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20.09.2015

19:13 Uhr

Arbeitsmarkt Emerging Market

„Offene Kritik ist tabu, Hierarchie ist alles“

VonUrs Wälterlin, Wolfgang Drechsler, Alexander Busch

Fast wie eine Familie: Um gute Beschäftigte zu finden, brauchen Unternehmen in weniger entwickelten Volkswirtschaften eine spezielle Führungskultur. Dabei gelten ganz andere Regeln als in weiter entwickelten Ländern.

Die Arbeitsmärkte in den Wachstumsländern bieten vielen Chancen und noch mehr Herausforderungen. Getty Images

Die Arbeitsmärkte in den Wachstumsländern bieten vielen Chancen und noch mehr Herausforderungen.

Vientiane/Kapstadt/Sao PauloWer in Laos gute Mitarbeiter halten will, muss gelegentlich selbst Hand anlegen. „Als meine Angestellte wieder einmal mit einem blauen Auge ins Büro kam, hatte ich mit ihrem Mann ein ‚ernstes Wort‘. „Tim“ - nennen wir den Europäer mal so - ist überzeugt: „In einem Land wie Laos bleiben einem die Mitarbeiter nur treu, wenn man sich um sie kümmert, ja, sie fast zur Familie werden lässt“.

Der Mittvierziger betreibt in der Unesco-Kulturstadt Luang Prabang mehrere Restaurants und Hotels. „Die zwischenmenschliche Kommunikation ist sehr subtil“, erklärt „Tim“. „Es gelten ganz andere Regeln als in weiter entwickelten Ländern.“ Das zeige sich beim Finden und Halten von Angestellten: „Offene Kritik ist tabu, Hierarchie ist alles“. Ein Europäer, der sich an diese Regeln halte, werde geschäftlich Erfolg haben. Wer nicht, verliere rasch den Respekt der Angestellten, der Behörden, seiner Nachbarn. „Und das war’s dann. Du bist fertig“.

Die teuersten Städte für Expats

Platz 1: Luanda

Für Einheimische ist die Hauptstadt Angolas vergleichsweise günstig. Doch Ausländern kommen dort nach Jahrzehnten des Bürgerkriegs Sicherheit und westlicher Luxus besonders teuer zu stehen. Eine Jeans kostet 240 US-Dollar und für eine Zweizimmer-Wohnung sind monatlich 6.600 Dollar Miete zu zahlen.

Platz 2: N'Djamena

Die Situation in der Hauptstadt des Tschad ähnelt der in Luanda. Der Grund: Konsumgüter, die den Ansprüchen der Industrieländer entsprechen, müssen aufwendig importiert werden. Eine internationale Zeitung etwa kostet dort laut Mercer durchschnittlich 7,07 US-Dollar.

Platz 4: Singapur

In anderen Rankings gilt der Stadtstaat oft als teuerstes Pflaster überhaupt. Allerdings berücksichtigen diese Erhebungen auch die Lebenshaltungskosten der Einwohner und nicht nur die der Ausländer. Ungeachtet der Herkunft, ein Tasse Kaffee kostet für all im Durchschnitt 5,05 US-Dollar.

Platz 3: Hongkong

In Hongkong sind Restaurantbesuche und Mieten besonders teuer; für eine Zwei-Zimmer-Wohnung liegen sie bei 6.960 US-Dollar monatlich. Der Preis für eine Tasse Kaffee liegt bei 6,64 Dollar – zuzüglich Trinkgeld.

Platz 5: Zürich

Fast ein Viertel der Bewohner Zürichs arbeitet im Finanzsektor – und ohne saftigen Bonus scheint ein sorgloses Leben in der Schweizer Stadt auch kaum finanzierbar. Für ein Kinoticket muss der Besucher laut Mercer zum Beispiel 21,22 US-Dollar zahlen.

