern leben sehr gut von der Pflichtmitgliedschaft.Ihre Leistungen werden in tausend bunten Broschüren mit Fotos der Kammeroberen aufgelistet. nur haben will diese Leistung niemand. da Kammern mit Fortbildungsverordnungen "statutarisches" Recht setzen, lassen sie die Fortbildungs-Milliarden des Staates auf die eigenen Mühlen fließen. Die kammern schaffen es sogar, sich von den allgemein verlangten Qualitätskriterien frei stellen zu lassen. Konkurrierende Organisationen müssen den ganzen sinnlosen ISO-Zertifizierungswahn durchlaufen. Die Kammern handeln nicht nur als Ordnungsinstanz sondern als privelegierte Wirtschaftsunternehmen am - selbst geschaffenen - Markt. und in Kleinstädten, wie Koblenz haben sich beide Kammern (Hwk und IHK) je eine volkswirtschaftliche Abteilung unterhalten.Die gewählten Vorstände sind regelmässig dem Hauptamt unterlegen und genießen schnell ihren Status, als bekannte Persönlichkeit der Lokalpolitik. die Kammern gehören auf die Funktion "Beaufsichtigung" der Berufsbildung reduziert. Die Pflichtmitgliedschaft absorbiert so viel Beitragsvolumen, dass für freiwillige Mitgliedschaften in Verbänden kaum noch Geld bleibt. Damit erfüllen die Zwangsbeiträge den Tatbestand der Verhinderung der Bildung von kollektiven Vereinigungen. ich begrüsse alle Initiativen der"Kammergegner", obwohl ich aktuell kein Betroffener bin. In das System der Kammern und des ÖR-Rundfunks gehört erheblich hineingeschnitten!

Account gelöscht!

17.06.2014, 11:19 Uhr

Die Kammern haben auch ihren Sinn, die Berufsabschlüsse werden darüber organisiert und geprüft, dazu gibt es auch wirklich gute Weiterbildungen. Klar kann man hinterfragen ob es richtig ist für Azubis Azubi Gebühren und Prüfungsgebühren zu bezahlen, deswegen aber die Kammern generell verteufeln. Wer soll denn im Falle des Abschaffens der Kammern zukünftig Gesellen, Kaufmanns und Meisterprüfungen abnehmen? Wer 2.300,- EUR Gewinn macht, wird nicht wg. 800,- EUR IHK Gebühren die Arbeit einstellen sondern erscheint generell unterfinanziert und sollte sein Geschäftsmodell überdenken.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×