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03.03.2016

11:22 Uhr

Auf dem Weg nach Teheran

Deutschen Firmen lockt das große Geschäft

Der deutschen Industrie eröffnet sich ein neuer Markt: Iran. Nach Jahren der Isolation mangelt es dem Land an vielem: Autos, Maschinen, Kraftwerken. Technik „made in Germany“ hat einen guten Ruf, doch die Konkurrenz wächst.

Die deutschen Unternehmen hoffen auf Straßen- und Tunnelprojekte. dpa

Tohid-Tunnel in Teheran

Die deutschen Unternehmen hoffen auf Straßen- und Tunnelprojekte.

München, Frankfurt, DüsseldorfWolfgang Bernhard hat keine Zeit verstreichen lassen. Kaum waren in der Nacht Ende Januar die Sanktionen gegen Iran gefallen, da saß der Chef der Daimler-Lastwagensparte schon im Flieger in Richtung Teheran. Flugs waren zwei Verträge unterschrieben. Schon bald werden die Stuttgarter in Iran wieder Motoren, Achsen und Lastwagen fertigen. „Es besteht ein großer Nachholbedarf für Nutzfahrzeuge, allen voran Lkws“, freut sich Bernhard. Denn die Laster mit dem Stern hätten in Iran „seit jeher einen hervorragenden Ruf“.

Atomdeal mit Iran: Milliardengeschäfte für „Made in Germany“?

Was erwartet die deutsche Wirtschaft?

„Deutschland wird zusammen mit Frankreich und Italien zu den Ländern gehören, die mehr von der Einigung profitieren als andere“, sagt Volker Perthes, Direktor der Stiftung Wissenschaft und Politik. Deutsche Wirtschaftsverbände halten mittelfristig eine Vervierfachung des Exportvolumens von heute knapp 2,5 Milliarden auf über 10 Milliarden für möglich. „Das Land hat einen Riesennachholbedarf“, sagt DIHK-Außenwirtschaftschef Volker Treier, der am Dienstag in diesem historischen Moment passenderweise in Teheran ist, der Deutsche Presse-Agentur. Derzeit seien im Iran 80 deutsche Firmen mit eigenem Geschäft tätig, dazu kämen etwa 1000 Repräsentanten und Vertriebsleute.

Sind jetzt alle Probleme gelöst?

Nein, denn die Sanktionen sollen schrittweise abgebaut werden. „Das Embargorecht für das Irangeschäft weiterhin bleibt damit relevant. Das kann im Detail viele Hemmnisse bedeuten“, erklärt der Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA). Hinzu kommt: Auch wenn das Abkommen in den USA angenommen wird, muss US-Präsident Barack Obama dem Kongress alle 90 Tage bescheinigen, dass der Iran keine Terrororganisationen unterstützt. Andernfalls dürfte der Kongress schnell neue Sanktionen erlassen. „Der US-Kongress wird versuchen, die Unsicherheit zu bewahren“, sagt Perthes.

Welche Rolle spielen deutsche Banken?

Wie teuer Ärger mit den USA werden kann, erlebte jüngst die Commerzbank. Das Institut musste für einen Vergleich mit US-Behörden insgesamt 1,45 Milliarden Dollar hinblättern, um ein Verfahren wegen Geldwäsche und Geschäften mit „Schurkenstaaten“ wie dem Iran beizulegen. Wirtschaftsverbände wie der VDMA fordern nach dem Durchbruch von Wien, dass die Banken jetzt rasch reagieren: „Wenn die Finanzinstitute trotz des klaren Politikwechsels ihre eigene Geschäftspolitik weiterhin nicht anpassen, lassen sie die produzierende Industrie im Regen stehen“, warnt VDMA-Exportchef Ulrich Ackermann.

Wie stark sind die Wettbewerber in dem Land?

Insbesondere die Konkurrenz aus China profitierte von den Sanktionen, die die USA und die EU verhängt hatten. Gerade einmal 6,3 Prozent der Importe stammen derzeit noch aus Deutschland, Chinas Anteil liegt nach Angaben des Kreditversicherers Euler Hermes mit 15 Prozent etwa doppelt so hoch. Aber: „Iraner haben chinesische Produkte nicht gekauft, weil sie das wollten, sondern weil Alternativen fehlten“, sagt Perthes.

Welche Branchen könnte besonders von der Einigung profitieren?