Platz 6: Genf

In dem Ranking kommt nach Zürich direkt die nächste Schweizer Stadt. Genf ist als internationale Shopping-Metropole berühmt und die Preise der Luxus-Marken scheinen geradezu ansteckend. Ein Hamburger kostet im Durchschnitt 14,18 US-Dollar.

Platz 7: Tokio

Platz ist Mangelware in der japanischen Großstadt und so schätzt Mercer die Durchschnittsmonatsmiete auf 4.308 US-Dollar.

Platz 8: Bern

Ihren Frust über horrende Preise können die Expats in der Schweizer Hauptstadt immerhin teilen. Nach Angaben der Stadt machen sie mehr als 20 Prozent der Einwohner aus.

Platz 9: Moskau

Die hohe Inflation und der Gewinn aus den Ölgeschäften machen das Leben in Russlands Hauptstadt so teuer. Ein Liter Milch kostet beinahe 7 US-Dollar während der Durchschnittspreis in New York gerade mal bei 1,19 Dollar liegt.

Platz 55: München

Die „beste“ Platzierung einer deutschen Stadt in dem Mercer-Ranking schafft München. Im nationalen Vergleich scheinen die Lebenshaltungskosten für den deutschen Durchschnittsverdiener unerschwinglich; der internationale Vergleich relativiert die Preise etwas.

Platz 68: Berlin

Die Zeiten, in denen die Hauptstadt als Paradies für Sparfüchse galt, sind vorbei. Doch die hohe Kaufkraft der Zuwanderer hat längst ihre Wirkung entfaltet. Berlin ist nur noch in wenigen Außenbezirken wirklich billig. Im weltweiten Ranking landet sie auf Platz 68.

Das südostasiatische Land ist für europäische Geschäftsleute ein „Frontenstaat“ mit vielen Chancen und noch mehr Herausforderungen: erst seit ein paar Jahren spielt das kommunistische Regime mit dem Kapitalismus. Kritik an der Regierung ist fatal. „Wer sich beklagt, hat genau 24 Stunden Zeit, die Koffer zu packen“, sagt ein deutscher Geschäftsmann in der laotischen Hauptstadt Vientiane. „Ich habe das mehrfach miterlebt“.

Laos ist exemplarisch für die Situation in vielen wirtschaftlich aufstrebenden, kulturell und sozial aber stark traditionellen Wachstumsländern: die wirklich erfolgreichen Unternehmer – ob Einheimische oder Eingeflogene - sind eng mit dem Leben ihrer Mitarbeiter verflochten. Peter Weinbrenner, Gründer des Textildruckunternehmens Eurotech in Vientiane, hat seinen Angestellten im Hof der Firma das „Leben auf dem Dorf nachgebaut“.

Die meisten Mitarbeiter stammten aus der Provinz - Reisbauern, die in der Hauptstadt zum ersten Mal Elektrizität erleben. Offene Feuerstellen, Hühner, ein kleiner Garten, eine strohbedeckte Laube – das erinnert an das einfache Zuhause. „Nur so kann ich die Leute halten“, sagt der Deutsche, der seine Arbeiter selber im Textildruck ausbildet.

Ohne derartige Annehmlichkeiten würden die Mitarbeiter bald nach Thailand abwandern. Dort lockt die Hoffnung auf ein besseres Gehalt. Auch Sateesh Vallipuram, Leiter der Textilfirma Alpilao in Laos, hat dieses Problem. 900 junge Frauen nähen in einer Halle T-Shirts für europäische Modefirmen wie Benetton. „Sie bleiben uns treu, weil wir sie gut behandeln“, sagt er. Ein gutes Gehalt, anständige Arbeitsbedingungen, Ruhezeiten und ein Rentensystem. Trotzdem hat er Mühe, Leute anzulocken. Bei einer Arbeitslosenrate von 1,29 Prozent – ein Attribut vieler Wachstumsländer - gibt es mehr „Jobs“ als Jobsuchende.

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