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03.11.2016

10:28 Uhr

Andreas Renschler zu Brasilien

„Wir fangen ja nicht bei null an“

VonAlexander Busch

Hat Brasilien die Talsohle seiner Krise erreicht? Woher kommen neue Wachstumsimpulse? Vom Binnenmarkt, aus dem Export, durch Investitionen? Ein Gespräch mit Andreas Renschler, Vorsitzender des Lateinamerika-Ausschusses.

Andreas Renschler Vorsitzender des Lateinamerika-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft und Mitglied des Vorstandes der Volkswagen AG. Reuters

Andreas Renschler

Andreas Renschler Vorsitzender des Lateinamerika-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft und Mitglied des Vorstandes der Volkswagen AG.

Andreas Renschler Vorsitzender des Lateinamerika-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft und Mitglied des Vorstandes der Volkswagen AG.

Ausländische Unternehmen kaufen derzeit in Brasilien Unternehmen wie zuletzt im Boom vor zehn Jahren. Deutsche Konzerne sind nicht dabei. Verpasst die deutsche Wirtschaft in Brasilien etwas?
Ein klares Nein. Es ist uns bewusst, dass die Weichen für die nächsten Jahre bereits gestellt werden. Wir warten nicht auf Sonnenschein, sondern beschäftigen uns schon jetzt mit unserer strategischen Perspektive in Brasilien. Wir wollen mehr mit Brasilien machen. Wir punkten überall da als bevorzugter Technologie- und Know-how-Partner, wo innovative und zuverlässige Lösungen gesucht werden. Dafür setzt sich der Lateinamerika-Ausschuss (LADW) ein.

Brasiliens Wirtschaftskrise

Frust und Wirtschaftskrise

Die Unzufriedenheit in Brasilien mit der Regierung von Präsidentin Dilma Rousseff hängt in hohem Maße auch mit der Wirtschaftskrise zusammen. Brasilien ist Deutschlands wichtigster Handelspartner in Lateinamerika. Die Exporte nach Brasilien betrugen 2014 laut Auswärtigem Amt etwa 11,8 Milliarden Euro. Die Einfuhren aus Brasilien sanken mit 6,6 Milliarden Euro um fast acht Prozent.

Rezession

Dem Land droht die tiefste Rezession seit den 1930er Jahren. 2015 brach die Wirtschaftsleistung um 3,8 Prozent ein, das Bruttoinlandsprodukt betrug 5,9 Billionen Real (1,48 Bio. Euro). Der Internationale Währungsfonds erwartet für 2016 minus 3,5 Prozent.

Arbeitslosigkeit

Bis April waren 11,1 Millionen Menschen arbeitslos, die Quote lag bei 10,9 Prozent, 40 Prozent höher als vor einem Jahr. Der Konsum ist eingebrochen, durch eine Inflation von zehn Prozent ächzen die Bürger unter steigenden Preisen. Da der Binnenmarkt in dem 200-Millionen-Einwohner-Land einen Anteil von 80 Prozent am BIP hat, liegt in der schwachen Nachfrage ein Hauptgrund des Einbruchs.

Strukturelle Probleme

Durch ein hohes Staatsdefizit fehlen Mittel für Investitionen, die Infrastruktur ist marode. Auch deutsche Autobauer wie Volkswagen müssen Einbrüche bei den Verkaufszahlen verkraften. Zudem gibt es Probleme wie überbordende Bürokratie.

Rohstoff-Exportabhängigkeit

Der niedrige Ölpreis lässt die Einnahmen sinken. Zudem ist der Ölkonzern Petrobras, mit 80 000 Angestellten größter Arbeitgeber, in einen enormen Korruptionsskandal verwickelt. Das staatlich kontrollierte Unternehmen verbuchte 2015 einen Verlust von 8,6 Milliarden Euro und ist zum massiven Sparen gezwungen.

Dennoch sind die deutschen Unternehmen derzeit zurückhaltend.
Wir fangen ja nicht bei null an. Deutsche Unternehmen sind nicht erst mit dem letzten Brasilienboom ins Land gekommen. Die meisten der über 1300 Firmen sind bereits seit vielen Jahrzehnten dort. Wir sind in Schlüsselbranchen gut vertreten. Wie etwa der Automobilindustrie, dem Maschinenbau, der Elektronik oder der chemischen Industrie.

Doch gerade in diesen Branchen sind die Aussichten doch eher mittelprächtig derzeit.
Die deutsche Wirtschaft ist dafür bekannt, Partnerschaften langfristig einzugehen. Wir kommen vielleicht nicht als Erste, bleiben aber dafür zuverlässig da und ziehen uns nicht zurück, auch wenn Schwächephasen eintreten!

Hat Brasilien denn die Talsohle seiner Krise erreicht?
Davon gehe ich aus. Es mehren sich die Anzeichen, dass eine Erholung bevorsteht! Experten prognostizieren mittlerweile ein Wirtschaftswachstum von drei bis vier Prozent ab 2018. Ein Grund zur Hoffnung.

Woher sollen die nächsten Wachstumsimpulse kommen? Vom Binnenmarkt, aus dem Export, durch Investitionen?
Sowohl als auch! Wir reden hier schließlich über das fünftgrößte Land der Erde. Brasilien hat mit über 200 Millionen Konsumenten einen starken Binnenmarkt. Darüber hinaus kann die Rolle Brasiliens auf dem internationalen Spielfeld deutlich stärker werden, etwa durch ein Freihandelsabkommen EU-Mercosur.

Ihre eigene Branche, die Kfz-Industrie wird besonders stark von der Krise mitgenommen. Das schreckt Investoren ab.
Die deutschen Unternehmen in der brasilianischen Automobilindustrie zählen zu den Spitzenreitern und spüren die Rezession der letzten Jahre besonders stark. Aktuell sind wir dabei, unsere Firmen wieder auf Kurs zu bringen.

Wurde der KFZ-Markt in Brasilien nicht überschätzt, als die Konzerne dort investierten?
Gegenwärtig hat jeder fünfte Brasilianer ein Auto. Damit ist das Land vom Durchschnitt der global wichtigen Märkte von weniger als zwei Einwohnern pro Auto noch meilenweit entfernt! Und ab 2017 sollte es wieder bergaufgehen. Das gilt auch für Nutzfahrzeuge: Für 2017 könnte das Marktwachstum bei LKW sogar zweistellig ausfallen.

Herr Renschler, ich danke Ihnen für das Interview.

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