„Die Modernisierung der Ölindustrie und anderer Branchen ist ein spannender Markt vor allem für den Maschinenbau“, sagt Hubertus Bardt vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW). Gefragt sind nach Einschätzung Perthes vor allem Turbinen, Kraftwerke, Lastwagen und Technologien zur Ölexploration „Made in Germany“. Nach Berechnungen von Euler-Hermes-Chefvolkswirt Ludovic Subran fehlen Iran von 2011 bis heute Importe in Höhe von 30 Milliarden Euro. „Ausländische Waren wie zum Beispiel Haushaltswaren sind derzeit sehr schwer zu bekommen, ganz zu schweigen von Autos oder Maschinen“, sagt Subran.

Wie stark ist die Konkurrenz inzwischen in dem Land?

Deutlich haben sich zum Beispiel die Verhältnisse im Maschinen- und Anlagenbau verschoben. Einst lag die deutsche Schlüsselindustrie mit einem Marktanteil von 30 Prozent auf Rang eins. Inzwischen dominieren chinesische Exportunternehmen. Maschinen im Wert von gut 5 Milliarden Euro wurden im vergangenen Jahr in den Iran exportiert. Davon entfielen 630 Millionen Euro auf Deutschland und 2,3 Milliarden Euro auf China. „Selbst im Optimalfall wird der chinesische Maschinenbau bei mehr als 10 Prozent Marktanteil bleiben, Korea wird seine neu gewonnenen Prozente hart verteidigen, und nicht zu vergessen - die USA sind wieder im Spiel“, sagt VDMA-Experte Klaus Friedrich. Ein Marktanteil von 15 bis 20 Prozent für den deutschen Maschinenbau wäre daher ein großer Erfolg.

Quelle: dpa

Für Daimler ist es eine Rückkehr in bekannte Gefilde. Bis zum Beginn des Embargos im Jahr 2010 haben die Schwaben vor Ort Lastwagen gefertigt. Dann versank die Fabrik im Dornröschenschlaf: Die Maschinen wurden sauber in Kisten verpackt, die Belegschaft nach Hause geschickt – aber vom iranischen Staat weiterbezahlt. Denn die Sanktionen, so waren sich alle Beteiligten sicher, sollten nur eine Episode sein. Die Fabrik kann nun zügig wieder angefahren werden.

Heute ist Iran einer der wenigen großen Hoffnungsträger für das Jahr 2016. Während der Boom in China schwächelt und die einstigen Wachstumsmärkte Russland und Brasilien regelrecht abstürzen, ist Teheran das Reiseziel der Wahl. Deutsche Unternehmen verkauften 2014 Waren im Wert von 2,4 Milliarden Euro in die Islamische Republik – allerdings waren es 2005 fast doppelt so viel. Doch der Blick geht nach vorn: Nach Schätzungen der Deutschen Industrie- und Handelskammer könnten es demnächst zehn Milliarden sein. Nach einem Jahrzehnt von Isolierung und Sanktionen mangelt es dem Land an allem: Lastwagen, Autos, Maschinen, Kraftwerke, Medizintechnik und nicht zuletzt Konsumgüter für die 80 Millionen Einwohner, von denen die Hälfte unter dreißig Jahren alt ist.

Die deutsche Industrie hat den Kontakt nicht abreißen lassen. Zwar haben Daimler und Siemens – auch mit Blick auf mögliche Verwerfungen mit den US-Behörden – ihre Beziehungen zu Teheran offiziell komplett gekappt. Andere wie der Stahlkonzern SMS oder der Gipshersteller Knauf blieben mit den Büros vor Ort. Es dürfte „nicht schwerfallen“ mit Iran wieder ins Geschäft zu kommen, hatte Munich-Re-Chef Nikolaus von Bomhard bereits im August gesagt. Vorsichtiger ist die Bankenbranche: Die Institute würden Iran-Geschäfte erst wieder aufnehmen, wenn es Klarheit darüber gebe, welche Transaktionen genau wieder erlaubt seien, sagte ein Sprecher des Privatbankenverbands (BdB) Ende Januar im Gespräch mit dem Handelsblatt. Immerhin wurde die Commerzbank in der Vergangenheit wegen Verstößen gegen US-Sanktionen mit einer Strafe von 1,45 Milliarden Dollar belegt.

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