Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

11.10.2016

11:28 Uhr

Verbandschef Otto Lindner

„Viele Hoteliers arbeiten bis zur Selbstaufgabe“

VonKatrin Terpitz

Eigentlich steht die deutsche Hotelbranche gut da. Trotzdem kämpfen viele familiengeführte Häuser ums Überleben. Otto Lindner, Vorsitzender des Hotelverbands, erklärt im Gespräch die Gründe für die Konsolidierungswelle.

Mehr als 436 Millionen Übernachtungen zählten die deutschen Hoteliers im Jahr 2015. dpa

Hotelzimmerschlüssel

Mehr als 436 Millionen Übernachtungen zählten die deutschen Hoteliers im Jahr 2015.

DüsseldorfSeit Juni 2016 ist Otto Lindner Vorsitzender des Hotelverbands Deutschland (IHA). Dort ist er schon seit vielen Jahren im Vorstand aktiv. Der 54-jährige Düsseldorfer führt in zweiter Generation die Lindner Hotels mit 33 Häusern.

Herr Lindner, der Deutschlandtourismus erlebt einen Boom. Viele ausländische Touristen wie Chinesen und Araber kommen hierher. Aber auch die Deutschen urlauben wieder gerne im Inland – nicht zuletzt wegen der Terrorgefahr am Mittelmeer. Inwieweit profitieren die deutschen Hotels vom Gästeansturm?
Der deutschen Hotellerie geht es gut. Sie steht deutlich besser da als zur Finanzkrise 2009. Die Zahl der Übernachtungen ist 2015 um drei Prozent auf 436,4 Millionen erneut gestiegen. In diesem Jahr dürfte die Branche einen Umsatz von rund 27 Milliarden Euro machen. Im Krisenjahr 2009 waren es gerade mal 19 Milliarden Euro.

Ist auch die Zahl der Beschäftigten gestiegen?
Unsere Branche hat in den vergangenen Jahren rund 30.000 neue Arbeitsplätze geschaffen und in Milliardenhöhe investiert. Hotellerie und Gastronomie sind enorm wichtige Arbeitgeber. Sie beschäftigen unmittelbar 1,4 Millionen Menschen, das sind doppelt so viele wie in der Automobilindustrie arbeiten. Allerdings wird noch nicht in ausreichendem Maße gewürdigt, was Hotels fürs Bruttosozialprodukt und die Wirtschaft in Deutschland leisten.

Otto Lindner: Außen hui, innen Hoodie

Otto Lindner

Premium Außen hui, innen Hoodie

Die Hotelgruppe Lindner eröffnet in Düsseldorf ihr erstes Haus, das ganz auf sogenannte „Digital Natives“ zugeschnitten ist. Es ist auch ein Signal des Aufbruchs nach schwierigen Jahren.

Trotzdem geht es längst nicht allen Hotels gut. Nicht wenige wirtschaften am Existenzminimum. Woran liegt das?
Etwa 85 Prozent der deutschen Hotels sind Kleinstbetriebe, die privat geführt sind. Ihr Problem: Den meisten fehlt ein klares Profil, um genügend Gäste locken und auskömmliche Zimmerpreise verlangen zu können. Viele Familien arbeiten bis zur Selbstaufgabe, weil sie enorm unter Konkurrenzdruck stehen. Und die Kinder wollen den Betrieb dann oft nicht übernehmen, weil sie nicht wie ihre Eltern 16 Stunden sieben Tage die Woche im Betrieb stehen wollen.

So schummeln Hoteliers bei der Sternebewertung

Warum sind Hotelsterne überhaupt so beliebt?

Wer ein Drei-Sterne-Hotel bucht, darf einen Föhn und ein Telefon im Zimmer erwarten. Bei fünf Sternen kommen ein Safe und Hausschuhe hinzu. Seitenlang ist festgelegt, was Hotels bieten müssen, um die werbeträchtigen Sterne des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga) zu bekommen. Jeder zweite Hotelgast verlässt sich nach einer Umfrage bei der Buchung darauf – doch viele Hoteliers schummeln. „Ein hohes Ausmaß illegitimer Sternewerbung“ beklagt der Branchenverband – und kündigt an, jetzt durchzugreifen. (Quelle: dpa)

Wie werden die Sterne vergeben?

