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08.01.2008

19:00 Uhr

Vietnam im Umbruch

Good morning, USA

VonHelmut Hauschild

Vor 20 Jahren hat sich Vietnam von der Planwirtschaft abgewandt. Heute sinkt die Armut stetig und zwischen kommunistischer Tradition und Marktwirtschaft sind die Grenzen fließend. Weil Vietnams Wirtschaft jedoch zunehmend unter Konkurrenz aus China leidet, setzt das kommunistische Regime auf Kooperation mit dem alten Feind Amerika.

Beliebte Motoroller: Mit dem Wohlstand steigt auch die Zahl dieser Gefährte in Vietnam. Der erfolgreichen Exportwirtschaft droht aber Gefahr durch China. Foto: ap

Beliebte Motoroller: Mit dem Wohlstand steigt auch die Zahl dieser Gefährte in Vietnam. Der erfolgreichen Exportwirtschaft droht aber Gefahr durch China. Foto: ap

HANOI. Seit Monaten malt Phan Thanh Tam sich aus, wie sie den heutigen 8. Januar begehen wird. Das neue rote Kleid wird sie tragen und ihre Haare zu einem Knoten hochstecken. Sie wird ein wenig Make-up auflegen – was sie sonst nie tut, wenn sie zur Arbeit geht. Vor dem Fabriktor wird sie ihre Kolleginnen treffen und mit dem Bus zum Mausoleum von Revolutionsführer Ho Tschi Minh im Zentrum Hanois fahren.

Es wird ein großer Tag werden für die 28-jährige Näherin bei „Garment 10“, einer der vielen Textilfabriken in den Vororten der Stadt. Der Besuch bei dem einbalsamierten Kommunistenführer ist eine besondere Ehre.

Der Grund für Tams Feiertag: Am 8. Januar 1959 hat Ho Tschi Minh, Anführer des Befreiungskampfes gegen die Kolonialmacht Frankreich und später gegen das von den USA unterstützte Regime in Saigon, ihre Fabrik besucht. Im Foyer zeigt ein golden gerahmtes Schwarz-Weiß-Foto, wie der Volksheld Arbeiter an einer altertümlichen Nähmaschine beobachtet.

Damals fertigte „Garment 10“ Kutten für Bauern. Heute näht Tam Designerhemden für Pierre Cardin und Tommy Hilfiger. Doch der Personenkult um „Onkel Ho“ lebt fort wie die wackelige Kulisse einer in die Jahre gekommenen Revolutionsoperette. Und so dürfen heute wieder die Besten der 9 000 Arbeiter sein Marmor-Mausoleum besuchen.

Tam ist stolz darauf. Wie die meisten jungen Vietnamesen sieht sie keinen Widerspruch zwischen kapitalistischer Wirtschaft und marxistisch-leninistischer Parteiideologie. Einer Umfrage zufolge ist Bill Gates in Vietnam fast so populär wie „Onkel Ho“.

Hass auf Amerika? Das ist vorbei. Rund zwei Drittel der 85 Millionen Vietnamesen sind jünger als 30 Jahre – den „amerikanischen Krieg“ kennen sie nur aus Erzählungen.

Erfolgreich eifern die Vietnamesen dem Ex-Kriegsgegner und Klassenfeind nach. Im Juni hat sich Tam, die im Monat 120 Dollar verdient, ein Moped gekauft, Sinnbild des Aufschwungs in Vietnam mit Wachstumsraten zwischen sieben und acht Prozent. Etwa 24 Millionen Motorräder brausen inzwischen wie zornige Wespen durch den Smog der Städte.

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