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13.09.2015

13:36 Uhr

Abschied vom Turbowachstum

Chinas Wilder Westen

VonStephan Scheuer

Das chinesische Hinterland sollte der neue Wachstumstreiber werden. Mit Milliarden hat die Regierung die Infrastruktur modernisiert. Aber jetzt bricht die Konjunktur hier besonders stark ein. Ein Ortsbesuch.

Für den Aufbruch in eine neue wirtschaftliche Zukunft fehlen aber auch internationale Investitionen. Getty Images

Chinas Hinterland hat viel Potenzial

Für den Aufbruch in eine neue wirtschaftliche Zukunft fehlen aber auch internationale Investitionen.

YinchuanWie ein Skelett aus Stahl und Beton streckt sich der Rohbau des Hochhauses in den Himmel. Gleißend helle Blitze der Schweißgeräte durchzucken die Baustelle in der Zweimillionenstadt Yinchuan. Arbeiter laden Betonteile von der Ladefläche eines Lastwagens ab. Alles soll zum Einzug der ersten Mieter fertig sein.

Das neue Geschäftsviertel „Yue Hai Wan“ ist das Aushängeschild der nordwestchinesischen Region Ningxia. Auf einer Fläche von 5200 Quadratkilometern - das ist etwa doppelt so groß wie das Saarland - soll der modernste Geschäftsdistrikt der Region entstehen. Insgesamt sieben Milliarden Euro (50 Milliarden Yuan) fließen in „Yue Hai Wan“, hier, rund 1000 Kilometer westlich von Peking.

Warum in China die Börse abstürzt

Wie tief fallen die Kurse noch?

Am 27. Juli erlebte Chinas Börse den größten Tageseinbruch seit acht Jahren. Wie weit es noch nach unten geht, kann niemand sagen. Doch der Einbruch wäre vermutlich noch schlimmer ausgefallen, wenn die Börsenaufsicht und die Zentralbank nicht neue Hilfen angekündigt hätten.

Welche Rolle spielt der Staat für die Entwicklung an den Börsen?

Indem die chinesische Regierung Privatanleger in Aktien drängt, versucht sie, das Finanzierungsproblem für Unternehmen zu lösen – und die Schwächen des Bankensektors zu vertuschen.

Welche Nachteile ergeben sich hieraus?

Einmal angefangen, kommt der Staat nun nicht mehr aus der Sache heraus: Damit die Strategie aufgeht, sich das Ersparte für Kleinanleger mehrt und Firmen an Geld kommen, müssen die Kurse oben bleiben. Einen Crash kann man sich schon wegen der Reputation im Grunde nicht leisten.

Warum greifen die staatlichen Maßnahmen nicht?

Die Hilfsprogramme der Regierung nutzen sich ab – oder besser: sie nützen nichts, wenn gleichzeitig immer mehr Anleger nicht mehr an die Börsen glauben.

Hat der Börsencrash in China Auswirkungen auf die Realwirtschaft?

Wenig. Der Aktienmarkt hat sich schon lange von der Realwirtschaft entkoppelt.

Wie hart trifft der Börsencrash die chinesischen Sparer?

Chinesen sind zwar emsige Sparer. Sie haben aber nur einen kleinen Teil ihres Geldes in Aktien investiert. Fünf Prozent der Ersparnisse stecken in Wertpapieren.

Welche deutschen Aktien geraten durch die Turbulenzen in China unter Druck?

Besonders exportorientierte deutsche Unternehmen. Für Volkswagen und Daimler ist China enorm wichtig. Auch Chemiekonzerne wie Bayer und BASF geraten unter Druck.

Wie groß ist die Ansteckungsgefahr an den Börsen der Welt?

Lange Zeit durften Ausländer nicht an Chinas Börsen handeln. Peking hatte seine Finanzmärkte weitgehend abgeschottet. Dadurch schlagen Turbulenzen in China nur sehr abgeschwächt auf internationale Börsen durch.

Welche Rollen spielen ausländische Anleger bei dem Börsen-Crash?

Seit den Turbulenzen ziehen viele internationale Anleger ihr Geld über die Börse in Hongkong wieder aus dem chinesischen Festland ab. Bis Wochenanfang waren auf diesem Weg bereits mehr als sechs Milliarden US-Dollar abgeflossen.

Auf Ningxia und den anderen Provinzen und Regionen in Chinas Westen ruhen die großen Hoffnungen der Wirtschaftsplaner in Peking. Chinas Osten hat das Turbowachstum des Landes lange angetrieben. Mit realen Wachstumsraten von im Schnitt zehn Prozent stieg die Volksrepublik vom unbedeutenden Entwicklungsland zur zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt auf.

Nun soll Chinas weniger entwickelter Westen der neue Wachstumstreiber werden. „Der Aufstieg der chinesischen Westregionen wird ein entscheidender Teil der nationalen Strategie zur wirtschaftlichen Neuerfindung sein“, sagt Ministerpräsident Li Keqiang. Dafür hat die Zentralregierung gewaltige Summen investieren lassen.

Vier moderne Autobahnen verbinden Yinchuan mit den umliegenden Regionen Qinghai, der Inneren Mongolei, Shaanxi und Sichuan. Fast alle großen Straßen in der Stadt wurden in den vergangenen sechs Jahren gebaut oder erneuert - finanziert mit dem gewaltigen Investitionsprogramm, das Peking 2009 als Reaktion auf die globale Finanzkrise angestoßen hatte. Der Flughafen in Yinchuan soll bald auf die doppelte Größe ausgebaut werden.

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Alles ist auf ein rasantes Wirtschaftswachstum ausgelegt. Aber die Zuwachsraten in Chinas Westen sind stark eingebrochen. Staats- und Parteichef Xi Jinping hat die Losung von der „neuen Normalität“ ausgegeben, um den Abschied vom Turbowachstum zu umschreiben. Die Regierung peilt mit real „etwa sieben Prozent“ für dieses Jahr das schwächste Wachstum seit den 1990er-Jahren an. Ningxia und andere Regionen in Chinas Westen sind von dem Wachstumseinbruch hart betroffen. Im Moment fallen die Nachzügler eher zurück, als dass sie aufholen.

Der Ökonom Kuang Xianming macht dafür die Struktur der Wirtschaft in Chinas Hinterland verantwortlich. „Noch immer fußt die Ökonomie in dieser Gegend stark auf Schwerindustrie und der Ausbeutung von Bodenschätzen“, sagt der Direktor des Wirtschaftszentrums am renommierten China Institute of Reform and Development. Diese Branchen leiden derzeit besonders stark. Chinas Einkaufsmanagerindex für die Industrie ist so niedrig wie seit drei Jahren nicht mehr.

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