Die Dehoga-Tochter Deutsche Hotelklassifizierung GmbH hat dafür 270 Kriterien festgelegt, nach Punkten gewichtet – von der Reserverolle Klopapier bis zum Blumengruß. Auch Hygiene, der Erhaltungszustand und der Gesamteindruck des Hotels spielen eine Rolle. 940 Punkte sind insgesamt möglich, ab 600 gibt es fünf Sterne. Die Punkte vergeben 16 Regionalgesellschaften des Dehoga, die zum Beispiel neutrale Hoteliers und Mitarbeiter von Tourismusverbänden in die Häuser schicken. Sehen sie die Kriterien erfüllt, gibt es für drei Jahre die Messing-Tafel mit den Sternen für den Eingang. Je nach Größe des Hotels kann die Klassifizierung bis zu 2000 Euro kosten.

Wie viele Hotels beteiligen sich?

Im Juli waren es rund 8500 – von insgesamt knapp 21.000 Hotels in Deutschland. Die Teilnahme ist freiwillig. Mehr als 5100 Hotels haben drei Sterne und gelten damit als Unterkünfte für gehobene Ansprüche. Knapp 2700 Häuser haben vier (hohe Ansprüche), an 124 Hotel-Eingängen prangen fünf Sterne für höchste Ansprüche.

Wie groß ist der Missbrauch?

Es gibt dazu zwei Untersuchungen: Das ZDF überprüfte im Sommer eine Stichprobe von 1000 Hotels. Ergebnis: Bei einem Viertel waren die Sterne entweder abgelaufen oder der Hotelier hatte sie sich selbst erteilt. Der Dehoga bestätigte das Ergebnis nun und hat inzwischen auch selbst nachgesehen: Auf acht Prozent von 3000 untersuchten Websites warben die Hotels zu Unrecht mit den Sternen.

Wie kommt es zur Schummelei?

Es scheinen sich nicht alle darum zu scheren, dass die Hotelsterne ein geschütztes Markenzeichen sind. Das können auch eingesessene Betriebe sein, die die Verlängerung der Sterne vergessen, oder blauäugige Neulinge – die Branche geht nicht in jedem Fall von betrügerischer Absicht aus.

Was tut der Dehoga dagegen?

Noch von diesem Jahr an soll Software Schummelei automatisiert aufdecken. Es soll auch Überprüfungen vor Ort geben und notfalls Verfahren bei der Zentrale zur Bekämpfung unlauteren Wettbewerbs.

Welche Bewertungssysteme gibt es noch?

Das Internet bietet inzwischen eine Reihe von Alternativen, die meist auf Bewertungen von Hotelgästen beruhen. Das Hotelvermittlungsportal HRS vergibt seine eigenen Sterne, auch Reiseportale wie Holidaycheck und Tripadvisor liefern eigene Einstufungen. Eine Branchenumfrage ergab schon vor zwei Jahren, dass sich die Kunden etwas mehr an Online-Bewertungen orientieren als an den Sternen. Der Dehoga sieht in den Nutzer-Bewertungen aber keine Konkurrenz: „Es gibt ein Sowohl-als-auch: die objektiven, nachvollziehbaren Hotelsterne und die subjektive Bewertung im Netz“, sagt eine Dehoga-Sprecherin. „Beides hat seine Berechtigung.“ Die eigenen Sterne der Online-Portale funkeln dem Dehoga jedoch mittlerweile zu hell – hier fordert der Verband den Verzicht.

Wie sieht es im Ausland aus?

Es gibt kein weltweit einheitliches Bewertungssystem für Hotels. Drei Sterne in Spanien sind nicht das gleiche wie drei Sterne in Deutschland. Manche Länder verwenden Buchstaben, andere haben gar keine Klassifizierung. Während sich der Dehoga seit Längerem um ein einheitliches europäisches Sternesystem bemüht, haben viele Reiseveranstalter eigene Bewertungssysteme eingeführt. Beim deutschen Marktführer Tui beispielsweise sind es bis zu sechs Sonnen.

Wer macht den kleinen Familienbetrieben das Überleben so schwer?
Die internationale Kettenhotellerie beschränkt sich längst nicht mehr auf Metropolen und Top-Lagen. Die großen Ketten expandieren auch immer mehr in B- und C-Lagen und machen dort den kleinen privat geführten Hotels Konkurrenz. In der Branche ist eine beispiellose Konsolidierungswelle im Gange. Die kleinen Familienbetriebe drohen, unter die Räder zu kommen.

Welche privat geführten Hotels können sich gegen die internationalen Ketten noch behaupten?
Es gibt starke Nischenanbieter wie zum Beispiel den familiengeführten Bayerischen Hof in München. Mittelständische Hotelgesellschaften wie Althoff, Lindner, Maritim oder Motel One, die ein unverwechselbares Profil in ihrer jeweiligen Kategorie haben, können ebenfalls gut mithalten.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×