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02.06.2015

17:01 Uhr

Amerika, Singapur und Australien

Das Fax lebt – und expandiert in die Welt!

VonJoachim Hofer

Der Mittelständler Retarus expandiert weltweit mit Kommunikationsdiensten vergangener Jahrzehnte. Selbst große Konzerne wie Adidas, BMW oder Puma verlassen sich auf die kleine Firma, um ihr Fax-Netz zu betreiben.

War 1996 angesagt: Ein Mobiltelefon mit eingebautem Computer. Das Handy ist außer einem Telefon aufgeklappt auch noch Faxgerät, Computer mit Internet-Zugang, sowie Terminkalender und Notizbuch. ap

War 1996 angesagt: Ein Mobiltelefon mit eingebautem Computer. Das Handy ist außer einem Telefon aufgeklappt auch noch Faxgerät, Computer mit Internet-Zugang, sowie Terminkalender und Notizbuch.

MünchenWhatsApp, Facebook oder Twitter? Sicher, Martin Hager hat schon gehört davon. Sein Geld aber verdient der Chef und Eigentümer des Münchener IT-Dienstleisters Retarus mit den Kommunikationsformen vergangener Jahrzehnte: mit Fax, SMS und E-Mail.

Von den Trendsettern längst totgesagt, bescheren die alten Techniken Retarus ein fabelhaftes Wachstum. Um knapp ein Fünftel auf fast 50 Millionen Euro ist der Umsatz des Mittelständlers im letzten Geschäftsjahr geklettert. Bis zu 9 000 Faxe laufen jede Minute über die Großrechner der Familienfirma, insgesamt drei Millionen am Tag. Retarus sorgt für die Übertragung der Seiten, die Faxgeräte selbst kommen von anderen Herstellern.

"Die Welt redet über Champagner, aber sie trinkt Wein", beschreibt Firmenlenker Hager sein Geschäft. Das heißt: Soziale Netze sind schön und recht. Doch wenn es drauf ankommt, verlassen sich viele Unternehmen noch immer auf althergebrachte Technik, insbesondere auf Faxe. "Die sind erprobt, standardisiert und vor allem juristisch fest", erläutert Hager.

Selbst dynamische Internet-Start-ups wie Lieferheld verzichten nicht aufs Papier. Viele Lieferdienste verschicken jeden Tag Tausende Kundenbestellungen per Fax an die angeschlossenen Restaurants und nutzen dafür die Server von Retarus. Der Grund ist einfach: In den meisten Küchen gibt's weder Smartphone noch Tablet, praktisch wäre das im Dunst der Töpfe und Öfen sowieso nicht, und die Fahrer können sich die teuren mobilen Computer oft nicht leisten.

Ja, sogar die SMS lebt bei Retarus munter weiter. So verschickt Optik-Filialist Apollo an seine Kunden Kurzmitteilungen aufs Handy, wenn sie ihre Brillen und Kontaktlinsen in einem der 800 Läden bundesweit abholen können. Auch der Autovermieter Sixt informiert seine Nutzer per SMS. Den Service übernimmt Retarus.

Damit nicht genug: Angesichts des Booms von Messaging-Diensten wie WhatsApp und internen sozialen Netzen gilt auch die E-Mail in Firmen schon lange als angezählt. Trotzdem wächst das Geschäft mit E-Mail-Diensten bei Retarus.

Die großen IT-Konzerne haben sich aus dem vermeintlich rückwärtsgewandten Geschäft längst zurückgezogen. Google etwa schloss seinen E-Mail-Dienstleister Postini schon vor zwei Jahren. Dabei hatten die Kalifornier 2007 noch mehr als 600 Millionen Dollar für die Firma bezahlt, um den Geschäftskundenmarkt für E-Mails zu erobern.

Das ist die Chance für Retarus. Von München aus breiten sich die Bayern jetzt über die ganze Welt aus und betreiben inzwischen Rechenzentren in Amerika, Singapur und Australien. Große Konzerne wie Adidas, BMW oder Puma verlassen sich auf die kleine Firma, um ihr Fax-Netz zu betreiben oder die E-Mails auf Viren zu checken.

In den USA freut sich Retarus-Eigner Hager jetzt schon auf den 2016 anstehenden Präsidentschaftswahlkampf. Gut, inzwischen twittert sogar Präsident Obama. Aber vor Ort nutzen die Parteien in Amerika häufig SMS, um ihre Anhänger zu mobilisieren. Das könnte der US-Tochter einen Schub geben.

Auch in Deutschland will der Unternehmer jetzt mit den Parteien ins Gespräch kommen. Werbe-E-Mails landen schließlich schnell im Spam-Ordner, doch eine SMS kriegt heute kaum noch jemand. "Da schauen die Leute hin", ist Hager überzeugt. Der Patron will noch auf Jahre hinaus die traditionellen Kommunikationswege pflegen. Die Chancen stehen nicht schlecht: Das Buch ist schließlich mit dem Siegeszug der digitalen Medien ja auch nicht verschwunden.

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