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22.09.2015

09:05 Uhr

Emerging Markets

Bleibende Probleme

VonAndrea Cünnen, Anke Rezmer, Katharina Schneider

Die Fed hilft den Aktienmärkten nur kurzfristig, denn die verschobene Zinswende der US-Notenbank kann strukturelle Schwierigkeiten der Schwellenländer nur überdecken. Anleger fürchten eine Konjunkturschwäche.

„Schwellenländer sind derzeit die Aktien-Anlegerregion, die wir am stärksten untergewichten“, sagt Jonathan Garner, Chefstratege Aktien Asien und Schwellenläner bei Morgan Stanley (nicht im Bild). dpa

„Schwellenländer sind derzeit die Aktien-Anlegerregion, die wir am stärksten untergewichten“, sagt Jonathan Garner, Chefstratege Aktien Asien und Schwellenläner bei Morgan Stanley (nicht im Bild).

FrankfurtImmerhin: Die Investoren in den Schwellenländern haben der US-Notenbank zumindest ein wenig dafür gedankt, dass sie die Zinswende vorerst verschoben hat. Während die Aktienkurse in den Industrieländern am Freitag auf Talfahrt gingen, legten die Börsen in den Schwellenländern leicht zu. Der führende Index MSCI Emerging Markets gewann immerhin 0,3 Prozent und baute seinen Wochengewinn damit auf 3,4 Prozent aus.

Westliche Ökonomen sehen die Verzögerungstaktik der Fed jedoch kritisch - zumal sie den Schwellenländern allenfalls kurzfristig helfen dürfte. David Folkerts-Landau, Chefökonom der Deutschen Bank, findet es „unglücklich“, dass sich die Fed von den Schwankungen an den Märkten und den Sorgen um das Wirtschaftswachstum - vor allem in China und anderen Schwellenländern - beeinflussen ließ. Der Schritt zur Normalisierung der Geldpolitik wäre laut Folkerts-Landau „absolut angemessen“ gewesen.

Die Probleme der Schwellenländer

Brasilien

Präsidentin Dilma Rousseff genießt nur noch acht Prozent Zustimmung, vor allem wegen eines Korruptionsskandals. Der Autoabsatz ist im ersten Halbjahr um rund 20 Prozent eingebrochen. Die deutschen Autobauer müssen ihre Produktion spürbar drosseln. Die Inflation kletterte im Juli auf satte 9,56 Prozent – der Konsum bricht ein. Hinzu kommen externe Faktoren wie der schwache Ölpreis und die teils marode Infrastruktur.

Russland

Die Wirtschaft Russlands ist von April bis Juni um fast fünf Prozent geschrumpft. Die Talfahrt der Ölpreise macht dem von Rohstoffen abhängigen Land schwer zu schaffen. Hinzu kommen westliche Sanktionen und ein schwacher Rubel. Die Inflation beträgt aktuell mehr als 15 Prozent.

Indien

Laut eigenen Angaben ist die Wirtschaft Indiens aktuell um 7,3 Prozent gewachsen. Das überaus gute Ergebnis beruht allerdings auf einem Berechnungstrick der Regierung. Wichtige Sektoren wie die industrielle Produktion entwickeln sich weiter schwach. Die Infrastruktur ist völlig unzureichend, die Bürokratie enorm. Andererseits profitiert das Öl- und Gas-Importland von den niedrigen Rohstoffpreisen.

China

Die zweitgrößte Volkswirtschaft der Erde kämpft mit einer unerwartet schlechten Konjunktur, hohen Schuldenbergen, dem Platzen einer Aktienblase und schwachen Außenhandelszahlen. Die Zeiten des Turbo-Wachstums sind nach Meinung von Experten vorbei. Aktuell ist es so niedrig wie seit 1990 nicht mehr. Die überraschende Abwertung der Währung ließ ebenfalls Sorgen aufkommen, dass es um die Wirtschaft schlecht bestellt sei.

Südafrika

Präsident Jacob Zuma konnte bisher kein Skandal erschüttern. Die Wirtschaft in dem Land mit gut 50 Millionen Einwohnern schwächelt jedoch. Landesweite Stromausfälle würgen das geringe Wachstum ab und verhindern Neuinvestitionen. 2014 wuchs die Wirtschaft noch um 1,5 Prozent, was viel zu langsam ist. Die Arbeitslosenquote liegt offiziell bei 25 Prozent, bei Jugendlichen bei rund 35 Prozent. Der südafrikanische Rand hat stark an Wert verloren.

Dabei ändert die Verzögerung kaum etwas an der Lage der Schwellenländer, da die Fed die Zinserhöhung nur aufgeschoben, nicht aufgehoben hat. „Jegliche Rally bei den Emerging Marktes dürfte deshalb kurzlebig sein“, meint Murat Ulgen, Leiter des Schwellenländer-Researchs bei der Großbank HSBC. Aktien aus Emerging Markets seien zwar inzwischen eine günstige Anlage, aber die wirtschaftlichen und strukturellen Probleme seien noch groß.

„Solange die Unsicherheit über die Fed-Politik anhält, das heißt, bis es zum ersten Zinsschritt kommt, werden auch die Schwellenländer leiden“, sagt auch Jason Daw, Devisenanalyst bei der Société Générale. Gleichzeitig sei es nötig, dass die Administration in China Investoren wieder davon überzeuge, dass sie die Wirtschaft stabilisieren kann.

Für Neil Mellor, Währungsstratege bei der Bank of New York Mellon, gehört beides zusammen: Die Fed müsse hoffen, dass China nach dem Motto „Koste es, was es wolle“ wieder einen stabilen Wachstumspfad erreiche. Bis dahin täten sich Währungshüter um Notenbankchefin Janet Yellen schwer mit einer Zinserhöhung.

China ist seit dem Sommer das Sorgenkind der Märkte. Es waren die Anzeichen einer sich abschwächenden Konjunktur in der Volksrepublik, die Investoren verunsicherten und auch die Aktienmärkte in den Industrienationen kräftig gedrückt haben. Die 300 gewichtigsten Aktien der Festlandsbörsen in Schanghai und Shenzhen sind seit Mitte Juni um 30 Prozent eingebrochen. Der MSCI Emerging Market Index verlor seither 15 Prozent.

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